Nachgefragt bei Sebastian Werler, Panacoda

„Keiner kocht sein eigenes Süppchen“

Interview mit Sebastian Werler, Geschäftsführer von Panacoda

Sebastian Werler, Panacoda

„HTML5 wird noch mehr als heute auch neben Mobile an Relevanz gewinnen“, ist sich Sebastian Werler, Geschäftsführer von Panacoda, sicher.

Herr Werler, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse der Unternehmen an der App-Entwicklung auf Basis von HTML5?
Sebastian Werler:
Das Interesse der Unternehmen an plattformunabhängigen Technologien, allen voran HTML5, ist groß. Die Unternehmen reizt die Vision, mit einer Technologie mehrere Plattformen bedienen zu können. Die Kosteneffizienz ist dabei ausschlaggebend. Es gibt visionäre Kunden, die bereits heute voll auf HTML5 setzen. Konservative Entscheider sind bei der Wahl eher zurückhaltend, fordern Prototypen an und entscheiden auf dieser Basis. Das grundlegende Interesse ist jedoch groß – das Know-how in den jeweiligen Unternehmen aber nur vereinzelt vorhanden.

Inwieweit unterstützen Sie als Anbieter bereits diese Entwicklung? Und welche Umstellungen waren hierfür in Ihrer Entwicklungsabteilung vonnöten?
Werler:
Panacoda setzt voll auf HTML5 und wurde auf Basis dieser Technologie gegründet. Mit unserem Open-Source-Framework „The-M-Project“ haben wir die HTML5-Entwicklung schon früh aufgegriffen und ein Werkzeug für Mobile-Entwickler geschaffen. Wir sehen uns als Evangelisten für HTML5 und treten gegenüber Kunden und Mitbewerbern als HTML5-Unternehmen auf – wenngleich unser Entwickler-Know-how auch die native Entwicklung mit einschließt.

Unsere Entwickler haben sich im Zuge der App- und Framework-Entwicklung tiefergehend mit dem Thema beschäftigt und sich dabei implizit weitergeschult. Spezielle Schulungen waren zu Beginn unserer Beschäftigung mit dem Thema noch nicht verfügbar. Dazu war dieses zu neu am Markt.

Offiziell soll HTML5 erst 2014 verabschiedet werden, obgleich schon jetzt fleißig damit programmiert wird. Wie schätzen Sie die Möglichkeit eines „Fallbacks“ für die Entwickler nach offiziellem Release ein?
Werler:
Entgegen der ursprünglichen Ankündigungen hat das W3C (World Wide Web Consortium) bereits Ende 2012 die Arbeiten am HTML5-Standard für abgeschlossen erklärt. Natürlich müssen die Browserhersteller nun nachziehen. In der Praxis sind daher immer noch Unterschiede zwischen den Plattformen an der Tagesordnung. Diese werden aber mit Voranschreiten der Implementierungen immer marginaler.

Der Standard ist verabschiedet. Auf etwaige Änderung der Implementierung seitens der Hersteller muss der Entwickler geringfügige Anpassungen vornehmen. Mit größeren Änderungen ist in der Breite jedoch nicht zu rechnen.

Welche Grenzen setzt HTML5 bei der App-Erstellung? Und welche Risiken birgt der Standard?
Werler:
Der Standard birgt in sich kein Risiko. Das Risiko liegt in der unterschiedlichen Interpretation und Umsetzung des Standards seitens der Browserhersteller. Am Markt zeichnet sich gerade eine Fokussierung auf webkit-basierte Browser ab, wie sie auch Android- und iOS-Geräte mitbringen. Andere Browser wie der Internet Explorer, der in der neuesten Version zu Chrome und Co. definitiv aufgeschlossen hat, fallen dabei oftmals hinten ab. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir arbeiten diesem Trend entgegen. Diese Technologien vergrößern die Einsatzmöglichkeiten von HTML5 nochmals um Funktionalitäten, die sonst nur der nativen Entwicklung zugänglich sind.

Worin sehen Sie wiederum die Stärken von HTML5?
Werler:
Die Stärken liegen ganz klar in der Hersteller-, Plattform- und Geräteunabhängigkeit. Durch diese Form von „write once, run anywhere“ ergibt sich natürlich ein hervorragendes Preis-/Leistungsverhältnis. Zusätzlich ist auf dem Markt eine Vielzahl von Entwicklern vorhanden, die sich schon seit Jahren mit dem Thema Web beschäftigen. Ein weiterer Vorteil liegt in der Offenheit des Standards – denn kein Hersteller kocht sein eigenes Süppchen. Die Arbeit am Standard wird von akademischer Seite und von der Industrie vorangetrieben. Und zuletzt sehen wir einen großen Vorteil von HTML5 in der Unabhängigkeit der zugrundeliegenden Hardware. Der Einsatz von HTML5 beschränkt sich nicht nur auf den Mobile-Bereich, sondern zunehmend auch auf den Desktop-, SmartTV- und vor allem im Automotive-Sektor im Bereich Infotainment-Systeme.

Inwiefern ist auch die Entwicklung nativer Apps auf Basis von HTML5 möglich?
Werler:
HTML5-Apps können mit nativen Komponenten auf allen gängigen Mobile-Plattformen umfangreich erweitert werden. Wir sprechen dann von einer „Hybrid-App“. Auf den Plattformen Windows 8, Blackberry 10 oder Firefox OS ist HTML5 aber auch Technologie der Wahl zur Entwicklung nativer Apps. Mit sogenannten Cross-Compilern wie „Titanium“ lassen sich ebenfalls aus HTML5-Apps native Anwendungen generieren.

Inwieweit könnte HTML5 andere Programmiersprachen bzw. native Apps verdrängen?
Werler:
HTML5 an sich ist keine Programmiersprache, sondern eine Sammlung von Technologien. Ganz verdrängen wird HTML5 die native Entwicklung nicht. Sie wird sich jedoch als gleichwertige Technologie platzieren und die native Entwicklung wie Spiele oder stark grafiklastige Anwendungen in Nischen drängen. Die Kombination beider Technologien, die Hybrid-App, ist heute und wird auch mittelfristig die produktivste Wahl sein.

Inwieweit wird die App-Entwicklung auf Basis von HTML5 den App Store und Google Play Store beeinflussen?
Werler:
Der Vertriebskanal App Store ist in dieser Form rein mit der HTML5-Technologie nicht zu ersetzen. Ein großer Anteil der Apps in den Stores ließe sich heute aber schon mit HTML5 in gleicher Qualität entwickeln.

HTML5 öffnet die Mobile-Entwicklung sowie die App Stores für eine neue Entwicklergeneration, die aus dem Webbereich in die mobile Welt stößt und sich in der nativen Entwicklung aufgrund der unterschiedlichen Programmiersprachen nicht wiederfindet. Für die App Stores bedeutet dies potenziell mehr Apps in den Stores.

Über welche Plattformen oder Stores werden die HTML5-Apps selbst vertrieben?
Werler:
Als Hybrid-App in einem nativen Container können HTML5-Apps mit geringem Aufwand in die Vertriebswege nativer Apps, den App Stores, eingebracht werden. Als reine Web-App können sie wie „reguläre“ Webanwendungen/-seiten auf einfache Weise auf einem Webserver gehostet werden. In dieser Flexibilität liegt ein weiterer großer Vorteil. Weiterhin existieren auch für Web-Apps bereits App Stores, die im Angebot den Hersteller-Stores, z.B. OpenAppMarket, jedoch noch nachstehen.

Wer prüft die Sicherheit der Apps, wenn Sie frei im Netz verfügbar sind?
Werler:
Die Sicherheit kann auf zwei Ebenen gewährleistet werden: Zum einen kann der Entwickler über Authentifizierungsmechanismen in der Anwendung Sorge tragen, dass die App nur dem gewünschten Personenkreis zur Verfügung steht. Zum anderen kann der Betreiber der Anwendung über die gängigen Wege, wie Hosting im Intranet, Zugang z.B. über VPN, sicherstellen, dass unbefugte keinen Zugriff auf eine Anwendung erhalten.

Wie schätzen Sie die zukünftigen Entwicklungen im Bereich HTML5 ein und wie werden wohl Apple und Google darauf reagieren?
Werler:
Google, Apple und weitere große „Player“ der IT-Industrie beteiligen sich aktiv an der Entwicklung des Standards. Apple ist mit seinen Systemen im Support von HTML5 ganz vorne, Google setzt mit Chrome OS und weiteren Produkten bereits voll auf HTML5 und das Web. Die Entwicklung von HTML5 stagniert nicht, Version 5.1 ist bereits in Planung. Vermutlich werden sich durch den breiten Einsatz von HTML5, z.B. im In-Car-Infotainment, Anforderungen ergeben, die heute noch nicht oder nur in kleinem Maße Bestandteil der Technologie sind. Sprachsteuerung im Speziellen sowie die noch tiefergehende Unterstützung von Hardware direkt aus dem Browser heraus, werden in Zukunft auf dem Programm stehen. HTML5 wird noch mehr als heute auch neben Mobile an Relevanz gewinnen. Auf dem Weg dorthin wird Flash unserer Einschätzung nach nicht das letzte Opfer sein.

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