Herstellung von Smartphones, Tablets, Laptops und Co.

Mangelhafte IT-Produktionsbedingungen

Im Interview berichtet Sebastian Jekutsch, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Faire Computer" des Fiff e.V., Forum von Informatikern für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung, über die mitunter mangelhaften Umstände in der IT-Produktion.

  • Bildquelle: Fairphone

    Der Hersteller Fairphone will Transparenz über die eigenen Rohstoffquellen vermitteln.

  • Sebastian Jekutsch, Fiff e.V.

    Sebastian Jekutsch, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Faire Computer" des Fiff e.V., Forum von Informatikern für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung,

Herr Jekutsch, wie gestalten sich Ihrer Ansicht nach die Arbeitsbedingungen – beispielsweise hinsichtlich Arbeitszeit, Entlohnung sowie Arbeitsschutz – in den Produktionsstätten der PC-, Smartphone- und Tablet-Herstellern bzw. bei deren Auftragsfertigern und Zulieferern?
Sebastian Jekutsch:
Das größte Problem ist der Arbeitsdruck, der sich äußert in Pflichtüberstunden, Beschimpfungen durch Vorgesetzte, extrem arbeitsteilige und damit stupide Fließbandarbeit, Unterdrückung von Streiks, fehlendem Training beim Einsatz von Chemikalien, kurzfristige Rekrutierung von Leiharbeitern mit noch weniger Rechten und so weiter und so fort. Der Druck wird letztlich von den bekannten Markenherstellern erzeugt, bei denen wir einkaufen, damit die ihre Produktpräsentationen wie geplant hinbekommen.

Inwiefern haben sich nach dem Selbstmord-Skandal bei Foxconn vor fünf Jahren die Produktionsbedingungen verbessert?
Jekutsch:
Die Arbeiter haben bei Foxconn ganz konkret eine Lohnerhöhung erhalten, was an den Arbeitsbedingungen aber gar nichts geändert hat, zudem stiegen die Lebenskosten in den chinesischen Städten in gleichem Maße. Apple als größter Auftraggeber im Mittelpunkt des damaligen medialen Interesses hat ebenfalls reagiert mit verschiedenen kleinen Forderungen an die Vertragspartner, an ihrem harten Verhandlungs-Business haben sie aber festgehalten. Dennoch: Man achtet nun auf die Arbeitsbedingungen. Aber es gibt gewiss bessere Arten des Protests.

Welche krassen Missstände findet man immer noch vor?
Jekutsch:
Ich nenne mal ein gerade viel diskutiertes Beispiel: Um einen Job in Malaysias Elektroindustrie zu bekommen, zahlen Gastarbeiter aus zum Beispiel Nepal hohe Vermittlungsgebühren, wodurch sie sich verschulden und somit in einer Art Schuldknechtschaft während der ersten Arbeitsmonate im wesentlichen genau diese Schulden abbezahlen. Wenn sie den Job zu früh verlieren, können sie in aller Regel nicht einmal wieder nach Hause, weil das Geld für den Flug fehlt. Ein anderes Beispiel: Von ihren Lehrern werden Schüler oder Studierende in China für ein Pflichtpraktikum an die Fabriken quasi verkauft, wo sie dann die gleiche stupide Schichtarbeit machen wie alle anderen, allerdings ohne Geld dafür zu bekommen. Beides ist praktisch Zwangsarbeit.

Inwieweit fallen hier Unterschiede hinsichtlich der Produktionsstandorte ins Gewicht?
Jekutsch:
Was wir als faire Arbeitsbedingungen bezeichnen findet sich sicher in europäischen Standorten eher wieder als in Fernost oder Lateinamerika. Das liegt nicht so sehr an den gesetzlichen Bestimmungen – die chinesischen Arbeitsgesetze etwa sind recht modern – sondern an der Einhaltung und Kontrolle der Gesetze. Die werden in vielen typischen Produktionsländern nämlich nicht so genau genommen, so dass letztlich das passiert, was die Arbeiter in ihrer prekären Lage bereit sind mit sich machen zu lassen.

Stichwort „verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen“: Inwieweit ist die die Transparenz über die Herkunft von in Smartphones und Tablets genutzten Rohstoffen gegeben?
Jekutsch:
Um herauszubekommen woher die Rohstoffe in ihren Geräten kommen, müssen die Firmen einige Arbeit investieren, denn durch viele Zwischenhändler und dem Zusammenschütten mehrerer Quellen ist eine Nachverfolgung nicht einfach. Dank eines amerikanischen Gesetzes wissen wir von US-börsennotierten Firmen immerhin ziemlich genau, wo die vier wichtigen Rohstoffe Zinn, Tantal, Wolfram und Gold herkommen, d.h. Hewlett-Packard oder Apple haben solche Listen veröffentlicht, Lenovo oder Samsung nicht. So ein Gerät hat aber mindestens dreißig Rohstoffe.

Inwieweit läuft der Abbau der benötigten Rohstoffe sowohl sozial verträglich als auch ökologisch korrekt abläuft? Welche Kontrollen werden in diesem Zusammenhang durchgeführt?
Jekutsch:
Ob Rohstoffabbau überhaupt ökologisch korrekt ablaufen kann, ist sehr fraglich, schließlich werden riesige Gebirgsflächen samt Wäldern unwiederbringlich zerstört. Die Sozialverträglichkeit ist oft schon allein durch die Vertreibung der Bevölkerung in diesen Gebieten in Frage gestellt. Es gibt ein paar Initiativen, die Zertifikate ausstellen, Bedeutung haben sie keine und niemand fragt danach. Oft hängen die Regierungen tief in den Konzessionsgeschäften mit drin. Sicherlich sind die Bedingungen etwa in Australien besser als zum Beispiel in Zentralafrika, da aber allgemeiner Rohstoffmangel herrscht, wird aus allen Abbaugebieten gekauft.

Inwieweit finden gesundheitsgefährdende Stoffe Eingang in die Produktion von Smartphones und Tablets?
Jekutsch:
Hightech ist nur mit viel Chemie möglich. Das beginnt schon bei den Siliziumwafern für die Prozessoren, die in mehreren Schichten geätzt, beschichtet und gereinigt werden. Bei Samsung klagen aktuell Krebsopfer Entschädigung ein. Aber auch für so etwas Banales wie dem Blankputzen der Oberflächen von Smartphones werden nicht etwa Wischtücher, sondern Reinigungslösungen eingesetzt, denen die Arbeiter ausgesetzt sind, denn damit geht die Reinigung schneller. Mehr zu diesen Themen findet man auch in unserem Blog blog.faire-computer.de.

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