Mobile Health

Medical Apps für die Patientenversorgung

Mobile Technologien bieten großes Potential für das Gesundheitswesen – darüber sind sich Experten einig. Doch trotz erfolgversprechender Pilotprojekte kommen mobile Technologien erst langsam im medizinischen Alltag an. Über den aktuellen Stand, die großen Chancen von Medical Apps für die Patientenversorgung sowie deren komplexe Anforderungen sprachen wir mit Dr. Stefan Becker vom Universitätsklinikum Essen.

„Mobile Technologien können Prozesse in Krankenhaus und Praxis verbessern, die Transparenz für den Patienten erhöhen und unter Umständen die Notwendigkeit von Klinikaufenthalten reduzieren“, glaubt Dr. Stefan Becker.

Herr Dr. Becker, inwiefern sind mobile Technologien im medizinischen Alltag angekommen?
Dr. Stefan Becker:
In einigen Ländern sind mobile Technologien zum Teil schon sehr gut in den medizinischen Alltag integriert. Ärzte der US-amerikanischen Mayo Clinic können beispielsweise seit Jahren über eine iOS-App auf Patienteninformationen zugreifen und selbst Daten erfassen. Und auch in Asien sieht man einige Beispiele für die Nutzung mobiler Dienste im Klinikalltag. In Deutschland gibt es dagegen noch deutlichen Nachholbedarf. Das liegt auch daran, dass IT in Gesundheitseinrichtungen hierzulande lange ein eher untergeordnetes Thema war. Die Folge ist, dass uns jetzt die Grundlagen wie etablierte Standards und Regelungen im Datenschutz und in Haftungsfragen fehlen, um schnell von innovativen, technischen Möglichkeiten zu profitieren. Allein ein intersektorales Kommunikationsframework zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten zu schaffen ist eine große Herausforderung – von der Integration mobiler Technologien ganz zu schweigen. Pilotprojekte zeigen zwar das große Potential von M-Health-Ansätzen. Aktuell können die Bedürfnisse von Ärzten und Patienten aber mit den bestehenden Möglichkeiten noch nicht optimal adressiert werden.

Wellness- und sportorientierte Apps für eine junge, gesunde Zielgruppe sind populär. Was können „echte“ Medical Apps für die Patientenversorgung von diesem Trend lernen?
Dr. Becker:
„Echte“ Medical Apps lassen sich nicht ohne weiteres mit den wellness- und sportorientierten Apps vergleichen, die gerade im Trend liegen. Medizinische Apps stehen einer komplexeren regulatorischen Situation gegenüber: Unterliegt eine App den Richtlinien für Medizinprodukte, steht zwischen Entwicklung und Markteintritt ein langwieriger, kostenintensiver Prozess. Vor der Zulassung ist eine sogenannte Konformitätsbewertung Pflicht. Dabei muss die Software-Entwicklung entsprechend dokumentiert und eine Risikobewertung durchgeführt werden. Das hemmt natürlich Innovationen und führt dazu, dass Medical Apps im Vergleich zu Wellness- und Fitness-Apps deutlich langsamer auf den Markt kommen.

Allerdings können die Entwickler von Medical Apps von den Erfahrungen in anderen Bereichen profitieren, zum Beispiel wenn es darum geht, die Bedürfnisse verschiedener Nutzergruppen zu berücksichtigen. Ältere, weniger technikaffine Zielgruppen stellen ganz andere Anforderungen an eine App als User, die mit mobilen Technologien aufgewachsen sind. Für patientenzentrierte Medical Apps bedeutet das: Es gibt nicht eine App für eine Erkrankung, sondern unterschiedliche Apps und Systemlösungen für unterschiedliche Zielgruppen, die unterschiedliche Bedürfnisse haben, allerdings von derselben Erkrankung betroffen sind. Bei einigen Patientengruppen werden Nutzungsgewohnheiten zudem durch kognitive Einschränkungen oder – oft bedingt durch eine chronische Erkrankung – eine bei bestimmten Patientengruppen gehäuft vorkommende schlechtere wirtschaftliche Situation beeinflusst. Unsere Studie zu chronisch nierenkranken Patienten zeigt, dass diese Patienten zwar mobile Endgeräte nutzen, die wenigsten verfügen aber über ein High-End-Smartphone. Für eine Nutzung in der Patientenversorgung kann daher – abhängig davon, welche Technologie wirklich bei der jeweiligen Zielgruppe ankommt – ein Text-Messaging-Dienst unter Umständen sinnvoller sein als eine iOS- oder Android-App.

Wo liegen die Chancen für mobile Technologie im klinischen Bereich, beispielsweise bei der Betreuung chronisch kranker Patienten?
Dr. Becker:
Mobile Technologien können Prozesse in Krankenhaus und Praxis verbessern, die Transparenz für den Patienten erhöhen und unter Umständen die Notwendigkeit von Klinikaufenthalten reduzieren. Besonders vielversprechend ist der Einsatz von Mobile Health in der Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, koronarer Herzkrankheit oder auch nach einer Organtransplantation. Für sie spielt eine regelmäßige, korrekte Medikamenteneinnahme, die sogenannte Therapieadhärenz, eine zentrale Rolle für den Behandlungserfolg – und ist dabei für viele Patienten eine Herausforderung: Manche können sich nach der Diagnose nur mühsam an die Medikamenteneinnahme gewöhnen, bei anderen verändern sich nach Monaten oder Jahren die Prioritäten, immer öfter werden die Arzneimittel vergessen. Eine simple Erinnerung durch SMS oder App erscheint auf den ersten Blick trivial, kann aber die Einnahmetreue nachweislich verbessern. Zudem erhöht sich die Transparenz für den Patienten, der über mobile Technologie stärker in die Behandlungsprozesse eingebunden werden kann: Er kann Therapiepläne jederzeit einsehen, Vitalparameter und das eigene Befinden selbst dokumentieren. Ein gutes Beispiel ist die App „mySugr“: Das Diabetes-Tagebuch unterstützt Patienten dabei, bei der Therapie dauerhaft motiviert zu bleiben und ermöglicht einen Überblick über die eigenen Daten. Spielerische Elemente wie Challenges und Social-Sharing-Funktionen sprechen dabei gerade jüngere Zielgruppen an.

Ein Beispiel aus der Betreuung von Patienten mit chronischen obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) am Telemedizinischen Zentrum Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart, zeigt, wie zeitgemäße Technologien die Kommunikation von Arzt und Patient unterstützen können. Die Betroffenen erhalten zu diesem Zweck ein telemedizinisches Home-Monitoring-System, mit dem sie die Lungenfunktion messen. Die Daten werden an das telemedizinische Zentrum übertragen und dort kontrolliert. Wenn sich bestimmte Werte verschlechtern, informiert das Zentrum den Patienten, so dass geeignete Maßnahmen abgestimmt und eingeleitet werden können. Auf diese Weise kann die Lebensqualität der Patienten gesteigert und eine Verschlechterung der Krankheit vermieden oder verzögert werden.

Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten von digitalen Technologien in der Patientenversorgung?
Dr. Becker:
Digitale Technologien bieten Chancen für die gesamte Patientenversorgung und lassen sich auch zur Unterstützung von Vorsorgemaßnahmen nutzen. Verschiedene Untersuchungen zeigen einen positiven Einfluss von mobilen Anwendungen auf Lebensstilveränderungen, beispielsweise auf die Gewichtsreduktion oder körperliche Aktivität von Bluthochdruckpatienten. Erhöhter Blutdruck ist der wichtigste Risikofaktor für Herz-Kreislauf- und chronische Nierenerkrankungen. Dabei ist das Präventionspotenztial sehr hoch, da Faktoren wie mangelnde körperliche Aktivität, ungesunde Ernährung, Übergewicht und Stress die Entstehung eines erhöhten Blutdrucks wesentlich mitbegünstigen. M-Health-Ansätze können entscheidend dazu beitragen, den Patienten zu den notwendigen Veränderungen seines Lebensstils anzuleiten, das Gewicht zu reduzieren und sich regelmäßig zu bewegen. Eine elektronische Erfassung der Blutdruckwerte durch die Kombination eines Smartphones mit einem Blutdruckmessgerät kann außerdem das Fehlerrisiko bei der Kontrolle und Dokumentation der Werte reduzieren, die nicht nur auf dem Smartphone gespeichert, sondern auch dem Arzt zugänglich gemacht werden können.

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Welche Anforderungen müssen dabei bewältigt werden?
Dr. Becker:
Damit die Chancen von M-Health in der Praxis genutzt werden können, müssen eine Reihe von medizinischen, technischen, regulatorischen und psychologischen Anforderungen miteinander in Einklang gebracht werden. Aus medizinischer Sicht geht es darum, zu belegen, dass ein Ansatz eine wirkliche Therapieverbesserung darstellt. Dabei steht der oft sehr langwierige Nachweis im Rahmen einer klinischen Studie in Konflikt zum technologischen Fortschritt. So kann eine Medical App technisch bereits überholt sein, wenn ihr Nutzen klar belegt ist. Daher braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschern und Entwicklern, um geeignete Lösungen auf den Markt zu bringen.

Auf der technischen Seite sind vor allem Interoperabilität und die Integration in bestehende Infrastrukturen wichtige Anforderungen. Entscheidend ist beispielsweise, dass sich mobile Technologien in bestehende Kommunikationssysteme einbinden lassen. Weitere Anforderungen ergeben sich aus der regulatorischen Situation: Mit Blick auf mögliche Schadensfälle, die auf einen M-Health-Einsatz zurückgeführt werden können, sind unbedingt klare Haftungsregelungen nötig. Den aufwändigen Zulassungsprozess für Medizinprodukte habe ich bereits erwähnt. Für eine App sind die Regularien des Medizinprodukte-Gesetzes noch in anderer Hinsicht eine Herausforderung: Denn nach aktuellem Stand muss jedes Update erneut eine Konformitätsbewertung durchlaufen. Der Gesetzgeber hat das erkannt und befasst sich seit einiger Zeit intensiv damit, wie die Grundlagen geschaffen werden können, damit digitale Technologien ihr Potential künftig auch in der Gesundheitsversorgung entfalten können.

Enorm wichtig sind auch die psychologischen Anforderungen: Dabei kommt es darauf an, den unterschiedlichen Bedürfnissen der unterschiedlichen Zielgruppen gerecht zu werden. Zahlreiche Apps werden nach dem Download nur noch wenig genutzt. Denn das Interesse der User lässt schnell nach, wenn eine App ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt, nicht den Erwartungen entspricht und es an Usability mangelt.

Auch die Bundesregierung versucht, die Digitalisierung im Gesundheitssektor mit dem E-Health-Gesetz voranzutreiben – wie beurteilen Sie den Stand dieser Initiative?
Dr. Becker:
Ich kann mich hier nur meinem Kollegen Dr. Urs-Vito Albrecht anschließen, der sich an der Medizinischen Hochschule Hannover intensiv mit dem Bereich M-Health beschäftigt. Er hat sich kürzlich sehr positiv über die politische Auseinandersetzung mit diesem Thema geäußert und meint, dass die Bestrebungen der Bundesregierung „das Feld in Schwingungen versetzen“. Was als spürbare Bewegung daraus resultiert, wird sich noch zeigen.

Sie haben im Rahmen der iNephro-Initiative mobile Anwendungen zur Unterstützung der Therapietreue bei chronisch kranken Patienten genutzt. Wie stellte sich das Projekt in der Praxis dar? Was sind die Erfahrungen aus dieser Initiative und ggf. aus vergleichbaren Projekten?
Dr. Becker:
Auf die Idee, das Smartphone für eine systematische Unterstützung chronisch Nierenkranker zu nutzen, brachte uns ein junger Patient: Bei einem Dialyse-Termin hatte er seinen Therapieplan zuhause vergessen, zeigte aber begeistert die Funktionen seines neuen Smartphones und sagte zuletzt: „Ohne mein iPhone ist es mir hier zu langweilig.“ An der Klinik für Nephrologie des Universitätsklinikums Essen beschlossen Prof. Andreas Kribben und ich daher, gemeinsam mit einigen Kollegen und Partnern die Möglichkeiten des Smartphones im Hinblick auf  Therapieadhärenz und Vitalparameterdokumentation zu untersuchen. Seit dem Start im Jahr 2010 wurde die iOS-App “iNephro” mehr als 40.000mal heruntergeladen. Sie bietet einen persönlichen Medikationsplan und die Möglichkeit, Werte wie Blutdruck, Gewicht und Blutzucker zu erfassen. Wir haben sehr positive Rückmeldung von Patienten, Medien und Fachgesellschaften bekommen und konnten zeigen, dass sich die Therapietreue mithilfe von Apps tatsächlich verbessern lässt.

Gemeinsam mit der RWTH Aachen haben wir zudem eine Usability-Studie mit älteren Patienten durchgeführt: Dabei konnte auch bei vermeintlich wenig technikaffinen Nutzergruppen eine hohe Akzeptanz der mobilen Dienste und eine höhere Adhärenz nachgewiesen werden. Voraussetzung dafür war die Einbettung in ein stimmiges Service-Konzept mit einer persönlichen Einweisung in die Nutzung. In einer anderen Studie zeigte sich zudem, dass ältere Smartphone-Nutzer und solche mit besonders komplexer Medikamenteneinnahme das Smartphone zur Unterstützung der Behandlung besonders lange und intensiv nutzen.

Im Rahmen der Medizinmesse Medica präsentieren sich auch einige Start-ups. Welches sind für Sie spannende Kandidaten und warum?
Dr. Becker:
Im Rahmen des eHealth Venture Summit, der in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge auf der Medica stattfindet, werden sich auch in diesem Jahr wieder interessante Start-up-Unternehmen vorstellen. Die Veranstaltung bietet jungen Unternehmen aus dem E-Health-Bereich eine Plattform, um sich mit Experten aus Klinik und Wirtschaft auszutauschen. Bereits im vergangenen Jahr haben sich eine Reihe internationaler Start-ups für den eHealth Venture Summit & Innovation Award beworben – gewonnen hat diesen 2014 BioGaming, ein Ansatz der Physiotherapie und Gaming zusammenbringt. In diesem Jahr verzeichnen wir ein deutlich gestiegenes Interesse und merken, dass die Veranstaltung auf dem besten Wege ist, sich als feste Größe zu etablieren. Für den Innovationspreis haben sich deutlich mehr junge Unternehmen aus Deutschland beworben als im Vorjahr. Mit dabei ist beispielsweise die Ordermed GmbH, die mit Vitabook ein Patienten-moderiertes Gesundheitskonto vorstellen möchte. Daneben sind aber auch interessante Firmen aus dem „Mobile“-Bereich dabei wie die Personal MedSystems GmbH, deren Produkte insbesondere kardiologische Patienten adressieren.




E-Health Venture Summit
17. November 2015 auf der Medica in Düsseldorf
Die Veranstaltung richtet sich an Unternehmen aus Pharmaindustrie, Versicherungswirtschaft, Telekommunikation, Medizintechnik und Krankenhäuser sowie Start-ups aus dem Bereich E-Health. Ausrichter sind das Universitätsklinikum Essen (UK Essen) in Kooperation mit dem Ono Academic College, Israel, und dem Syte Institute, Hamburg.


Der E-Health Venture Summit bietet eine Plattform, um die neuesten Trends und Innovationen sowie aktuelle Investitionsoptionen in der digitalen Gesundheitsbranche zu präsentieren. Start-ups ermöglicht die Veranstaltung, ihre Ideen vorzustellen und Kontakte zu potentiellen Investoren zu knüpfen. Eins der jungen Unternehmen erhält zudem den Innovationspreis „eHealth Venture Summit & Innovation Award".

http://evs.ehealth-syte.com

 
Dr. Stefan Becker...
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ist Oberarzt und Transplantationsbeauftragter am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) sowie Geschäftsführer des Instituts für Arzneitherapiesicherheit. Der Nephrologe und Diabetologe befasst sich seit Jahren intensiv mit den Chancen und Hemmnissen des Einsatzes digitaler Technologien in der Patientenversorgung und war unter anderem Leiter der Projektgruppe „iNephro“ am UK Essen, die als eine der ersten die Umsetzung einer mobilen Anwendung zur Unterstützung der Therapieadhärenz untersuchte. Zusammen mit namhaften Institutionen hat er zahlreiche Studien zu dem Themengebiet M-Health initiiert und im Team durchgeführt. Dr. Stefan Becker ist einer der Organisatoren und Juroren des „eHealth Venture Summit & Innovation Award", der in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge im Rahmen des Health IT Forums auf der Medica (Düsseldorf, 16. bis 19.11.2015) stattfindet.




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