Negative Assoziationen

Middleware: Ein Fremdkörper im System?

Im ERP- oder CRM-System integrierte mobile Lösungen für den Außendienst benötigen eigentlich eine Middleware. Einige Anbieter behaupten jedoch, ihre Lösungen funktionieren auch ohne diese „Zwischenanwendungen“. Im Interview berichtet Jens Beier, Division Manager SAP Solutions & Technology bei Axians IT Solutions, welche Aufgaben Middleware übernimmt.

Jens Beier, Axians

Mit seiner Expertise hat Jens Beier in den letzten zehn Jahren mehr als 100 SAP-CRM- und SAP-Mobility-Projekte auf Management-Ebene begleitet.

Herr Beier, warum ruft der Begriff „Middleware“ in vielen IT-Abteilungen negative Assoziationen hervor?
Jens Beier:
Middleware benötigt oft zusätzliche Lizenzen sowie Infrastruktur und verursacht damit auch zusätzliche Kosten. Zudem bedeutet sie einen zusätzlichen Betreuungsaufwand – vor allem im laufenden Betrieb einer mobilen Lösung. Außerdem haben Anwender nur wenige Eingriffsmöglichkeiten – die Middleware ist für sie ein Fremdkörper im System. Daher sträuben sie sich dagegen, weil sie – fälschlicherweise – glauben, es ginge auch ohne. Denn sie benötigen für ihre privaten Android- oder Apple-Geräte ja auch keine Middleware.

Welche Rolle spielt Middleware heutzutage, wenn etwa der Außendienst eines Unternehmens mit einer ins Customer-Relationship-Management- (CRM) oder Enterprise-Resource-Planning-System (ERP) integrierten mobilen Vertriebslösung ausgestattet werden soll?
J. Beier:
Eine mobile Lösung besteht in der Regel aus der Anwendung selbst, den Quellsystemen, die Daten liefern und Prozesse steuern, sowie einer Komponente dazwischen – der „Middleware“. Diese verteilt relevante Daten in bestimmter Menge an die richtigen Anwender, stellt bei Updates neue Software-Versionen zur Verfügung, verschlüsselt Daten und offenbart Datenkonflikte, wenn im Backend Verbuchungskonflikte entstehen. Aufgrund dieser vielfältigen Aufgaben ist eine Lösung ganz ohne Middleware normalerweise kaum möglich.

Was sind hier die wichtigsten Aufgaben einer Middleware?
J. Beier:
Middleware ermöglicht eine intelligente Datenverteilung, sodass die Unternehmen ihre mobilen Lösungen auch offline nutzen können. Die Daten werden dazu vorher verteilt und synchronisiert. Jeder Mitarbeiter bekommt allerdings nur die Daten, die er wirklich benötigt. Im Ergebnis kommt der Außendienstmitarbeiter so schneller an relevante Daten – etwa den Ansprechpartner oder die Geräte, die der Kunde im Einsatz hat.

Je mehr Anwender ein Unternehmen hat, desto größer muss beispielsweise das SAP-System infrastrukturell sein, was mit Kosten verbunden ist. Middleware kann die Last entzerren, indem sie die Daten auf einer Meta-Ebene vorhält. Dadurch können Infrastrukturkosten reduziert und zudem die Performance gesteigert werden.

Middleware kann darüber hinaus Sicherheitslücken vermeiden, wie sie durch einen Verlust des Endgeräts oder durch einen Wechsel des Mitarbeiters zu einem Wettbewerber entstehen. Der Außendienstmitarbeiter erhält nur genau die Daten, die er wirklich benötigt. Middleware unterstützt hier Mobile-Device-Management-Lösungen (MDM) auf der Prozessseite durch Authentisierungs- sowie Verschlüsselungsverfahren.

Zudem müssen Unternehmen Updates schnell an alle Mitarbeiter verteilen, besonders bei Fehlern in Anwendungen. Verteilt ein Administrator diese zentral, könnten wichtige Daten überschrieben werden, die noch nicht synchronisiert waren. Daher ist auch hierfür eine Zwischenanwendung sinnvoll, die den Geschäftskontext differenziert.

Worin besteht zugleich die Herausforderung bei der Anbindung mobiler Vertriebslösungen per Middleware?
J. Beier:
Je nach Einsatzgebiet variieren die Anforderungen an die mobilen Anwendungen. Anhand von Best Practices lassen sich viele Regeln automatisieren – etwa die manuelle Nachverbuchung von Datenkonflikten. Auch die Wahl der Endgeräte spielt eine Rolle: Manche Unternehmen legen sich langfristig fest, andere wollen lieber flexibel bleiben.

Welche Alternativen gibt es für Unternehmen, wenn sie auf Middleware verzichten wollen?
J. Beier:
Bei der Lagerlogistik, einem der häufigsten mobilen Anwendungsbereiche neben Service, Instandhaltung und Vertrieb, ist eine Middleware meist nicht nötig. Hier werden Barcodes über eine große Distanz in einem Lager gescannt, um beispielsweise Lagerplätze von Produkten zu verändern. Mit geeignetem WLAN sowie einfachen Datenstrukturen funktioniert dies online meist problemlos. Hier bieten sich hybride Lösungen an, bei denen die eigentliche Anwendung offline auf dem Endgerät läuft und die Daten erst später aktualisiert werden.

Gibt es tatsächlich mobile Vertriebslösungen, die ohne „Zwischenanwendungen“ funktionieren?
J. Beier:
Für Regionen mit mangelnder Netzabdeckung oder sehr langsamer Internetverbindung ist eine Middleware eigentlich unumgänglich, weil Mitarbeiter in Service und Instandhaltung auf gute Offlinefähigkeit oder den Zugriff auf ältere Daten angewiesen sind. Theoretisch könnten sie online im Webbrowser arbeiten – das dauert aber länger und sobald sie offline arbeiten müssen, treten Probleme auf.

Wie könnte man das Thema „Middleware“ den Anwendern zukünftig schmackhafter vermitteln?
J. Beier:
Die Anwender sehen die Middleware nicht, das heißt im Umgang mit der mobilen Lösung ändert sich für sie nichts. Sie bemerken nur die Vorteile: Ein Außendienstmitarbeiter benötigt oft Informationen, die ihm das ERP-Systemumfeld nicht liefert – etwa wenn er ein ihm unbekanntes Gerät reparieren muss. Die Middleware kann auch Datenquellen außerhalb des Systems integrieren. Somit lassen sich Daten aus mehreren Quellen zusammenfassen und dem Mitarbeiter zur Verfügung stellen.

Ein weiterer Punkt: Eine „Zwischenanwendung“ erhöht die Geschwindigkeit mobiler Anwendungen und kann damit deren Akzeptanz beim Nutzer steigern. Dies gilt für den Datenzugriff, aber auch für die Verarbeitung von Plausibilitätsprüfungen. Zu Spitzenzeiten, etwa bei Arbeitsbeginn, erhält das ERP-Backend signifikant mehr Anfragen. Dann greifen viele mobile Mitarbeiter darauf zu und rufen Daten ab. Eine Middleware kann hierfür Daten im Vorfeld verarbeiten und so zu einer Entzerrung führen, auf dem Client wie auch im Backend. Lastspitzen treten somit erst gar nicht auf und der Innen- sowie Außendienst können produktiver arbeiten.

Bildquelle: Axians IT Solutions

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