Die Vermessung der App

Mit Analytics- und Tracking-Tools Apps verbessern

Nie war die Vermessung einfacher als in unseren digitalen Zeiten. Analyse- und Tracking-Tools heften sich an die Fersen der Nutzer und liefern App-Entwicklern wertvolles Datenmaterial. Aber wie lassen sich aus den Zahlen sinnvolle Verbesserungen für ein App-Projekt ableiten?

„Wer in der digitalen Welt Aktivitäten nicht misst, analysiert und zur Optimierung von Websites, Apps etc. einsetzt, fährt auch mit verbundenen Augen und ohne Hände am Lenkrad mit 200 km/h über die Autobahn“, macht Christian Paul Stobbe, Director Strategy bei Kontrast Communication Services, deutlich, dass die professionelle Analyse Pflichtprogramm ist, wenn digitale Projekte nicht vor die Wand fahren sollen.

Um beispielsweise zu erfahren, welche Funktionen einer App tatsächlich wie intensiv genutzt werden, sind Analyse- und Tracking-Tools für die kontinuierliche Betreuung unabdingbar. Sie geben nicht nur Aufschluss darüber, wie und über welches Gerät die Nutzer zu einer App gelangen, sondern auch, in welchen Bereichen der App sie sich besonders lange aufhalten, wann sie aktiv werden und wo sie aussteigen. „Tracking- und Analysetools liefern zahlreiche Informationen, die es ermöglichen, eine Anwendung dahingehend zu optimieren, dass sie nicht als Einmalprodukt endet, sondern zum dauerhaften Begleiter des Nutzers wird“, fasst Jörg Rensmann, Gründer und Geschäftsführer der Infomantis GmbH, zusammen.

Google Mobile App Analytics bietet z. B. eine Vielzahl an nützlichen Funktionen zur Auswertung verschiedenster App-Informationen. Zu den Fragen, die mit dem Analysetool beantwortet werden können, gehören u.a.:
- Traffic Sources: Wer nutzt meine App und wie haben die Nutzer zu ihr gefunden?
- Crash Reports: An welchen Stellen gibt es Probleme?
- Flow Visualization: Wie oft wird meine App genutzt und welche Pfade durchlaufen die Nutzer dort?
- Conversion Tracking: Erreiche ich die gesetzten Businessziele?

Das einzige Manko von Mobile App Analytics sei, dass Google die Daten selbst auch erhält, gibt Jörg Rensmann zu bedenken. „Eine gute Alternative stellt Piwik dar“, empfiehlt daher sein Kollege Martin Kuckert, technischer Projektleiter App-Entwicklung bei Infomantis. „Dieses Webtool kann auf einem eigenen Server gehostet werden und die Daten bleiben – anders als mit Google – hinter verschlossenen Türen.“

Zu den weiteren Möglichkeiten, das Nutzerverhalten in Apps zu tracken, gehören Dienste wie Appsflyer und Adeven, aber häufig auch eigene Entwicklungen. „Welchen Dienst man verwendet, hängt sehr stark von den zu erfassenden KPIs und den Funktionen der App ab. Empfehlen kann man grundsätzlich sicher Google, aber sobald besondere Tracking-Funktionen oder -Wege gefordert sind, ist man schnell bei einem Spezialanbieter. Oder man programmiert für bestimmte Bereich direkt selbst, was sicherlich auch von App-Umfang und Budgets abhängig ist“, meint Christian Paul Stobbe.

„Jedes Tool hat seine Vor- und Nachteile“, sagt João Santos, Head of Development bei Rabbit Mobile. „Bei mobilen Apps ist es besonders wichtig zu wissen, wie der Pfad der Nutzerinteraktionen genau aussieht, welche Buttons der User nutzt, welche Endgeräte er am häufigsten verwendet, was heruntergeladen wird etc.“ All diese Informationen sind für Entwickler wie ihn enorm wichtig, um Updates oder neue Features sinnvoll zu planen. Er empfiehlt Mixpanel als Tracking-Tool. „Meiner Meinung nach gehört es zu den Tools mit der besten Benutzeroberfläche. Es basiert auf Interaktions-Events und man kann Funnel anlegen, mit deren Hilfe sich Fragen über das Nutzerverhalten beantworten lassen.“ Google Analytics sei ebenfalls ein leistungsstarkes Tool, das in Unternehmen natürlich oft bereits für die Website-Analyse genutzt werde. „Wenn Unternehmen eine Website haben und dann eine App entwickeln, macht das Tool das Hin- und Herspringen zwischen den Kanälen einfach“, bestätigt João Santos.

Olaf Brandt, Director Product Management bei der Etracker GmbH, empfiehlt grundsätzlich, das App-Tracking nicht losgelöst, sondern als integralen Bestandteil des Web-Controllings zu sehen. „Kunden nutzen ja nicht entweder die App, die Website oder die mobile Seite, sondern wechseln zwischen den Plattformen hin und her“, gibt er zu bedenken. Die gemeinsame Auswertung der Marketingmaßnahmen auf mobilen Endgeräten im Browser sowie in nativen Apps sei notwendig, um eine ganzheitliche Analyse des Nutzerverhaltens zu ermöglichen. Daneben vereinfacht es die Arbeit, wenn man es mit einem Tool, einer Oberfläche und einheitlichen KPIs zu tun hat.

Informationen über Abstürze

Neben reinen Analysetools zum Auswerten der Benutzerinteraktionen mit der App sind ebenfalls Tools zum Abfangen von App-Crashes wichtig. „Ohne ein solches Tool erhält der Entwickler bei einem Absturz kaum bis keine Informationen zum Hintergrund des Ausfalls und kann das Problem nicht zielgerichtet beheben – der Nutzer bewertet die App zu Recht schlecht“, so Martin Kuckert. Mit SDKs (Software Development Kits) wie dem des Anbieters Hockey App könne die eigene Anwendung einfach um Funktionen erweitert werden, die dem Entwickler bei einem Absturz hilfreiche Informationen liefern. Das Potential ist auch Microsoft aufgefallen: Der Softwareriese kaufte das Stuttgarter Start-up Hockey App Ende 2014 zu einem unbekannten Preis auf.

Möchte man sich zwecks Bewertung der eigenen App mit der Konkurrenz vergleichen, helfen Tools wie App Annie. Die Onlineplattform liefert Zahlen über den gesamten App-Markt und kann so als Datenbank zur Erstellung von Benchmarks genutzt werden. „Mithilfe von App Annie können Entwickler die Performance der eigenen App mit der anderer vergleichen und bei Bedarf optimieren“, erklärt Jörg Rensmann.

Was denkt der Nutzer?

So wichtig die Markt- und Konkurrenzbeobachtung auch ist, das direkte Feedback der eigenen Nutzer ist die wichtigste Rückmeldung für App-Entwickler. „Nur so können wir wissen, was der User wirklich von der App erwartet“, so João Santos. „Wir entwickeln Apps für B2B-Unternehmen. Dafür holen wir Feedback über zwei Wege ein: Entweder melden sich unsere Kunden direkt mit einem Verbesserungsvorschlag bei uns oder wir kontaktieren die Nutzer per Telefon oder E-Mail. Dabei ist für uns wichtig zu erfahren, ob unsere App deren Bedürfnisse erfüllt oder sie Optimierungen wünschen. Bei Apps, die für einen großen Nutzerkreis bestimmt sind, wird oft mit Ticketing-Systemen gearbeitet, in denen die Anfragen gesammelt einlaufen und abgearbeitet werden“, erklärt der Entwickler.

Damit man nicht den Überblick verliert, gilt es, diese Informationen zu sammeln, zu kategorisieren und sie zu priorisieren. Santos erklärt: „Steht die Einführung eines sinnvollen Features im Raum, setzen wir das auf den Releaseplan. Natürlich kann man nicht alle Ideen, die gut sind, sofort umsetzen. Diese legen wir auf Wiedervorlage.“

Bei Apps hingegen, die sich an Endkonsumenten richten, ist es schwieriger, sinnvolle Rückmeldungen einzusammeln. Damit Nutzer motiviert sind, überhaupt etwas zu bewerten, muss man es ihnen so einfach wie möglich machen. „Die Möglichkeit, Sterne zu vergeben, kostet den Nutzer nicht viel Zeit und motiviert ihn, eine Bewertung abzugeben“, erklärt Roberto Hellmich die Logik der App-Stores. Er empfiehlt auch vorformulierte Antworten zur Bewertung, die von Nutzern ausgewählt werden können. Dies sei hilfreich, da die wenigsten  Nutzer selbst ihr Feedback in Sätzen ausarbeiten, so der CTO von Beaconsmind.

Fernab der Bewertungen und Kommentare in den App-Stores gibt es weitere Möglichkeiten, die Meinung der Benutzer zu erfahren. In jeder App sollte eine simple Feedbackfunktion vorhanden sein – z. B. per Mail. Möglich ist es auch, ein Feedbackformular zu integrieren. So kann der Nutzer, nachdem er sich mit der App vertraut gemacht hat – also beim fünften bis sechsten Start –, gefragt werden, ob er eine Rückmeldung abgeben möchte. Ist diese positiv, sollte auch um eine Empfehlung im Store gebeten werden. „Wer direkt beim ersten oder zweiten Start auf eine Empfehlung ‚pocht‘, schreckt den Nutzer eher ab und gibt ihm nicht die nötige Zeit, um die App wirklich kennenzulernen“, rät Jörg Rensmann Entwicklern zu Fingerspitzengefühl.

Christian Paul Stobbe gibt zu bedenken, dass es schwierig sei, längere Befragungen in der App unterzubringen. „Da eignen sich eher klassische Onlinetools, d.h. Nutzer sollten aus der App zur Befragung in den mobilen Browser überführt werden.“ Machbar ist ebenso der Einsatz von Social Media, also z.B. die Nutzer der App über Facebook zu Feedback aufzufordern. Stobbe warnt aber: „Solche Aktionen muss man handhaben können, sonst übernehmen die Trolle das Kommando auf der eigenen Fanseite.“  


Links:
Kontrast Communication Services
Infomantis GmbH
Rabbit Mobile
Etracker GmbH
Beaconsmind

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