Milliarden-Startups gesucht

Wertschöpfungspotenzial, aber zu wenige Gründer

Während VCs deutsche Startups positiv beurteilen, zeigt die Statistik eine bedenkliche Entwicklung: Seit einem Jahrzehnt sinken die Gründungen.

Gute Aussichten für Unternehmer und Gründer

Gute Aussichten für Unternehmer und Gründer

Das nächste 100-Milliarden-Dollar-Unternehmen in der Startup-Szene Europas wird aus Deutschland kommen, ist sich Alex Spain sicher. Der Analyst arbeitet für den großen internationalen Venture-Kapitel-Fund Atomico, der seit der Gründung im Jahr 2006 besonders intensiv in europäische Startups investiert.

Knowhow, Talente, Business Angels - die Zutaten sind da

Er gibt für diese sehr positive Sicht auf die deutsche Wirtschaft eine ganze Reihe von Gründen an: Erstens findet sich in Deutschland ein enormes Knowhow zu Informatik und Hightech, beispielsweise drei der zehn wichtigsten Informatik-Fakultäten der Welt (München, Karlsruhe, Aachen) sowie das weltweit größte Forschungszentrum für künstliche Intelligenz, das DFKI. Zweitens sie Deutschland zunehmend Investitionen aus aller Welt an und drittens gibt es ein recht großes Startup-Ecosystem.

Einer der zahlreichen Vorteile von Deutschland sind nach Ansicht von Payne die hierzulande häufiger beklagten föderalen Strukturen, die meistens unter dem Aspekt der Zersplitterung gesehen werden. Bei Atomico gilt das eher als Vorteil: „In Deutschland gibt es viele Städte mit dem Potenzial, global führende Unternehmen hervorzubringen.“ Die VCs von Atomico sehen die „Startup-Orthodoxie“ eines gigantischen zentralen Hubs im Stile der Bay Area eher kritisch.

Ein weiterer Vorteil sind für ihn die sehr starken Early-Stage VCs, die sich als Business Angel oder Betreiber von Acceleratoren intensiv um den Aufbau der Unternehmen kümmern. Auch hier gibt es in Deutschland eine Tendenz, dies eher zu beklagen. Aber Spain zeigt, dass auch eine positive Sicht auf die Situation möglich ist. Der internationale VC gibt Deutschland gute Noten und sieht enormes Potenzial für lukrative Investments - motivierende Aussichten für junge Gründer.

Unternehmerbild, Kapitalarmut, Risikoaversion - das hindert uns

Die sind notwendig, denn leider steht es im Moment mit dem Gründergeschehen nicht zum Besten. Der aktuelle KfW-Gründungsmonitor, der kürzlich erschienene DIHK Gründerreport und ein bis Juli 2017 aktualisierter Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums zum Gründungsgeschehen konstatieren einen deutlichen Rückgang von Unternehmensgründungen.

Diese Statistiken hat ein Forscherteam der HHL Leipzig Graduate School of Management unter Andreas Pinkwart, dem derzeitigen NRW-Wirtschaftsminister, zur Basis einer etwas tiefergehenden Analyse des Gründungsgeschehens in Deutschland gemacht. Darin werden die nackten Zahlen ergänzt durch die Ergebnisse weiterer empirischer Untersuchungen und einer Experten-Befragung (Delphi-Studie) zum Thema. Vor allem dieser Teil der Studie ergab eine insgesamt eher kritische Beschreibung der deutschen Gründungskultur.

Die Stichworte zu diesem Teil der Analyse sind hinreichend bekannt: Mangelnde Kultur des Scheiterns, gesellschaftlich kritisch beäugtes Unternehmertum, Kapitalarmut und Risikoaversion. Außerdem gilt in Deutschland eine feste Anstellung immer noch mehr als die risikoreiche Freiheit des Unternehmers. Aus diesen und anderen Fakten zum Gründungsgeschehen leiten die Autoren der Studie eine Reihe von Handlungsempfehlungen ab.

Marktwirtschaft, Unternehmertum und Gründung - die Schule muss nachsitzen

Ein wichtiger Punkt: Schulen und Hochschulen sollten unternehmerisches Denken gleichberechtigt neben anderen Themen vermitteln und vor allem in den Hochschulen sollte mehr gründungsrelevantes Wissen präsentiert werden. Hierzu dürfte allerdings ein besseres Rollenbild von Unternehmern und Unternehmen in den Schulbüchern notwendig sein.

Eine aktuelle Schulbuchstudie des Verbandes der Familienunternehmer sowie eine etwas ältere Schulbuchanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft kommen übereinstimmend zu dem Schluss: Wirtschaft und Unternehmertum sind in der Schule randständige Themen. Vor allem in den allgemeinbildenden Schulen wird das Unternehmertum nur sehr eingeschränkt thematisiert.  Immerhin gilt dies nicht für berufsbildende Schulen, in denen Unternehmensgründung und Unternehmenspersönlichkeit eine wichtige Rolle spielen.

Zudem haben beide Studien ergeben, dass die Schulbücher eher Risiken als Chancen bei Themen wie Globalisierung oder technologischer Innovation in den Vordergrund stellen. Marktskepsis, wenn nicht sogar pessimistische Marktkritik, überwiegt. Zugespitzt ausgedrückt: Wer den Unternehmer nur als Ausbeuter kennt, wird vielleicht lieber keiner werden wollen.

Bildquelle: Thinkstock

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