Digitalisierung in der Lagerlogistik

„Mobile Helfer" im Lager

Genau wie alle anderen Bereiche der Lieferkette wird auch die Lagerlogistik von der Digitalisierung immer stärker beeinflusst. Zu den schon lange im Einsatz befindlichen klassischen Handterminals gesellen sich plötzlich weitere „mobile Helfer“ wie Datenbrillen und Drohnen. Und alles wird miteinander vernetzt. Da ist es keinesfalls abwegig, wenn zukünftig die Waren, Transportbehälter und Beförderungsmittel im Lager ganz von allein kommunizieren. Doch wo bleibt der Mensch?

Die Digitalisierung beeinflusst die Lagerlogistik – mobile Helfer wie Datenbrillen und Drohnen unterstützen Mitarbeiter bei der Arbeit.

In erster Linie bringt Digitalisierung eine deutliche Zunahme von Informationen mit sich. Wer diese Daten richtig nutzt, aufbereitet und bereitstellt, schafft Transparenz. Entscheidungen, die auf einem guten und vor allem aktuellen Informationsniveau basieren, werden in Zukunft über den Erfolg und Misserfolg in Unternehmen entscheiden – das gilt natürlich auch für Logistiker. Gleichzeitig führt Digitalisierung aber auch zu ­Veränderungen in den Arbeitsprozessen. Man nehme das Beispiel der „mobilen Helfer“: Klassische Handterminals werden im Grunde schon seit ­einigen Jahren in der Lagerlogistik zur mobilen Datenerfassung eingesetzt, um eine möglichst papierlose Synchronisation von Material- und Informationsfluss zu bewerkstelligen. Der Optimierungsgrad ist hier noch lange nicht erschöpft. „Momentan nutzen ­Mitarbeiter häufig noch Handhelds, mit denen sie beispielsweise Barcodes einscannen“, berichtet Philipp Rauschnabel, Assistant Professor für Marketing an der Universität Michigan-Dearborn, aus der Praxis. „Um diese Geräte zu bedienen, brauchen sie mindestens eine freie Hand.“ In Zukunft werde es hingegen reichen, ein Produkt nur anzuschauen, und schon werde es mittels Brille identifiziert und abgelesen.

Doch noch befinden sich die sogenannten Datenbrillen am Beginn ihrer Anpassung an den Arbeitsalltag. Sie und andere technische Innovationen, die tatsächliche Änderungen in die Prozessabläufe der Lagerlogistik bringen können, „müssen einen längeren Prozess durchlaufen“, weiß Jonas Leifhelm, Leiter Sales & Marketing bei der Zetes GmbH. „Alltagstauglichkeit, Gesundheitsauswirkungen und Integrationsfähigkeit in vorhandene Subsysteme und Infrastrukturen zeigen sich erst in längeren Zeitspannen und daraus resultierenden Erfahrungen.“ Dennoch ist jetzt schon klar, dass Datenbrillen eine Arbeitserleichterung mit sich bringen. Im Sichtfeld können z.B. Informationen zu Produkten abgerufen und Arbeitsschritte eingeblendet werden, etwa wenn ein Gabelstapler im Lager gewartet werden muss. Bei Fragen und Problemen können Kollegen oder der Vorgesetzte „hinzugeschaltet“ werden. Sie sehen dann sozusagen, was der Arbeiter sieht, und können aus der Ferne Hilfestellung geben. Außerdem kann man mit einer Datenbrille jederzeit Fotos machen und alles dokumentieren.

Folgen für die Psyche?

Die Akzeptanz hängt dabei vor allem vom Nutzen ab. Nur wenn sich die Arbeitsbedingungen durch den Einsatz verbessern und Prozesse optimiert werden können, werden Unternehmen bereit sein, in Datenbrillen zu investieren. „Ferner hängt die Akzeptanz auch vom Aussehen, der Ergonomie sowie der Art der Bedienung ab“, weiß Kerim Ispir, geschäftsführender Gesellschafter der Re’flekt GmbH. Doch was hier technisch möglich ist, muss nicht unbedingt auch gesundheitskompatibel sein. Schließlich trägt man einen Minicomputer direkt am Kopf. Hier herrscht bislang Kritik an der Gefahr durch Elektro­smog, auch wenn die Forschung – zumindest in Bezug auf Mobiltelefone – diese Gefahr als minimal einschätzt. Bei einigen Modellen, beispielsweise Google Glass, müssen laut ­Philipp Rauschnabel Mitarbeiter ständig „nach oben“ schauen, um die eingeblendeten Informationen zu sehen. Zudem müsse das Auge zwischen dem nahen Prisma und den weiter entfernten Objekten unterscheiden. Doch ob das für die Augen gefährlich ist, werden wohl erst Langzeitstudien ans Licht bringen. Zudem ist noch nicht bekannt, ob und – wenn ja – inwieweit sich holographische virtuelle Objekte auf die Psyche des Menschen auswirken. Schließlich sehen Datenbrillen-Träger Dinge, die es faktisch nicht gibt.

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Wer sich für den Einsatz von Datenbrillen oder generell von mobilen Devices in der Logistik entscheidet, sollte vor allem darauf achten, dass die Geräte robust und stabil sind. Schließlich herrscht in Lagerhallen zumeist eine recht raue Umgebung. Darüber hinaus muss ein Kommissionierer natürlich auch im Freien arbeiten, z.B. wenn die Ware vom Lkw geliefert wird. „Daher ist es unabdingbar“, betont Mario Gladbach, Channel Sales Manager DACH bei Honeywell, „dass die Devices wetterfest sind, also wasser- und schneeresistent nach IP67.“ In Kühllagern wiederum gilt es für die Geräte, die teilweise ex­tremen Temperaturunterschiede auszuhalten. Um die Produktivität zudem stets hochzuhalten, sollten die mobilen Devices natürlich ausfallsicher sein und über eine lange Akkulaufzeit verfügen.

Industrie 4.0 und Sicherheit

Das Thema „Datensicherheit“ unterscheidet sich bei den Rugged Devices kaum von der Diskussion bei anderen mobilen Anwendungen oder Cloud-Diensten. Doch „was gerade bei Datenbrillen auf uns zukommt, ist die Frage, welchen Einfluss die permanente Verfügbarkeit der Kamera haben wird“, warnt Kerim Ispir. Schließlich könnten Mitarbeiter denken, dass sie permanent filmen, was sie gerade arbeiten – und wahrscheinlich ist es auch wirklich so. Sollte sich hier dann jemand „einhacken“, könnte die Person im Grunde alles live mitverfolgen, was der Mitarbeiter gerade erlebt. Das verletzt zum einen die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter, da ihre Gespräche abgehört werden. Zum anderen könnten auf diesem Wege auch Firmengeheimnisse nach außen dringen.

Sicherheit ist hier auch deshalb ein großes Thema, weil zugleich eine immer stärkere Vernetzung der Geräte untereinander stattfindet – Stichwort „Industrie 4.0“. „Die Vorstellung, dass der Transportbehälter mit dem Eingangstor kommuniziert, ist beileibe keine Utopie mehr, sondern die nahende Realität“, weiß Mario Gladbach. Bei vielen Prozessen könnte solch eine Automatisierung von großem Vorteil sein, um noch schneller und effektiver zu arbeiten. Auch der Einsatz von Drohnen wird bereits in der Praxis erprobt. Die kleinen Fluggeräte könnten Unternehmen beispielsweise bei der Lagerinventur oder automatischen Kommissionierung unterstützen. Sicherlich wird mit jedem erfolgreichen Test, der die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit eines solchen Systems unterstreicht, eine baldige Nutzung im professionellen Einsatz wahrscheinlicher. Dann nähme die einstige Vision scharfe Konturen an. Doch aktuell gibt es neben der technischen Machbarkeit vor allem noch juristische Hürden zu überwinden. Das betrifft laut der Experten die Bereiche Luftraum, Genehmigung, Lärmschutz und Unfälle. Für Transporte auf dem Betriebsgelände in eigens geschaffenen Flugbahnen soll der Einsatz aber schon denkbar sein.

Die Rolle des Menschen

Generell zielt der Einsatz von Technologien wie Drohnen oder die Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) darauf ab, dass diese die „einfachsten“ Tätigkeiten im Unternehmen kostengünstig übernehmen. Laut Jan Walker, Business Development Director bei Datalogic, gehören z.B. vollautomatisierte Lager in bestimmten Bereichen schon zum Standard. Solch eine Automatisierung führt gleichzeitig natürlich zu Arbeitsplatzverlusten. Mitarbeiter, die jahrelang im Lager Kisten hin- und hergeschoben haben, werden plötzlich nicht mehr gebraucht, weil ihre Aufgaben fortan von den „neuen Technologien“ übernommen werden. Doch genau dies lässt an anderer Stelle wiederum neue Arbeitsplätze entstehen, denn die neuen Technologien müssen ja auch von irgendjemandem entwickelt und gewartet werden. Außerdem wird die Vernetzung von Maschinen, Sensoren, mobilen Geräten und Daten erst durch die Kreativität des Menschen sinnvoll. Und er ist auch letztlich derjenige, der eingreifen muss, wenn der Inventurdrohne dann doch mal der Saft ausgeht ... 


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

 

 

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