Robuste Smartphones für das Lager

Mobile Lösungen krempeln die Logistik um

Es tut sich was im Bereich mobiler Lösungen für Lager und Logistik. Android startet eine Aufholjagd gegen Marktführer Windows CE. Zugleich geht der Trend hin zu robusten Smartphones. Die Forschung bringt neue Konzepte hervor und bekannte Ansätze wie die chaotische Lagerhaltung bekommen neuen Schwung durch mobile Unterstützung.

RFID-Technologie und Supply-Chain-übergreifende Konzepte könnten dem Einsatz mobiler Geräte in Lager und Logistik kräftigen Aufwind verleihen. Das Projekt RAN z.B. hat sich eine verbesserte Planung und eine höhere Informationssicherheit in Bezug darauf, was wirklich physisch in Lager und Logistik passiert, zum Ziel gesetzt. Das RFID Automotive Network wurde im Rahmen des Programms Autonomik vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert und soll sich künftig auch auf andere Branchen übertragen lassen. Reale Ereignisse werden dabei anhand mobiler Geräte erfasst und auf der Cloud-Plattform Infobroker für die Beteiligten sichtbar gemacht.

Verzahnung von Cloud und Mobilität

„Beim unternehmensübergreifenden Datenaustausch entlang der Logistikkette geht es immer mehr um die Synchronisierung von physischem und logischem Materialfluss“, stellt Matthes Winkler fest, Projektleiter RAN beim Fraunhofer IML. Bisher basierten Planungen nicht auf realen Ereignissen, sondern nachträglichen Einträgen zum Beispiel im ERP-System. Experten gehen zwar davon aus, dass RFID-Technologie künftig günstiger wird, doch bisher lohnt sich der Einsatz noch nicht auf breiter Fläche. „In mittelständischen Betrieben macht es oft keinen Sinn, teure RFID-Infrastrukturen aufzubauen. Die Vorteile lassen sich aber auch von KMUs nutzen, indem mobile Endgeräte eingebunden und Cloud-Services genutzt werden“, so Winkler. Die Idee von RAN basiert auf dezentralen Datenbanken (Repositories). Während große Unternehmen im RAN-Konzept eigene Repositories betreiben, also Datenbanken mit ihren Informationen, greifen kleinere Partner über Webservices aus der Cloud direkt auf den Infobroker zu. Das mobile Endgerät muss dazu über einen Browser verfügen. Damit wählt sich der Mitarbeiter auf der Website ein, sieht die entsprechende Bestellung und gibt die Daten automatisiert über den Scanner ein. Der Eintrag wird dann im Repository des Auftraggebers abgelegt. Sobald ein neuer Auftrag kommt, erfolgt zusätzlich zur EDI-Nachricht im ERP-System eine Benachrichtigung beispielsweise im mobilen Gerät des Auftragnehmers.

Mobile Endgeräte der besonderen Art

Ein mobiles Endgerät der besonderen Art ist eine RFID-Weste, die das BIBA (Bremer Institut für Produktion und Logistik an der Universität Bremen) im Rahmen des RAN-Projekts entwickelt hat. Fahrzeuge, die für die Verschiffung an Kunden und Distributionspartner in Übersee vorgesehen sind, werden oft auf riesigen Parkplätzen gelagert. Eine klassische Krux der Autohersteller: Sie wissen oft gar nicht, wo sich welches Fahrzeug gerade befindet. Die RFID-Weste kennt den Standort des Mitarbeiters, der sie trägt, zugleich kann sie anhand des individuellen Fahrzeug-RFID-Tags eines Autos erkennen, wo sich dieses im Vergleich zum Standort befindet. Sie liest den Chip des Fahrzeugs aus und spiegelt automatisch, wo welches Fahrzeug steht. Das ist besonders wichtig, wenn am Fahrzeug vor dem Verladen noch nachadjustiert werden soll, z.B. ein Software-Update einzuspielen, das soeben fertig geworden ist. Ist die Aufgabe erledigt, wird dies wiederum als Echtzeitereignis im Infobroker dokumentiert. Die Weste trägt als Assistenzsystem vor allem zur Transparenz in der Logistikkette bei.

„Auch zellulare Transportsysteme sind im Grunde mobile Lösungen, sie bewegen Ware autonom im Lager und können auch in Regale hineinfahren wie fahrerlose Transportsysteme auf der Fläche“, so Prof. Michael ten Hompel, Leiter Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Das Fraunhofer-Institut forscht gemeinsam mit Unternehmen an Lösungen, bei denen ein Schwarm solcher mobiler Einheiten sich selbst und den Materialfluss organisiert, bei Bedarf einen Lift ruft und agiert wie ein Regalbediensystem: die perfekte Vision vom Internet der Dinge. Erste Produkte wie den von Würth und Fraunhofer entwickelten mobilen Container iBin gibt es bereits.  

Hersteller setzen auf Smartphones und Android

„Der Trend geht zu robusten Smartphones“, meint Bernhard Kriechhammer von der Handheld Germany GmbH. Auf der Cebit stellte der Hersteller von robusten Endgeräten mit dem Nautiz X1 erstmals ein Smartphone-Modell vor. „Bisher hatten die Mitarbeiter einen PDA für die Datenerfassung und ein Mobiltelefon. Hier ist zunehmend ein einziges Device gefragt“, so Kriechhammer. Im robusten Bereich, in dem Handheld unterwegs ist, sieht der Anbieter keine Bedrohung durch Standard-Smartphones. Durch den höheren Verschleiß in herausfordernden Umgebungen rechne sich das in der Anschaffung günstigere Gerät nicht. Doch im teilweise semirobusten Lagerbereich könnte die Herausforderung größer sein.

„Die Kunden interessieren sich überraschend stark für Android-Geräte“, berichtet Sven Thinius vom Gerätehersteller Höft & Wessel aus Hannover. Das gilt nicht mehr nur für den Außendienst. „Wir haben zu unserer Verwunderung festgestellt, dass auch im Lagerbereich eine Nachfrage entstanden ist“, so Thinius. Ein Grund sei sicher der Trend zu Smartphones. Im Markt der traditionellen Smartphones erobert das Google-Betriebssystem zunehmend mehr Anteile und ist bereits bei 75 Prozent gelandet, doch auch für robuste Geräte wird es offenbar interessant. Zwei Systeme hat der Hersteller bereits mit Android im Angebot, bei Neuentwicklungen soll das Betriebssystem eine wichtige Rolle spielen. Damit könnte Google Microsoft auch im Bereich der robusten Endgeräte den Rang ablaufen – doch noch ist Windows CE hier führend.

Android mischt die Karten neu

Ein weiterer Grund: Mit Android stehe durch die Browser-Online-Anbindung mehr Funktionalität zur Verfügung. Die Kompatibilität ist zudem hoch: Das gleiche Programm lässt sich sowohl auf Smartphones als auch auf robusten Geräten nutzen. Auch zum Standard leistet Android einen Beitrag. Die Gerätehersteller haben in der Regel proprietäre Schnittstellen zum Microsoft-Betriebssystem, beispielweise für Laser-Scanner oder Tastatur. Bei Google werden hingegen mehr Standardschnittstellen vorgegeben. Doch es gibt noch Nachteile. „Microsoft ist in seiner Produktstrategie sehr transparent, es gibt klare Roadmaps. Google ist da eher eine Blackbox, Wege in die Entwicklung von Google hinein gibt es für Endgerätehersteller so nicht“, meint Thinius.

Auch Höft & Wessel macht sich wenig Sorgen über die Konkurrenz der Standard-Smartphones. „Die Unternehmen machen früher oder später eine eigene Rechnung auf. Consumer-Geräte sind in den Anschaffungskosten zwar günstiger, liegen in den Unterhaltskosten jedoch höher“, erklärt Thinius. Das gelte zum einen für die Ausfallsicherheit, wenn Handys z.B. herunterfallen und der Prozess unterbrochen wird. Zum anderen entstünden Probleme, wenn Geräte nach 18 Monaten oder mehr nachbeschafft werden sollen und das Modell dann nicht mehr am Markt ist – unterschiedliche Modelle ließen sich entsprechend schwerer warten.

Endgeräte im Lager verändern sich

Eine von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) beim Fraunhofer-Institut in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass mobile Lösungen in den Fokus rücken. Die nächsten Generationen der mobilen Geräte sollen demnach deutlich leistungsfähiger werden und der Einsatz im industriellen Bereich soll verstärkt in den Fokus der Hersteller rücken. „Die Studie hat gezeigt, dass IT und Logistik zusammengehen. Vieles, um nicht zu sagen alles, entwickelt sich in Richtung Cloud“, sagt ten Hompel.

Wie die Zukunft der mobilen Endgeräte aussieht, bleibt wohl noch ein bisschen offen. „Auf Sicht wird es normal sein, dass die Mitarbeiter mit Tablets durch das Lager laufen – vielleicht in einer Industrieversion mit etwas robusterer Ausstattung oder einfach einem robusteren Case“, prognostiziert der Logistikexperte ten Hompel. Der Trend gehe dahin, ein Endgerät mit Assistenzsystemen zu nutzen, das auch die Schnittstelle zwischen Beruf und Privatleben überbrückt, beispielsweise bei der Vorbereitung auf die nächsten Aufgaben oder der Weiterbildung. Der Mitarbeiter steht mit seinem mobilen Device vor der Palette, macht ein Foto oder liest einen Chip aus. Auf dem Gerät erfolgt via Cloud die Verknüpfung mit allen Daten zum Inhalt der Palette, es lassen sich Kommissionieraufträge abrufen und im Simulator schauen, wann die Ware zur Ablieferung bereitsteht. „Die Verbindung von Kennzahlen (KPI) und Assistenzsystemen auf mobilen Geräten für die Entscheidungsunterstützung wird auch im Logistikumfeld eine wichtige Rolle spielen“, meint ten Hompel.

HTML5 bringt neue Funktionalität

„Einerseits ist es gut, dass die Geräte kleiner werden, andererseits braucht die Scannertechnik doch ein bisschen Platz. Die Scan-Ergebnisse sind bei kleinen Geräten wie Smartphones noch nicht gut genug“, meint hingegen Pascal Löchner, Sales Manager bei L-Mobile aus Sulzbach/Murr. Es werde wohl noch gut zwei Jahre dauern, bis es hier verlässliche Geräte gebe, die alle Eigenschaften wie optimale Scantechnik, Robustheit und kompakte Gehäuse miteinander verbinden. Je kleiner das Display wird, desto komplizierter wird auch die Bedienung – und Displaytastaturen sind dort, wo mit Handschuhen gearbeitet wird, ohnehin keine gute Idee.

Grundsätzlich kann sich auch Löchner vorstellen, dass Android Windows abhängt. Weil die Systemadministratoren in den Unternehmen jedoch nicht gerne viele Technologieanbieter parallel händeln wollen, könne diese Entwicklung jedoch noch ein Weilchen dauern. Ein weiterer Trend: „Mit Android oder anderen zukunftsweisenden Betriebssystemen auf den mobilen Geräten wird für den Lagerbereich HTML5 spannend. Bisher war man mit dem Windows-Browser und einigen Industriebrowsern ‚gestraft‘, künftig gibt es dann deutlich mehr Möglichkeiten, z.B. auch bei Offlinefunktionen, dem Zugriff auf Geräteressourcen oder der Datenpufferung.“ Damit lassen sich die Vorteile einer browserbasierten Lösung deutlich ausbauen“, so Pascal Löchner. Das Standardisierungsgremium W3C, das für die Internet-Programmiersprache zuständig ist, will die neue Version 2014 offiziell verabschieden, auch wenn viele Browser schon (unvollständige) HTML5-Funktionalität nutzen.

Mobiles Chaos

Beim Thema Lageroptimierung können mobile Lösungen vor allem dann besonders wirksam sein, wenn sie mit der Methode der chaotischen Lagerverwaltung gekoppelt werden. Statt auf traditionelle Ordnung mit vorab geplanten Lagerplätzen wird auf vermeintliches „Chaos“ gesetzt. Im Hintergrund sorgt die Lagerverwaltungssoftware jedoch dafür, dass sich die Lagerkapazität so optimal wie möglich ausnutzen lässt und die Plätze so verteilt werden, dass kürzere Transportzeiten beim Einlagern und bei der Entnahme anfallen. „Mittelständische Unternehmen haben bereits meist ein ERP-System und dazugehörige Module zur Lagerverwaltung im Einsatz, die mit einer chaotischen Lagerverwaltung umgehen können“, so Pascal Löchner. „Durch mobile Technologien gibt es eine deutliche Arbeitserleichterung bei chaotischer Lagerhaltung, denn es muss jede Warenbewegung, auch beim Umräumen der Ware, verbucht werden. Noch komplexer wird es, wenn Informationen wie Chargen- oder Seriennummern erfasst werden müssen“, erklärt Löchner. Mit Unterstützung von Barcodes oder – wo es passt – auch RFID-Codes und mobilen Endgeräten lässt sich die Thematik jedoch stemmen. Abhängig von Branchen und Produkten können mit dem Chaoskonzept immerhin zwischen 15 und 30 Prozent Lagerfläche einspart werden.

„Für den Mitarbeiter im Lager ist der Wechsel zu chaotischer Lagerhaltung und einer mobilen Lösung nicht auf Anhieb verlockend. Deshalb spielt neben der ergonomischen Gestaltung vor allem eine Rolle, dass die Mitarbeiter durch organisatorische Anreize ins Boot geholt werden“, so Löchner. Lediglich bestehende Funktionalität mobil zu machen, stoße vor Ort im Lager auf wenig Akzeptanz.

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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