Bezahlmarkt: Interview mit Markus Herrmann, Mm1

Mobile Payment per se ist nicht notwendig

Interview mit Markus Herrmann, Managing Consultant der Unternehmensberatung Mm1, über die Akzeptanz von mobilen Bezahlmöglichkeiten und die Entwicklung des Mobile-Payment-Marktes.

„Mobile Payment löst kein Anwendungsproblem, denn wir werden auf absehbare Zeit unsere Geldbörse nicht zuhause lassen können“,

Herr Herrmann, der Mobile-Payment-Markt in Deutschland ist derzeit noch stark fragmentiert, so dass der Kunde bei jeder Zahlung überlegen muss, welche App oder Technologie die Richtige ist. Welche Auswirkungen hat das auf die Akzeptanz und Nutzung beim Verbraucher?
Markus Herrmann:
Für die Akzeptanz von Mobile Payment ist es nachteilig, wenn der Verbraucher je nach Situation und Point of Sale einen anderen mobilen Bezahldienst wählen muss. Die derzeitige Fragmentierung verhindert also einen durchschlagenden Markterfolg. Immer mehr Player drängen in ein Ökosystem mit ohnehin naturgemäß geringen Margen – ein einheitliches, tragfähiges Geschäftsmodell könnte dagegen sowohl Anbietern als auch Verbrauchern einen Mehrwert bieten. So erwartet die Mehrheit der Konsumenten, dass Ticketkauf, Coupon-Einlösung und Loyalty-Programme zukünftig digital funktionieren. Erst durch die Verknüpfung von Mehrwertdiensten und deren Bezahlung – alles auf einem Screen – entsteht ein positives Nutzererlebnis.

Der Markt besteht aus einer Vielzahl von Lösungen – wird es hier demnächst nicht zu einer Sättigung kommen?
Herrmann:
So schnell wird das nicht passieren. Das Rat Race hat gerade erst begonnen, auch wenn Mobile Payment schon seit Anfang der 2000er in Fachkreisen diskutiert wird. Hier kämpfen nicht nur unterschiedliche Technologien wie NFC, QR-Code, SMS und BLE miteinander, sondern auch Siloanwendungen einzelner Händler wie Edeka und Starbucks mit anbieterunabhängigen E-Wallets. Ebenso duellieren sich Neueinsteiger wie Cashcloud und Paysmart mit Platzhirschen wie Paypal und Orderbird – sowie die OS-Anbieter Apple und Google. Aber auf das „One-Size-Fits-All“ mit großer Verbreitung werden die Kunden noch mindestens fünf Jahre warten und bis dahin je nach Nutzungsprofil ein individuelles Set an Apps zusammenstellen müssen.

Als Zahlungsmittel kommt das Smartphone derzeit kaum in Betracht. Warum ist es überhaupt notwendig, an der Kasse mit einem Smartphone bezahlen zu können?
Herrmann:
Es ist eben nicht notwendig und da liegt genau die Herausforderung. Mobile Payment löst per se kein Anwendungsproblem, denn wir werden auf absehbare Zeit unsere Geldbörse nicht zuhause lassen können. Allerdings arbeiten Dienste wie Google Wallet, Mywallet von der Deutschen Telekom oder die Vodafone Wallet daran, die physische Geldbörse durch eine digitale zu ersetzen. Die Anbieter adressieren Zielgruppen, die Freude daran haben, etwas Neues auszuprobieren, und in der Peer Group eine Vorreiterrolle einnehmen. Kundenbefragungen zeigen ein großes Interesse an digitalen Lösungen. Derzeit verhindern jedoch die wenigen Akzeptanzstellen und die mangelnde breite Integration von Partnern den Markterfolg.
 
Wie muss Mobile Payment aussehen, damit der Anwender es bereitwillig nutzt?
Herrmann:
Der Flaschenhals ist hier der Handel und die damit verbundene Infrastruktur. Erst wenn der Verbraucher die Verlässlichkeit hat, dass sein präferiertes Bezahlmedium auch in den für ihn relevanten Geschäften akzeptiert wird, können wir mit einer breiten Anwendung im Markt rechnen. Grundsätzlich gibt es aber drei Aspekte für die Kundenbegeisterung: Vereinfachung, Beschleunigung und Integration. Zunächst muss ein Dienst den Bezahlvorgang vereinfachen. Wenn ein Kunde im Laden identifiziert wurde – so die Logik –, gibt es keinen Grund, sich für den Bezahlvorgang an einer Kasse anzustellen. Hier ist mehr Beschleunigung möglich. Technologien wie NFC oder iBeacon/BLE bieten entsprechende Optionen, um die Eingabe von Daten überflüssig zu machen.

Was halten Sie Gegenargumenten wie Angst vor Datenmissbrauch, sperrige Usability oder Vielzahl an Lösungen entgegen?
Herrmann:
Die Argumente lassen sich zum Teil schnell entkräften. Gerade beim Thema „Datenmissbrauch“ können etablierte Player wie Banken, Kreditkarteninstitute und Mobilfunkanbieter mit langer Erfahrung und etablierten Prozessen bei der Betrugserkennung und -vermeidung punkten. Auch bei der Usability sind deutliche Fortschritte zu sehen. Zudem werden mögliche Nachteile durch mehr Transparenz bei den Ausgaben, beispielsweise durch eine übersichtliche Transaktionshistorie, wettgemacht. Die Panik vor zusätzlichen Zahlungsströmen, die  separat überprüft werden müssen, ist auch unbegründet: Die meisten Anbieter setzen auf die Integration bestehender Kundenkonten, so dass hier kein zusätzlicher Prüfaufwand entsteht.

Welchem Übertragungsstandard (NFC, QR-Code, BLE) schreiben Sie die größte Erfolgswahrscheinlichkeit zu?
Herrmann:
QR-Code funktioniert in der Anwendung überraschend gut, nur schätze ich die Berührungsängste einer breiten Nutzerschaft hier zu hoch für eine massenhafte Verbreitung ein. NFC ist meiner Meinung nach weniger tot als schon oft behauptet, dafür wird die Technologie auf Anbieterseite von zu vielen Playern in den Markt gedrückt. Da aktuell bei den Use Cases rund um das mobile Bezahlen noch der Bezahlvorgang oder das Einlösen eines Coupons – also das Auslösen einer Transaktion – im Vordergrund steht, hat NFC seine Berechtigung. Je mehr sich in Zukunft der Fokus auf die Marketingaspekte des Kauferlebnisses mit In-Store- bzw. lokalen Push-Nachrichten verschiebt, desto eher kann BLE seine Vorteile ausspielen. Das Bezahlen ist in dem Szenario dann nur noch eine Funktion von vielen.

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