Wenn der Postbote nicht mehr klingelt ...

Paketlieferung per Drohne

Wer künftig seine Schuhe online bestellt, könnte sie postwendend per Drohne vor dem eigenen Haus abgesetzt bekommen. Denkbares Szenario oder reine Utopie? Experten tendieren zu letzterem.

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    Von Januar bis März 2016 testete DHL in Reit im Winkl und auf der nahen Winklmoosalm die dritte Generation des Paketkopters.

Während man Freizeitdrohnen mittlerweile nicht nur in Elektronikmärkten kaufen kann, sondern vor dem letzten Weihnachtsfest sogar bei Kaffeeröstern zum Schnäppchenpreis bekam, gestaltet sich das Angebot für die geschäftliche Nutzung etwas überschaubarer. Wenn überhaupt sorgte zuletzt neben Praxisbeispielen aus Lagerhallen vor allem die Paketzustellung per unbemanntem Flugobjekt für Schlagzeilen.

Mittlerweile gibt es kaum einen großen Online-Händler oder Logistiker, der sich nicht in irgendeiner Form mit der Zustellung aus der Luft beschäftigt oder gar erste Pilotprojekte aufweisen kann. „Von Alibaba und Amazon über Google und Facebook bis hin zu DHL und Singapore Post experimentieren derzeit viele Unternehmen mit Lieferdrohnen“, bestätigt Jörg Lamprecht, Geschäftsführer beim Technologieanbieter Dedrone GmbH in Kassel. Als Grund für diesen Aktionismus nennt er die gestiegenen Ansprüche der Kunden an die Schnelligkeit von Lieferungen. Zudem stießen die Transportwege am Boden an ihre Grenzen oder seien bereits überlastet. Der Dauerstau auf hiesigen Autobahnen und die zunehmende Auslastung des Schienennetzes durch den Güterverkehr sind beste Beispiele dafür. „Von daher ist es nur logisch, dass die Möglichkeiten von Drohnen genutzt und Logistik in die Luft verlagert werden sollen“, so Lamprecht.

Wer hat die Rotoren vorn?

Ein Blick auf die Referenzliste zeigt, dass einmal mehr US-Anbieter wie Amazon und Google die Nase vorn haben und bereits intensiv mit Paketdrohnen experimentieren. Nachdem die US-Behörden jedoch im vergangenen Jahr die Bedingungen für den Einsatz von Transportdrohnen verschärften, ist es momentan etwas still um die bisherigen Vorzeigeprojekte geworden. Eine verlockende Chance für hiesige Anbieter, sich mit dem Thema weiter vorne zu positionieren. So erweist sich DHL Paket als recht umtriebig hinsichtlich der Nutzung von Drohnenlieferungen. Bereits seit 2013 verfolgt man ein eigenes Forschungsprojekt, um den Transport von Waren per „Paketkopter“ in geografisch schwer zugängliche Gebiete zu erproben. Konkretes Einsatzgebiet war im Jahr 2014 die Versorgung der Nordseeinsel Juist mit eiligen Gütern oder dringend benötigten Medikamenten.

Das jüngste Vorzeigeprojekt datiert aus dem vergangenen Winter, als man von Januar bis März 2016 in Reit im Winkl und auf der nahen Winklmoosalm die dritte Generation des Paketkopters testete. Dabei ist es dem Paketdienstleister eigenen Angaben zufolge gelungen, ein Flugobjekt erstmals direkt in die logistischen Abläufe der Paketzustellung einzubinden. Mittels einer speziell entwickelten Packstation, dem „Sky Port“, konnten Privatkunden während der dreimonatigen Testphase ihre Pakete durch das automatisierte Einlegen der Sendungen per Paketkopter versenden und empfangen. Insgesamt wurden 130 autonome Be- und Entladungen durchgeführt.

Laut Anbieter konnte das Fluggerät im Vergleich zu 2014 während des Testbetriebs eine höhere Traglast, eine weitere Entfernung sowie die Belieferung einer Bergregion unter anspruchsvollen meteorologischen und geographischen Bedingungen – wie Wetter- und hohen Temperaturschwankungen – realisieren. Vom Tal bis zur Alm auf 1.200 Meter Höhe legte der Paketkopter dabei pro Strecke eine Distanz von acht Kilometern zurück. Eilige Medikamente oder kurzfristig benötigte Sportartikel konnten innerhalb von acht Minuten geliefert werden – eine Abholung mit dem Auto hätte im Winter mehr als 30 Minuten gedauert.

Trotz dieses Projekterfolgs glauben nicht alle Logistiker gleichermaßen an die Durchschlagskraft von Lieferdrohnen. So sieht Anne Putz, Head of Corporate Communication beim Logistiker GLS, im Massenmarkt derzeit keine realistischen Einsatzmöglichkeiten für Transportdrohnen. Eine Ansicht, die man auch bei DPD vertritt. Laut Peter Rey, verantwortlich für PR bei der DPD Dynamic Parcel Distribution GmbH & Co. KG, hält man einen flächendeckenden Einsatz im Regelbetrieb langfristig nicht für realistisch. Allerdings beobachte man genau, wie sich die Zustellung von Waren durch neue technische Möglichkeiten verändert. „Grundsätzlich finden wir die Zustellung per Drohnen interessant. Sie können vor allem dort eine Option sein, wo die herkömmliche Zustellung an ihre Grenzen stößt – etwa wenn besonders wichtige Güter schnell zu schwer zugänglichen Orten transportiert werden sollen“, erläutert Rey.

Die Drohnenexperimente der Logistiker und Online-Händler sind das eine, die konkrete Nachfrage nach solchen Zustellservices seitens der Kunden die andere. Zuletzt brachten zwei Befragungen zutage, dass die Möglichkeiten von Zustelldrohnen in den Köpfen der Deutschen bereits verankert sind. So hatte der Hightech-Verband Bitkom in den vergangenen zwölf Monaten knapp 1.000 Verbraucher zu ihrem Interesse an unbemannten Luftfahrzeugen für die Warenlieferung befragt. Demnach würden sich 13 Prozent der Befragten auf jeden Fall Einzelhandelswaren per Drohne liefern lassen. Ganze 30 Prozent können sich dieses Szenario immerhin vorstellen. Dies bedeutet laut Bitkom: Insgesamt 43 Prozent der Befragten sind offen für die individuelle Warenlieferung aus der Luft. Eine Tendenz, die eine Umfrage der Outsourcing-Plattform IT-suppliers.com unter IT-Entwicklern bestätigt. Gemäß dem Motto „Pizza Drohno“ glauben 55 Prozent der Befragten, dass Pizzen in weniger als fünf Jahren per Drohne geliefert werden. Im Detail lauten die Ergebnisse der Erhebung wie folgt: Für 30 Prozent der befragten Programmierer wird die Lieferung ihrer Pizza per Drohne in weniger als zwei Jahren Realität sein; weitere 25 Prozent sehen dieses Szenario erst in maximal fünf Jahren. Nur 13 Prozent der Befragten glauben, dass dies gar nicht passieren wird.

Noch stärker als an Fast Food per Drohne gestaltet sich das Interesse laut Bitkom-Befragung an der Lieferung eiliger Medikamente. So würde jeder vierte Befragte (24 Prozent) auf jeden Fall Drohnen in Anspruch nehmen, um sich eilige Medikamente liefern zu lassen, 21 Prozent können sich das vorstellen. Insgesamt haben damit fast 45 Prozent Interesse an Arzneimitteldrohnen. Dass dies funktionieren kann, zeigt das bereits angeführte Beispiel der Arzneimittellieferungen auf die ostfriesische Insel Juist.

Keine Drohnen vorm Balkon

Anders als die Endkunden äußern sich Branchenexperten hinsichtlich der Verbreitung von Drohnen deutlich zurückhaltender. Ihrer Ansicht nach klaffen bei den im Rahmen der Umfragen getätigten Aussagen Wunschdenken und Wirklichkeit noch weit auseinander. Selbst Drohnenpioniere wie Dedrone halten die flächendeckende Versorgung mit „Fast Food aus der Luft“ eher für unrealistisch. „Wir glauben nicht, dass Drohnen in nächster Zukunft bis vor die Haustür oder den eigenen Balkon fliegen“, erklärt Jörg Lamprecht. Stattdessen flögen sie in festgelegten Korridoren, beispielsweise vom Lager zum Verteilzentrum. Die letzte Meile werde dann nach wie vor mit dem Auto oder Fahrrad erledigt.

Auch für Martin Frommhold, Unternehmenssprecher bei Hermes Europe, bleibt der flächendeckende Einsatz von Transportdrohnen jeglicher Art in der Paketzustellung auch mittelfristig pure Utopie. Allerdings weist er nicht von der Hand, dass automatisierte Transportmittel – z.B. im Straßenverkehr – zumindest punktuell an Relevanz gewinnen können, etwa für bestimmte Produktgruppen oder in bestimmten Regionen. „Dies setzt jedoch eine fortlaufende Optimierung kritischer Stellgrößen wie Reichweite, Nutzlast und nicht zuletzt Sicherheit voraus“, betont Frommhold. Ein wichtiger Einwand, denn noch immer existieren zig offene Fragen rund um den Einsatz der Fluggeräte. So müssen die Sicherheit von Drohnen und die der anderen „Verkehrsteilnehmer“ im Luftraum gewährleistet sein. „Es muss jederzeit garantiert werden, dass die Drohnen nicht mit anderen fliegenden Objekten wie weiteren Drohnen, Hubschraubern etc. zusammenstoßen“, betont Jörg Lamprecht. Außerdem bestünde naturgemäß die Gefahr, dass Drohnen ihre Ladung verlieren können. Oder sie werden absichtlich abgefangen und die Ladung gestohlen.

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Desweiteren müssen laut Frommhold folgende Fragen geklärt werden: „Wie kann man verhindern, dass Drohnen abstürzen oder, wie kürzlich wieder in London passiert, mit Passagiermaschinen kollidieren?“ Daneben gilt es, nicht nur die Flugbahnen, sondern auch die Objekte an sich abzusichern. Hierfür bedarf es komplexer Verschlüsselungstechniken, die fortlaufend aktualisiert werden. „Gleichwohl kann es eine 100-prozentige Sicherheit vor Hackerangriffen auch für Drohnen wohl niemals geben. Denn wer den Bundestag, das Weiße Haus und große US-Banken infiltrieren kann, schafft es mit genügend krimineller Energie sicherlich auch, eine Transportdrohne zu knacken“, gibt Frommhold zu bedenken. Hinsichtlich der Leistungsfähigkeit unbemannter Flugobjekte sind sich die Experten derzeit uneins. Denn es ist das eine, nur wenige hundert Gramm schwere Tabletten zu transportieren. Bei Klamottenlieferungen mit deutlich schwereren Jeanshosen sieht die Sache hingegen anders aus. Vor diesem Hintergrund betont Martin Frommhold, dass für den regulären Einsatz von Drohnen in der Paketzustellung bislang weder die Reichweite noch die maximal transportierbare Nutzlast auch nur annähernd ausreicht. Von der Wetteranfälligkeit einzelner Systeme, insbesondere bei Wind, ganz zu schweigen. Anderer Ansicht ist Jörg Lamprecht. Er bestätigt, dass es mittlerweile Drohnen gibt, die 100 Kilogramm tragen und bis zu 30 Minuten fliegen können. Und Frank Wernecke, Gründer und Geschäftsführer von Drone­masters in Berlin, ergänzt: „Die Reichweiten und Gewichtsgrenzen werden kontinuierlich erhöht. Denn technisch ist es eine Frage immer kürzerer Intervalle, bis die gerade aktuelle Marke überholt ist.“ Spätestens dann wäre auch die Auslieferung von Jeans und Schuhen problemlos möglich.

Bleibt die Natur auf der Strecke?

Nicht zuletzt sind die Auswirkungen des massiven Drohneneinsatzes für Mensch und die Natur noch weitgehend unerforscht. Auf der Habenseite der Klimabilanz stehen laut Wernecke elektrische Antriebsformen sowie die Reduzierung von Flächenverbrauch. „Doch auch wenn Drohnen künftig keine oder nur sehr geringe Emissionen ausstoßen werden, ist bis dato nicht abschließend geklärt, wie sich Lärm, Schattenwurf oder auch ganz generell die allgegenwärtige Anwesenheit von Drohnen auf Mensch, Tier und Umwelt auswirken werden“, wirft Martin Frommhold ein. Er rät zwar dazu, die Nutzung von Flugdrohnen nicht per se zu verteufeln. Dennoch sollte man ihren Einsatzsinn und -zweck kritisch prüfen und, falls nötig, entsprechend regulieren. In einer solch staatlichen Regulierung sieht Frank Wernecke eine weitere große Herausforderung. Denn wie sooft im Mobile-Umfeld eilt auch bei Transportdrohnen die Technologie dem gesellschaftlichen Wandel in rasantem Tempo voraus. „Aktuell sind für die Betreiber Aufstiegsgenehmigungen einzuholen, deren Bearbeitungsgeschwindigkeit und Komplexität von Bundesland zu Bundesland variieren“, so Wernecke. Bis zum Jahresende hat das Bundesverkehrsministerium jedoch eine Neuregelung avisiert, die mit Spannung erwartet und bereits hitzig diskutiert wird.

Bildquellen: Thinkstock/iStock; DHL

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