Wohin fließen persönliche Daten?

Schreckgespenst Datenhandel: Ausverkauf des Ichs

Datenhandel: Unternehmen sammeln Online-Nutzerdaten und werten diese mittels intelligenter Algorithmen aus. Doch wohin fließen die persönlichen Daten?

Gespenst-Gesicht

Schreckgespenst Datenhandel: Mithilfe von Big-Data-Lösungen werden Online-Nutzerdaten zu Geld gemacht.

In Zeiten, in denen Daten als das Öl und damit als einer der wichtigsten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts gelten, floriert auch der Handel damit. Dabei nimmt die Goldgräberstimmung gerade erst Fahrt auf, hat man mit den intelligenten Auswertungen von „Big Data“ mittels entsprechender Algorithmen und Software-Tools doch erst in den letzten Jahren systematisch begonnen.

Das Potential für Big-Data-Analysen scheint dabei unerschöpflich zu sein. Man denke nur an die schier unermesslichen Datentöpfe rund um das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT). Hier sollen Experten zufolge bis zum Jahr 2020 rund 50 Milliarden Geräte – ausgeschrieben 50.000.000.000 – vernetzt sein, die rund um die Uhr Echtzeitdaten nicht nur über die Dinge, sondern vor allem auch über deren Nutzung und damit auch über die Verbraucher selbst sammeln. Zwar betonen die Verfechter von Big-Data-Analysen nicht selten, dass gerade im IoT-Umfeld viele Daten anonym gesammelt und daher auch so ausgewertet werden. Es wird jedoch kaum einen Hersteller bzw. Serviceanbieter geben, der die kostbaren Nutzerdaten nicht gerne für eine gezielte Kundenansprache heranziehen würde. Ähnliches trifft auf vernetzte Automobile, sogenannte Smart Cars zu, die fahrzeugbezogene Daten, das Verhalten des Fahrers sowie Umgebungsdaten erfassen und diese an die Hersteller, Versicherer oder andere Verkehrsteilnehmer weiterleiten können. Mit der Verknüpfung von Informationen über Fahrstil, Aufenthaltsort oder Fahrstrecken lassen sich persönliche Merkmale und Gewohnheiten der Nutzer ableiten.

Während sowohl Connected Cars als auch das Internet der Dinge vielerorts noch in den Kinderschuhen stecken, ist die Datensammelwut in zahlreichen Bereichen längst Realität geworden. Im Großen und Ganzen heben sich vor allem Internet-Giganten wie Amazon, Facebook, Google & Co., Geheimdienste und staatliche Institutionen sowie Cyber-Kriminelle als die größten Datenkraken hervor. Ging es hier vor einigen Jahren noch vorrangig um den Handel von Adressdaten wie Vor- bzw. Nachname, Anschrift oder Mail-Adresse, gehen die heutzutage ermittelten Personendaten weit darüber hinaus. Mittlerweile können aufgrund von Auswertungen der Digitalnutzung umfängliche Nutzerprofile erstellt werden, die sämtliche Facetten eines Individuums abbilden und von Datensammlern jeweils zu eigenen Zwecken genutzt werden können. So lassen sich allein aus den bei Facebook gesetzten „Likes“ Persönlichkeitseigenschaften wie politische Einstellung, sexuelle Ausrichtung oder konkrete Bezüge zum Elternhaus (siehe Grafik Seite 26) ableiten.

Damit nicht genug, wird das Ausschlachten persönlicher Daten mitunter gar noch krasser. Nämlich dann, wenn die Datensammler – also vorrangig Hersteller und Serviceanbieter – die Informationen nicht nur für eigene Zwecke nutzen, sondern Morgenluft wittern und sich mit der Weitergabe persönlicher Daten an Dritte ein lukratives Standbein aufbauen. In den USA sind solche Machenschaften längst gang und gäbe. Firmen wie Acxiom oder Rapleaf agieren als professionelle „Data Broker“ und haben sich damit in den letzten Jahren ein lukratives Geschäftsfeld aufgebaut.

Nutzerdaten als Weltenbummler

Nicht selten gehen die erfassten Nutzerdaten gar auf große Reisen. Der Sicherheitsspezialist Comidio verweist in diesem Zusammenhang auf das Internet-Tool „Trackography”. Diese zeigt auf, in welche Staaten Nutzerdaten fließen und welchen rechtlichen Bestimmungen diese Länder unterworfen sind. Naturgemäß fließen die meisten Daten in die USA, da Web-Analyse-Tools von Google oder Social-Media-Dienste wie Facebook oder Twitter nicht nur häufig genutzt, sondern auch in viele Webseiten eingebunden sind. Desweiteren wird deutlich, dass Nutzerdaten auch in Länder gehen, in denen es keine oder nur lasche Datenschutzgesetze gibt, wie beispielsweise nach Indien. Was in diesen Ländern mit den Nutzer­daten geschieht bzw. wohin und in wessen Hände sie gelangen, ist laut Comidio dann zumeist nicht mehr nachvollziehbar.

Welche seltsamen Blüten das skizzierte Geschäft mit den Nutzerdaten treiben kann, zeigt die zunehmend volatile Preisgestaltung von Online-Shops, Flug- und Hotelbuchungsplattformen. Denn hier wird jeder Kunde je nach Bildungs-, Familienstand oder Einkommen – ermittelt durch Algorithmen auf Basis vorhandener Nutzerdaten – anders zur Kasse gebeten. Demzufolge finden in Online-Shops inzwischen ununterbrochene „Scorings“ statt, d.h. eine Bewertung der Nutzer anhand statistischer Daten. Preisdemokratie im Netz scheint daher komplette Fehlanzeige. So zahlen beim sogenannten „Dynamic Pricing“ beispielsweise Nutzer, die mit einem iOS-Gerät Zugriff auf einen Webshop nehmen, in der Regel per se mehr als Android-Nutzer. Denn laut Statistik verfügen iOS-User über höhere Einkommen und sind nicht selten bereit, mehr für Produkt oder Services auszugeben als Android- oder Windows-Phone-Nutzer.
Solche Vorgehensweisen der Shop- und Portalbetreiber sind längst ein offenes Geheimnis und könnten in Zukunft – wenn immer mehr und mehr Lebensbereiche der Digitalisierung anheim fallen – auch in der Offline-Realität beliebig erweitert werden. Dann wäre folgendes Szenario gar nicht so abwegig: Fährt ein hochpreisiger SUV auf eine Tankstelle zu, springt der Benzinpreis deutlich nach oben, während der Fahrer eines japanischen Kleinwagens für einen Liter Sprit zur selben Zeit deutlich weniger löhnen muss.

Woher kommen die Daten?

Stellt man sich die Frage, woher die Unmengen an Daten kommen, die man für solche Auswertungen benötigt, wird schnell klar: In der Online-Welt hinterlässt jeder Nutzer jederzeit einen „digitalen Fußabdruck“. Nicht selten ist man sich dabei gar nicht bewusst, bei welchen Web-Aktivitäten persönliche Informationen erfasst, gespeichert und ausgewertet werden:

  • Surfen im Internet
  • Suchmaschinenanfragen
  • Online-Einkäufe, -Buchungen und -Banking
  • Nutzung mobiler (Siri, Cortana, Okay Google) oder stationärer Sprachassistenten (Amazon Echo)
  • Aktionen in sozialen Medien, Business-Netzwerken, Online-Foren oder Blogs
  • Hinterlassen von Bewegungsdaten (GPS) mit mobilen Endgeräten, Navigationsgeräten/Connected Cars oder per se im öffentlichen Raum (z.B. mittels Videoüberwachung oder anderer Sicherheitssysteme)
  • Verwendung mobiler Apps
  • Nutzung von Smart TVs, Spielekonsolen und anderen webfähigen Multimedia-Anlagen
  • Aktivierung von Fitness-Armbändern und -Trackern sowie Gesundheits-Apps
  • Nutzung von weiteren Wearables wie Smartwatches oder (künftig) Smart Glasses

Diese Liste zeigt wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs und lässt sich sicherlich beliebig weiterführen. Fürs Erste gibt sie jedoch einen Einblick, wo überall man unbewusst oder gar arglos seine Spuren hinterlassen kann, die wiederum skrupellos ausgeschlachtet werden können. Dabei haben es mittlerweile nicht mehr allein Wirtschaftsunternehmen auf die Massen an persönlichen Daten abgesehen. Vielmehr erweist sich auch die staatliche Seite – egal welcher Nationalität – als äußerst erfindungsreich. Nach dem NSA-Skandal um Edward Snowden im Jahr 2013 standen hierzulande zuletzt Vorratsdatenspeicherung und die Abschaffung sicherer Verschlüsselung in der Diskussion.

Bereits im Oktober 2015 verabschiedete die große Koalition die so genannte Höchstspeicherfrist für Verkehrsdaten, kurz Vorratsdatenspeicherung. Dieses verpflichtet Telekommunikationsunternehmen, die Kommunikationsdaten ihrer Kunden zehn Wochen lang zu speichern. Handy-Standortdaten müssen vier Wochen aufbewahrt werden. Dabei stießen die Vorgaben nicht überall auf Gegenliebe, sodass zugleich erste Verfassungsbeschwerden eingereicht wurden. In diesem Zusammenhang betonte etwa der Internetverband Eco, dass das im Dezember in Kraft getretene Gesetz zur Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung mit großer Wahrscheinlichkeit aufgrund zahlreicher rechtlicher Mängel und technischer Unstimmigkeiten wie schon sein Vorgänger im Jahr 2007 vor dem Bundesverfassungsgericht landen und dort voraussichtlich keinen Bestand haben wird. Aus Sicht des Verbands handelt es sich gar um eine netzpolitische Fehlentscheidung, die wahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre, wenn sich die Bundesregierung sorgfältiger mit den Einwänden der Wirtschaft auseinandergesetzt hätte.

Mit dieser Einschätzung steht Eco nicht alleine da. So betrachtete auch der Hightech-Verband Bitkom die schnelle Verabschiedung des Gesetzes als kritisch. „Das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung wurde im Eilverfahren durch das Parlament gebracht. Aus unserer Sicht hätte es die Möglichkeit zur intensiveren Diskussion dieses umstrittenen Themas geben müssen“, betont Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Bei der Vorratsdatenspeicherung müssten Sicherheitsinteressen und Bürgerrechte sehr sorgfältig abgewogen werden. Rohleder: „Es ist fraglich, ob die angestrebten Ermittlungserfolge einen derart starken Eingriff in die Grundrechte der Bürger rechtfertigen.“

Für die Telekommunikationswirtschaft bedeutet das Gesetz einen hohen technischen und personellen Aufwand. „Die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung ist für die Unternehmen sehr aufwendig und wird nach unseren Schätzungen einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag kosten“, sagte Rohleder. Demnach entstehen einmalige Ausgaben für die technische Infrastruktur und laufenden Kosten für den Betrieb der Systeme sowie für die Bearbeitung der Behördenanfragen. Genauso wie der Eco-Verband sieht auch Bitkom kritisch, dass die betroffenen Unternehmen im Gesetzgebungsverfahren nicht gehört wurden. „Die Telekommunikationswirtschaft muss die gesetzlichen Vorgaben umsetzen, wurde zur praktischen Ausgestaltung des Gesetzes aber gar nicht gefragt“, sagte Rohleder. Das habe zum Beispiel zu Formulierungen geführt, nach denen „die Speicherung entkoppelt vom Internet“ erfolgen soll. Noch sei unklar, wie eine solche Vorgabe umzusetzen ist.

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Doch nicht nur Handy-Daten und Telefonate sollen nachverfolgt werden. Ende letzten Jahres gaben unter anderem die Terrorakte in Paris internationalen wie nationalen Behörden Anlass, eine Sicherheitsdiskussion vom Zaun zu brechen, um stärkere Überwachungsmechanismen einzufordern. Aufsehen erregte hier der Vorschlag des britischen Premierministers David Cameron, ein Verbot von Verschlüsselungstechnologien zu erwirken, auf die Behörden bzw. Geheimdienste keinen Zugriff nehmen können. Prominente Unterstützer fand Cameron sogleich bei US-Präsident Barack Obama und Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Das erklärte Ziel: Ein Hintertürchen öffnen und Geheimdiensten einen Zweitschlüssel in die Hand geben, mit der sich jedwede Verschlüsselung knacken lässt.

Legales Hintertürchen für Spione

Die Reaktionen auf diese Forderung seitens der IT-Sicherheitsbranche ließen nicht lange auf sich warten. Insbesondere der Bundesverband IT-Sicherheit e.V. (Teletrust) mahnte dabei nicht nur zur Besonnenheit, sondern auch vor einer politischen Instrumentalisierung der Terrorgefahr. Laut dem Teletrust-Vorstandsvorsitzenden Prof. Norbert Pohlmann hätte ein Verschlüsselungsverbot aus technischer Sicht vor allem „negative Konsequenzen für unsere Wirtschaft und die Freiheit der Bürger“. Vielmehr würde dadurch der wirksame Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen ausgehebelt und Einfallstore für Wirtschaftsspionage geschaffen. Darüber hinaus sei der Schutz der Bürger vor Ausspähung ein Persönlichkeitsrecht und sollte in demokratischen, modernen Gesellschaften nicht leichtfertig auf Spiel gesetzt werden.

Nicht zuletzt greifen neben Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Institutionen auch Cyber-Kriminelle gezielt persönliche Daten ab, um sie gewinnbringend zu veräußern. Im digitalen Untergrund, dem sogenannten Dark Web, existieren zahlreiche Marktplätze für den Datenhandel. Wie in der freien Wirtschaft werden die Preise auch hier von Angebot und Nachfrage bestimmt. Dabei bekommt man Kreditkarteninformationen, Kontodaten oder Passwörter zunehmend zum Schnäppchenpreis geboten. So waren gestohlene E-Mail-Adressen 2007 noch zwischen vier und 30 US-Dollar wert, während sie bereits 2009 nur noch 0,50 bis 10 US-Dollar lagen. Dieser Preisverfall ist ein klares Indiz dafür, dass ein Überangebot an privaten Mail-Adressen bestand und sich der Markt entsprechend reguliert hat. Demgegenüber blieben die Preise für Kreditkartendaten seit 2007 stabil bei 0,50 bis 20 US-Dollar.

Kein Vertrauensvorschuss

Noch immer halten viele Nutzer die Diskussionen um Datenschutz und Privatsphäre für Panikmache und agieren recht blauäugig, was den Umgang mit ihren Daten im Internet bzw. hinsichtlich ihres Kommunikationsverhaltens anbelangt. Oftmals wird gebetsmühlenartig betont, „man hätte nichts zu verbergen, so dass es ihnen vollkommen egal wäre, wer private Daten ausschnüffelt und was anschließend damit passiert“. Allerdings keimt bei dem einen oder anderen doch ein wenig Misstrauen ob der „hehren“ Ziele von Online-Händlern, App-Anbietern und Webseitenbetreibern auf. So verweisen gleich mehrere Studien aus den letzten Wochen auf die Skepsis von Verbrauchern, was den vertrauensvollen und rechtskonformen Umgang von Unternehmen mit ihren persönlichen Daten anbelangt. Die europäischen Studie von Verint Systems unter 18.000 Verbrauchern aus neun Ländern kam zu folgenden Ergebnissen: Jeder Fünfte glaubt nicht, dass die eigenen Daten bei irgendeinem Unternehmen sicher sind. Laut Studie variiert der Grad des Misstrauens allerdings von Land zu Land. Die meisten skeptischen Verbraucher gibt es in Großbritannien (63 Prozent) und Deutschland (61 Prozent), während es in Neuseeland mit 41 Prozent und Polen mit 28 Prozent am wenigsten sind.

Auch hinsichtlich der Unternehmen gibt es Vertrauensabstufungen: So vertraut weniger als die Hälfte der Verbraucher (43 Prozent) ihrer Bank im Bezug auf Datensicherheit. Damit erzielten Kreditinstitute noch den höchsten Wert, während dem Online- und stationären Einzelhandel lediglich zwei Prozent und Versorgern nur drei Prozent der Verbraucher vertrauen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Mitte Januar 2016 veröffentlichte Studie des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation zum Thema „Big Data und Schutz der Privatheit“. Hierfür wurden auf europäischer Bühne rund 8.000 Personen von August bis September 2015 befragt. Gemäß der Untersuchung zeigen sich die Nutzer generell eher skeptisch, wenn es um digitale Dienste und die Analyse ihrer Daten geht; bezüglich der Datenweitergabe existiert ebenfalls kaum Vertrauen. Dabei sind die Deutschen besonders kritisch, wenn es um die Weitergabe ihrer Daten geht. So sehen 62 Prozent der Befragten im Phänomen Big Data mehr Nach- als Vorteile. Ein Wert, der über dem europäischen Durchschnitt (51 Prozent) und beispielsweise weit über dem von Irland (38 Prozent) liegt.

Dass Shops Daten sammeln, um personalisierte Angebote an den jeweiligen Kunden zu verschicken, wird in Deutschland nur von wenigen begrüßt (elf Prozent). Demgegenüber stehen 60 Prozent der Spanier und 54 Prozent der Iren dieser Praxis aufgeschlossen gegenüber. Selbst beim Sammeln von Gesundheitsdaten zur besseren Behandlung und Erkennung von Krankheiten fühlen sich lediglich 42 Prozent der Deutschen mit diesem Vorgang wohl, während er etwa von 86 Prozent der Spanier und 79 Prozent der Italiener als begrüßenswert eingeschätzt wird.

Über alle Landesgrenzen hinweg ist das Vertrauen darin, dass private oder auch öffentliche Institutionen mit persönlichen Daten verantwortungsvoll umgehen, insgesamt niedrig. Während etwa Gesundheitseinrichtungen (43 Prozent), der eigene Arbeitgeber (36 Prozent) oder Banken (33 Banken) beim Umgang mit Daten noch ein etwas höheres Vertrauen genießen, verlassen sich nur wenige Nutzer auf Suchmaschinen (16 Prozent) und Social-Media-Dienstleister (elf Prozent). Nicht zuletzt gab nur knapp ein Drittel aller Befragten an, im Datensammeln im Rahmen von „Big Data“ prinzipiell Vorteile zu sehen, wobei es länderspezifisch große Unterschiede gibt. Während fast die Hälfte der Iren darin Vorteile sieht, stimmen dem nur 22 Prozent der Franzosen zu.

Hinsichtlich eines Auswegs aus der Misere wurden die Teilnehmer befragt, was Unternehmen und andere Institutionen tun könnten, um Vertrauen in puncto Datenverwendung zu gewinnen. 64 Prozent der Befragten wünschen sich ein hohes Maß an ­Transparenz bei der Verwendung ihrer persön­lichen Daten, 68 Prozent fordern knappere und in verständlicher Sprache verfasste Nutzungsbedingungen.

Gegenwehr ist angesagt

Aktuell gibt es verschiedene Tools, mit denen man sich auch im Netz mehr Anonymität verschaffen kann. In erster Linie sollte man regelmäßig die genutzten Suchmaschinen und Webbrowser wechseln, wobei auch der Tor-Browser (The Onion Router) nicht außen vor bleiben sollte. Überdies hat der bereits erwähnte Anbieter Comidio mit der „Trutzbox“ eine Lösung im Portfolio, die u.a. verschlüsselte Ende-zu-Ende-E-Mails, spurenloses Surfen im Internet sowie Firewall- und Virenschutz bieten soll.

Mit dem Motto „Ihre Privatsphäre gehört Ihnen. Und nicht dem Internet“ ist die in Hamburg ansässige eBlocker GmbH unterwegs. Das gleichnamige Produkt soll Privatpersonen die Kontrolle über ihre ungewollt während des Surfens preisgegebenen Informationen zurückgeben. Eigenen Angaben zufolge werden mit dem stationär an das Heimnetzwerk angeschlossenen eBlocker und der eigens entwickelten Sicherheits-Software je nach Wahl Tracking- und Werbedienstleister für alle Endgeräte blockiert.

Parallel zu diesen Anbietern sorgten im vergangenen Jahr drei US-amerikanische Software-Entwickler mit ihrem Programm “Data Arbitrage”,  das dem Handel mit persönlichen Informationen bis 2019 ein Ende setzen soll, für Furore. Medienberichten zufolge funktioniert dies, indem Datenhändlern und damit der Werbeindustrie systematisch große Mengen an Falschinformationen untergejubelt werden. Das Kalkül sei, den Pool an persönlichen Daten, den Datenhändler aufgebaut haben, durch die Verunreinigung mit falschen Informationen unbrauchbar zu machen. Einmal installiert, gibt Data Arbitrage seinen Nutzern Anweisungen zur Erstellung von falschen Profilen. Dies funktioniere bereits für Facebook, Twitter und Instagram, wobei bereits an der Unterstützung für andere Plattformen gearbeitet wird. Nachdem ein falscher Datensatz erstellt worden ist, beginnt der „ArbiBot“, der Teil des Software-Pakets ist, Social-Media-Konten zu erstellen und diese automatisiert mit Inhalten zu füllen. Da das System lernfähig ist, könne es zudem mit der Zeit lernen, menschliches Social-Media-Verhalten bestmöglich zu imitieren.

Mechanismen des weltweiten Datenhandels

Nicht nur jenseits des großen Teiches, auch hierzulande gibt es Initiativen zum  Schutz der Privatsphäre. So wollen Saarbrücker IT-Sicherheitsforscher die Mechanismen im weltweiten Daten­dschungel besser verstehen lernen und Methoden dafür entwickeln, dass alle Nutzer ihre Privatsphäre auch ohne technisches Wissen besser schützen können.

„Heute ist es selbst für IT-Profis fast unmöglich, den Überblick darüber zu behalten, an wen welche persönlichen Daten fließen, wenn man sich durch das Netz bewegt. Die hohen Rechnerleistungen machen es zudem immer einfacher, riesige Datenbestände nach Detailinformationen zu durchforsten und persönliche Daten aus ganz unterschiedlichen Quellen miteinander zu verknüpfen“, erklärt Michael Backes, Professor für IT-Sicherheit und Kryptografie der Uni des Saarlandes. Für Unternehmen sei es daher ein leichtes, die Interessen und Wünsche der Kunden zu ermitteln. Aber auch Geheimdienste und kriminelle Banden spionierten mit. „Unser erstes Ziel ist es daher, sichtbar zu machen, wie es um die Privatsphäre des Einzelnen bestellt ist. Was weiß das Internet gerade über mich? Kann es bestimmen, wo ich mich aufhalte, weiß es, welchen Arzt ich aufgesucht habe oder wie meine Reisepläne aussehen“, nennt Backes als Beispiel.

Auch gehe es um die Frage, was Unternehmen über Personen erfahren können, indem sie z.B. die Benutzerkonten auf mehreren Plattformen miteinander verknüpfen. „Die Kombination ganz unterschiedlicher Datensätze ist eines der größten Probleme für die  digitale Privatsphäre. Solche Kombinationen ermöglichen Profilbildungen, die den einzelnen Nutzer schnell  gläsern werden lassen, indem seine Lebensgewohnheiten und Vorlieben bis ins Detail durchleuchtet werden“, erläutert Backes. Auch die Apps für Smartphones seien fleißige Datensammler, die meist ungehindert auf alle persönlichen Kontakte des Besitzers zugriffen. „Wir wollen analysieren, auf welchen Wegen private Daten abgegriffen, verbreitet und legal oder illegal verwertet werden. Dabei spielen auch die sozialen Netzwerke eine zentrale Rolle“, so Michael Backes. Dort würden täglich Millionen Bilder und Videos ausgetauscht, die einzelnen Personen direkt zugeordnet werden könnten. Backes will herausfinden, welche Informationen sich aus diesen multimedialen Daten ableiten lassen.

Doch bei alledem: Jeder Nutzer sollte bei Online-Aktivitäten generell dem Prinzip der Datensparsamkeit folgen und möglichst wenig über sich preisgeben. Zudem könnte sich auch die kürzlich verabschiedete neue EU-Datenschutzgrundverordnung als Streif am Horizont erweisen, die unzweckmäßige Datenverarbeitung wie versteckte Datenbanken, ungewolltes Scoring oder Datenhandel ausschließen möchte.


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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