Schwarzer Digitalpeter

Schuldige gefunden: Mitarbeiter zu doof für Digitalisierung

Nein, kein Postillion-Zitat, sondern Ergebnisse von Managerbefragungen. Übrigens: 97% finden sich selbst ganz toll.

Dummer Mitarbeiter? Rückstände und Probleme bei der digitalen Transformation werden auf die Mitarbeiter zurückgeführt

Dummer Mitarbeiter? Rückstände und Probleme bei der digitalen Transformation werden auf die Mitarbeiter zurückgeführt

"Sie sind alle so dumm, und ich bin ihr Chef." Diese Aussage eines römischen Militärs in einem Asterix-Comic ist legendär geworden und steht für eine weitverbreitete Haltung, die sich auch wieder bei der Digitalisierung findet. So sind jüngst gleich zwei Studien erschienen, in denen Rückstände und Probleme bei der digitalen Transformation auf die Mitarbeiter zurückgeführt werden.

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) hat im Auftrag der Deutschen Bank Vertreter von 312 Familienunternehmen mit mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz befragt. Als größtes Hemmnis für die Digitalisierung sehen die Unternehmen mangelndes Know-how der Mitarbeiter (43%). Die Trendforscher von 2b Ahead haben 256 Innovationsexperten zum Thema KI in Unternehmen interviewt. Eine Mehrheit (61%) beklagt das fehlende Verständnis der Mitarbeiter für künstliche Intelligenz.

Solche Aussagen sind nicht neu. "Unternehmen sehen Lücken bei Digitalkenntnissen ihrer Mitarbeiter", hat eine Bitkom-Studie bereits im Mai dieses Jahres ergeben. Und Ende des letzten Jahres erschien eine Metastudie des Instituts der deutschen Wirtschaft, die 46 Digitalisierungsstudien zusammengefasst hat. Eines der Ergebnisse: Mangelndes Know-how ist eines der größten Hindernisse für die weitere Digitalisierung der Wirtschaft.

Mitarbeiter haben schwarzen Peter der Digitalisierung

Viele dieser Studien sind "Elitenbefragungen", bei denen in erster Linie Unternehmer und Führungskräfte Auskunft geben. Oder etwas anders ausgedrückt: Wenn es mit der Digitalisierung nicht ganz so klappt, muss ja irgendjemand schuld sein. Und wer sonst als die Mitarbeiter kommen da infrage? Sie haben also den schwarzen Peter und sollen sich gefälligst anstrengen. Doch sie geben ihn gerne zurück, wie eine neue Studie des Softwareanbieters OpenText über die digitale Transformation ergab.

Zentrale Erkenntnis der Interviews von 300 deutschen Bürgern zwischen 18 und 70 Jahren: Fast die Hälfte (45%) findet, dass Arbeitgeber ihre Ausbildungspflichten im Hinblick auf die Digitalisierung vernachlässigen und vor allem ältere Mitarbeiter fürchten deshalb um ihren Job. 28 Prozent der Interviewten beklagen, dass Arbeitgeber von ihnen erwarten, neue Technologien ohne angemessene Einarbeitung zu nutzen.

Die meisten Mitarbeiter wurschteln sich also irgendwie durch. Auch das ist nichts Neues, bereits im letzten Jahr stellte der D21 Digitalindex fest: "Noch immer überwinden Berufstätige technische Schwierigkeiten und Kenntnisgrenzen autodidaktisch mit Ausprobieren, Fragen anderer und Nutzung kostenloser Online-Angebote." Systematische Weiterbildung fehlt in den Unternehmen, obwohl sie dringend notwendig wäre.

Manager leiden unter Selbstüberschätzung

Eines ist jedoch klar: Auch das Management benötigt Nachhilfe, denn die Ansicht "Meine Mitarbeiter sind zu doof" ist ein klarer Fall von Selbstüberschätzung. Der im letzten Jahr erschienene Transformationswerk Report hat deutlich gemacht, dass die Führungskräfte sich selbst für sehr viel digitaler halten, als sie im Alltag wirken - eine Folge der gar nicht so seltenen verzerrten Selbstwahrnehmung der Chefetagen.

So gaben 44 Prozent der Unternehmenslenker an, sie seien digital kompetent. Doch von den Mitarbeitern sagen das gerade einmal 14 Prozent über ihre Chefs. Auch beim Digitalisierungsgrad gehen die Meinungen weit auseinander. So glauben 31 Prozent der Chefs, ihr Unternehmen sei auf einem guten Weg nach Digitalistan. Von den befragten Mitarbeitern finden das aber nur 20 Prozent.

Diese Kluft zwischen Selbsteinschätzung und Außenwirkung in Sachen Digitalisierung passt zu der aktuellen Gallup-Umfrage über die Zufriedenheit der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen. 97 Prozent aller Manager halten sich für eine gute Führungskraft, doch gut jeder zweite Mitarbeiter plant, sich auf mittlere Sicht einen anderen Arbeitgeber zu suchen. 15 Prozent der Beschäftigen haben sogar innerlich bereits gekündigt. Ihr Hauptgrund: Schlechte Vorgesetzte. Das sind diejenigen, die das Management bei der Digitalisierung auflaufen lassen.

Bildquelle: Thinkstock

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