Gesundheitsdaten überwachen

Selbstvermessung mit Fitness-Trackern, Apps & Co.

Die Vermessung des Ichs scheint kaum noch Grenzen zu kennen. Denn per Wearables wie Fitness-Trackern oder Smartwatches, Smartphones und einschlägiger Apps lassen sich sämtliche Körperfunktionen detailliert aufzeichnen, speichern und auswerten, um letztlich mit bunten Grafiken den mehr oder weniger gesunden Lebensstil vor Augen geführt zu bekommen.

Körper vermessen

Mittlerweile gibt es verschiedene Apps, deren Nutzung sich positiv auf die Gesundheit ihrer Nutzer auswirken kann. So müssen Diabetiker nicht mehr wie früher per Nadelstich in die Fingerkuppe Blut abzapfen, um ihren Blutzuckerspiegel zu messen. Vielmehr genügt es, einen unscheinbaren Sensor per Pflaster auf die Haut zu kleben, um die Werte regelmäßig auf das Smartphone übertragen zu bekommen. Lebensrettend können dabei vor allem frühe Warnhinweise hinsichtlich drohender Unterzuckerung sein. Auch für Adipositaspatienten und generell für Abnehmwillige erweisen sich die Devices durchaus als nützliche Helfer. Denn mit ihnen können nicht nur die tägliche Kalorienzufuhr, sondern auch die körperlichen Aktivitäten dokumentiert werden. Dank digitalem Schrittzähler wird man kontinuierlich angespornt, mindestens das Tagesziel der empfohlenen rund 10.000 Schritte zu erreichen.

Nicht zuletzt sorgen GPS-basierte Apps wie Runtastic und Fitness-Tracker wie Fitbit, Gear oder Jawbone dafür, dass selbst Freizeitsportler ihre Leistungen wie Vollprofis nachvollziehen und entsprechende Trainingspläne nachhalten können. Doch gerade hier liegt oftmals der Hase im Pfeffer. Denn die nette Spielerei mit ihren gesunden Nebeneffekten kann schnell ins Gegenteil umschlagen. Etwa dann, wenn bei nachlassenden sportlichen Leistungen der Frust überwiegt. Oder wenn Apps und Tracker zum exzessiven Sporteln animieren. Nicht von ungefähr gehen Experten davon aus, dass aktuell etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland und damit rund 820.000 Menschen an Sportsucht leiden.

Neben den Gefahren für das eigene Wohlbefinden und die Psyche sollte man stets im Blick behalten, wohin die erfassten Gesundheits- und Fitnessdaten fließen und zu welchen Zwecken sie weiterverarbeitet werden. Insbesondere kostenfreie Fitness- und Gesundheits-Apps finanzieren sich – wie allgemein üblich – mit Werbung oder die Weitergabe der Nutzerdaten an Dritte. Außerdem können User beispielsweise bei Apple zustimmen, dass alle per „Health“-App gesammelten Daten zu Forschungszwecken an bestimmte Studienprojekte weitergegeben werden. Dabei wandern alle ermittelten Daten sowohl bei Apple als auch bei Google Fit in die Rechenzentren und Big-Data-Analysewerkzeuge des jeweiligen Anbieters.

Als lukratives Geschäftsmodell für Krankenversicherungen erweist sich – zumindest in Ländern, in denen Datenschutz und Privatsphäre einen geringeren Stellenwert als in Deutschland besitzen – die Verquickung der Devices und Apps mit Tarifen und Bonus- bzw. Malussystemen. Während in Ländern wie den USA bereits verschiedene Wearable-Initiativen z.B. von der Krankenversicherung United Health Group für Schlagzeilen sorgten, halten sich hiesige Krankenkassen und private Krankenversicherer mit der Verknüpfung von Aktivitäts- und Gesundheitsdaten mit dem Versichertentarif noch deutlich zurück. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind vielschichtig. Zum einen hegen Kritiker und Datenschützer berechtigte Zweifel, ob ursprüngliche Bonusprogramme nicht plötzlich in Malussysteme umgewandelt werden könnten – zum Schaden der betroffenen Versicherten. Frei nach dem Motto: Wer sich nicht bewegt und sich zu ungesund ernährt, muss höhere Versichertenbeiträge zahlen oder fliegt einfach ganz aus der Krankenversicherung. Zum anderen besteht hohes Betrugspotential. So kann aktuell (noch) nicht eindeutig nachgewiesen werden, ob das erworbene Fitnessarmband vom Versicherten selbst getragen wird oder gerade der Nachbar damit joggen geht.

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Solche und weitere Aspekte bremsen Krankenkassen und -versicherungen jedoch nicht komplett aus, sich mit mobilen Trends zu beschäftigen. Fast alle großen Kassen und Versicherungen bieten ihren Mitgliedern spezielle Apps mit Informationen und Services an. Zu letzteren zählen die erwähnten Bonus- und Prämienprogramme, die – glaubt man Versicherern und Krankenkassen – von der täglichen Überwachung der Nutzer weit entfernt sind. Häufig handelt es sich allein um die digitale Abbildung bereits bestehender Verfahren. Das papierbasierte Bonusheft, das bislang die regelmäßigen Kontrollbesuche bei Ärzten dokumentiert, wird nun durch eine App ersetzt. „Beste Anreize für die Programme sind stets die Verbesserung der eigenen Gesundheit und der Gewinn höherer Lebensqualität“, so Inga Bergen, CEO von Welldoo.

Motivationskick per App

Mit ihrer Bewegungs-App Fit2Go will z.B. die Barmer GEK Versicherte wie auch Nicht-Versicherte zu mehr Bewegung im Alltag animieren. Über das Bonusprogramm „aktiv pluspunkten“ honoriert man 18 Leistungen für Erwachsene, sieben für Jugendliche und elf für Kinder. Dies kann laut Athanasios Drougias, Leiter der Unternehmenskommunikation, eine aktive Mitgliedschaft im Sportverein sein, eine Teilnahme an einem Ernährungskurs oder die Bereitschaft, Blut zu spenden. „Für diese nachweislich erbrachten Leistungen gibt es Punkte, die anschließend für den Erwerb verschiedener Prämien eingesetzt werden können, z.B. Trainingspulsuhren, Blutzuckermessgeräte oder Ermäßigungen für bestimmte Reisen“, erklärt Drougias. Seit Anfang des Jahres heißt das Äquivalent dafür bei der AOK Nordost „Fit mit AOK“. Eigenen Angaben zufolge handelt es sich um „das erste vollständig digital nutzbare Prämienprogramm einer deutschen Krankenkasse“. Die Teilnehmer können hier ebenfalls durch sportliche Aktivitäten, Mitgliedschaften in Fitnesscentern und Sportvereinen, durch die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen und soziales Engagement (Blutspende, Organspendeausweis) Prämienpunkte sammeln. „Mit solchen Aktivitäten können Männer Prämien im Gegenwert von maximal 325 Euro pro Jahr sammeln. Bei Frauen sind es sogar bis zu 375 Euro, aufgrund zusätzlicher Vorsorgeangebote für Schwangere“, konkretisiert Christian Klose, Chief Digital Officer der AOK Nordost.

Bislang macht es hierzulande einzig die Generali Versicherung den erwähnten US-Vorbildern nach und verknüpft mit dem Programm „Vitality“ die Tarife für Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherung mit der Erhebung von Fitness- und Gesundheitsdaten. Angestrebt wird dabei ein aktives Leben: Basierend auf wissenschaftlichen Analysen soll Vitality die Kunden dabei unterstützen, ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen und Punkte zu sammeln. Die Versicherten können z.B. durch die Wahrnehmung von Vorsorgeterminen, Verzicht auf Rauchen, den Einkauf gesunder Lebensmittel oder sportliche Aktivitäten Punkte sammeln, die ihnen bei der Verbesserung ihres Status (Bronze, Silber, Gold oder Platin) helfen. Im nächsten Schritt folgt die Belohnung. Dazu heißt es in einer Pressemeldung: „Von einem besseren persönlichen Status können unsere Kunden doppelt profitieren: zum einen in Form von niedrigeren Versicherungsbeiträgen, zum anderen in Form von Rabatten unserer Reward-Partner.“

Das freiwillige Programm ist seit dem 1. Juli 2016 verfügbar und wurde bereits vor der Einführung kontrovers diskutiert. Laut dem Versicherer jedoch zu unrecht: „Wir verstärken und erweitern das Solidaritätsprinzip der Versicherung durch effektive Anreize zu gesundheitsbewusstem und damit risikovermeidendem Verhalten“, beschreibt Giovanni Liverani, Vorstandsvorsitzender der Generali Deutschland AG, die Smart-Insurance-Initiative. Um Kritikern hinsichtlich möglicher Datenschutzbedenken den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat man sich rechtlich abgesichert. Oder anders ausgedrückt, sich eines legalen Kniffes bedient: Denn für die Nutzung des Programms schließen Kunden neben dem Versicherungsvertrag zusätzlich einen weiteren Vertrag mit der eigenständigen Generali Vitality GmbH ab, einer Tochtergesellschaft der Assicurazioni Generali. Somit findet eine strikte Trennung zwischen Versicherer und datenverarbeitendem Unternehmen statt, wodurch der Versicherer zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf die vom Kunden im Rahmen des Vitality-Programms zur Verfügung gestellten Daten habe. Das Versicherungsunternehmen erhalte lediglich eine Information zum Status des Vitality-Vertrags sowie zum Status des Kunden, der sich aus den gesammelten Punkten errechnet. Indirekt bedeutet dies jedoch, dass man weiß, wann ein Kunde eher träge war, da er vom hocheingestuften Platin- auf einen Bronzestatus zurückgefallen ist.

Datensparsamkeit ist gefragt

Nicht nur Generali, sondern auch die anderen Versicherer betonen, mit ihren Digitalangeboten keine persönliche Daten zu horten. „Gemäß dem Grundsatz der Datensparsamkeit werden bei Fit mit AOK nur solche Daten erhoben und verarbeitet, die unbedingt notwendig sind, um den dahinterstehenden Zweck der Gesundheitsvorsorge zu erfüllen“, betont Christian Klose. Zum Betreiben des Prämienprogramms erfasse man lediglich Datum und Typ der Aktivität sowie die erzielten Prämienpunkte. Fitnessdaten oder sensible Gesundheitsdaten würden nicht erhoben, „weshalb aus dem Programm auch keinerlei Rückschlüsse auf den individuellen Gesundheitszustand des Versicherten möglich sind“, sagt Klose.

Bei der Barmer GEK agiert man mit der „Fit2Go“-App ähnlich. Die Daten werden nur innerhalb der App und damit auf dem Handy des Nutzers gespeichert. Die Nutzung der App ist folglich anonym; es werden keinerlei Daten an die Krankenkasse übertragen. „Aus diesem Grund nutzen wir die App auch nicht als Nachweis für erbrachte sportliche Aktivitäten“, erklärt Athanasios Drougias. Auch würden generell keine Apps von anderen Anbietern wie Runtastic in das Bonusprogramm miteinbezogen, sodass von dieser Seite aus keine Gefahr für das Abließen von Nutzerdaten an Dritte bestünde.

Um zu zeigen, wie ernst man den Schutz sensibler Versichertendaten nimmt, entwickelte die AOK Nordost mit Prof. Dr. Heckmann, Inhaber des Lehrstuhls Öffentliches Recht, Sicherheitsrecht und Internetrecht an der Universität Passau, gar ein eigenes Datenschutzkonzept. „Dieses entspricht dem Bundesdatenschutzgesetz und wurde mit der Datenschutzbeauftragten des Landes Brandenburg abgestimmt. Darin wird für die User verständlich dargestellt, welche Daten warum erhoben und verarbeitet werden, berichtet Christian Klose. Dabei werden die Daten ausschließlich in Rechenzentren in Deutschland gespeichert. Eine Übermittlung der Informationen auf Server in Drittstaaten, z.B. im Rahmen von Cloud-Computing-Diensten, wird laut Klose ausdrücklich ausgeschlossen. „Zugriff haben – wie in den bisherigen klassischen Prämienprogrammen auch (z.B. Nachweise über Stempel in Bonusheften) – nur die Mitarbeiter der AOK Nordost, die direkt mit der Betreuung des Prämienprogramms betraut sind. Jegliche Kommunikation zwischen der App und den AOK-Servern erfolgt über eine SSL-Verschlüsselung, wie sie auch beim Online-Banking verwendet wird“, so Klose.


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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