Textilien mit Elektronik

Smart Wear: Digitale Technologien erreichen die Modewelt

Unter dem Stichwort Smart Wear werden Kleidungsstücke dank integrierter Technologie digital. Designer verbinden analoge Mode mit der digitalen Welt. Die smarten Kleider sollen künftig nicht nur die Laufstege erobern, sondern auch im Alltag hilfreich sein.

Mode und mobile Technologien ergänzen sich: ob beim digital erweiterten Shopping oder beim nachhaltigen Design von Kleidungsstücken. Doch die Entwicklung geht jenseits von Smartphones und Tablets längst weiter: „Wearables“ – tragbare Kleinstgeräte – stehen in Form von Datenbrillen und Fitnessarmbändern vor dem Durchbruch. Noch einen Schritt weiter geht die Entwicklung von E-Textilen, welche dank der nahtlosen Integration elektronischer Komponenten neue Anwendungsszenarien ermöglichen – und endlich auch modischen Chic statt nerdiger Verkleidung versprechen.

Das modische Shoppingerlebnis für den Endanwender lässt sich per App sinnvoll erweitern. Viele Modehäuser fahren mittlerweile eine Multichannel-Strategie und bieten neben Ladengeschäft, Bestellhotline und Internetseite auch Shopping-Apps an. Im besten Fall vereinen sich stationäre und digitale Kanäle zu einer sinnvollen Gesamtstrategie, statt schlicht nebeneinander oder gar in Konkurrenz zueinander zu stehen.

Dass dies sogar bis in die Umkleidekabine gedacht werden kann, zeigt das Modelabel Tommy Hilfiger in seinem Düsseldorfer Flagship-Store. In ausgewählten Kabinen ist per fest installiertem Tablet ein direktes Feedback von Freunden über den gerade ausgewählten Look möglich. Noch in der Kabine können Kunden ein Bild von sich im neuen Outfit machen und dieses an Freunde verschicken und vor der Kaufentscheidung auf deren Feedback warten.

Doch nicht nur im Endkundenbereich haben Mode und Mobile zusammengefunden. Auch für Branchenprofis gibt es hilfreiche Apps: Sportartikelhersteller Nike stellt die App „Making“ zur Verfügung, welche Designern zeigt, wie es um die Nachhaltigkeit unterschiedlicher Materialien der Textilproduktion bestellt ist.  

Die App will sinnvolles Werkzeug sein und ordnet sich den Bedürfnissen der Designer unter, statt als purer Selbstzweck dem Image einer Modemarke eine digitale Facette zu geben. Was leider immer noch eine verbreitete Schwäche schicker, aber nutzloser mobiler Anwendungen aus der Fashionbranche ist.
 
Dabei deutet die Making-App an, was eigentlich auch für den Endkunden beim Fashion-Shopping mithilfe des Smartphones möglich wäre: Kleidungsstücke einscannen und schnell die Materialien und Produktionsbedingungen kontrollieren. Was für Nahrungsmittel mit der Lebensmittelampel über das Smartphone bereits funktioniert, das könnte auch für die Textilindustrie klappen.

Shazam für Fashion

Es ist bereits möglich, das Smartphone als mächtige Modesuchmaschine einzusetzen. „Wo hat sie diese Jacke nur her?“ – die „Shazam für Fashion“-Funktion der Picalook-App könnte es herausfinden: Nutzer können per Foto nach der Jacke oder ähnlichen Produkten suchen (zur Zeit in einer Referenzbibliothek mit ca. 350.000 Produkten aus knapp 200 Shops) und sie in angeschlossenen Onlinestores direkt kaufen. Diese Lösung der Hamburger Picalike GmbH analysiert Kleidung nach visuellen Merkmalen und kann diese in Beziehung setzen. „Unsere Algorithmen bringen dem Computer bzw. dem Smartphone quasi das Sehen bei. Konkret heißt das: Suche oder Empfehlung auf Basis der Bilder. Dadurch wird der Geschmack der Kunden berücksichtigt und die Nutzererfahrung intuitiver. Zudem extrahieren wir Informationen aus den Produktbildern und wenden ein Farbmodell an, das Farben ‚wie ein Mensch’ wahrnimmt“, erklärt Daniel Raschke, Geschäftsführer der Picalike GmbH. „Um zu zeigen, was möglich ist, haben wir die Social-Plattform und auch die App Picalook als Demoplattform für unsere Picalike-Technologie gelauncht.“

Doch noch ist die Mehrheit der Branche gar nicht mobil. „Von den knapp 200 Shops sind weit weniger als drei Viertel mobil optimiert, darunter auch namenhafte und größere Anbieter. All diese Anbieter aus unserer mobilen Anwendung herauszurechnen, würde die Produktanzahl halbieren. Wir hatten bei Picalook also die Wahl zwischen Pest und Cholera“, gibt Raschke einen Einblick zur Mobilität der Modebranche. „Wir hätten alle nicht mobil optimierten Shops herausnehmen können, wobei die Trefferquote sinken würde. Nun zeigen wir eben alle Produkte an, was dazu führt, dass die Kunden mehr sehen, die Produkte aber oft nicht mobil aufrufen oder erwerben können. Zumindest weiß der User so, wo er bestimmte Produkte online erwerben kann. Für einige Shops bzw. Aggregatoren sind wir also scheinbar etwas zu früh dran.“ Die Hanseaten sind allerdings guter Dinge, dass sich viele Anbieter in Sachen mobile Optimierung beeilen. Ihre neue Suchtechnologie steht bereits in den Startlöchern.

Ein Unternehmen, dass auf mobile Shopping-Apps setzt, ist das Online-Outlet Aikme: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Shopping-Apps gut funktionieren. Wir generieren derzeit 10 bis 15 Prozent des Deutschland-Umsatzes über die Apps. Viele unserer Nutzer bestellen mittlerweile öfter auf diesem Weg, sind also zu Stammkunden geworden“, berichtet Sascha Coldewey, CEO von Aikme, über die Erfahrung mit den von seinem Unternehmen genutzten mobilen Shoppinglösungen des Anbieters Shopgate.

Jenseits des Smartphones

Während im Shopping-Alltag Mode und mobile Anwendungen also langsam  erfolgreich zusammenfinden, hat die Zukunft jenseits der Geräteklasse Smartphone in Forschung und Entwicklung bereits begonnen.

Mit Sicherheit gelingt der Durchbruch von Technologie als modischem Accessoire nicht mit der alten Idee eines Mini-Computers am Handgelenk: Die derzeitigen Smartwatches sind modisch wenig attraktive, ja klobige Modelle, die zudem jeweils nur mit einem bestimmten Handymodell funktionieren. Damit bleiben sie eine Spielerei für Nerds und kein heißbegehrtes Accessoire der neuen Herbstkollektion. Auch ein technologisch spannendes Projekt wie Google Glass wurde mehrheitlich von jungen weißen Männern im Silicon Valley für junge weiße Männer im Silicon Valley designt.*

Apple holt Personal aus der Modebranche

Dass sich diese Konstellationen ändern müssen und sich Technologie modischen Aspekten unterordnen sollte, könnte Apple verstanden haben. Traditionell auf gutes Design bedacht, bemüht sich das Unternehmen neuerdings um interessantes Personal aus der Modebranche: Paul Deneve, Chef der Modemarke Yves Saint Laurent, wechselte kürzlich nach Cupertino. Auch ein Designdirektor von Nike, Ben Shaffer, wechselte zu Apple. Im Frühjahr 2014 ist zudem der Wechsel der erfolgreichen  Burberry-Chefin Angela Ahrendts ins Apple-Top-management angekündigt. Neben der britischen Traditionsmarke hat die Managerin bereits für die Fashionlabels Liz Claiborne und Donna Karan gearbeitet.

In der Technologiebranche ist also modisches Know-how begehrt. Denn erfolgreich werden jene Unternehmen sein, die sowohl die technologischen als auch die modischen Ansprüche der Kunden befriedigen. An dieser Schnittstelle von Mode und Technologie sind aktuell zwei Entwicklungsstränge zu unterscheiden: erstens die tragbaren Geräte – „Wearables“, die zur Zeit in Form von besagten Smartwatches, aber auch als Fitnessarmbänder und Datenbrillen auf den Markt drängen – und zweitens E-Textilien, also Stoffe, vor allem Kleidungsstücke mit – im wahrsten Sinne des Wortes – nahtloser Integration elektronischer Elemente.

Wearables und E-Textilien

Wearables sind vor allem für Sport- und Gesundheitsanwendungen prädestiniert – also zur gewollten oder benötigten Überwachung körperlicher Werte. Der Trend trägt den Namen „Quantfied Self“ und zerlegt Zustand und Leistung der eigenen Person in Zahlen.

Zur Zeit konkurrieren um diese Zielgruppe der Selbst­optimierer verschiedene Aktivitätstracker, wie das gerade überarbeitete Nike FuelBand oder Adidas Micoach, Fitbit, Jawbone, Pebble, MetaWatch, Jawbone sowie das schlichte, aber schicke Shine. Sie alle können die Schritte, Bewegung, Kalorienverbrauch und den Schlaf sowie ggf. weitere Daten aus dem Alltag der Person aufzeichnen.

Wearable Devices sollen im Jahr 2018 einen Markt im Wert von 19 Milliarden Dollar bedienen, so die Analysten von Juniper Research. Ihr neuester Bericht geht davon aus, dass im Laufe der Zeit nicht nur Geräte und Apps, sondern auch wiederkehrende Einnahmen aus Abonnements für bestimmte Premiumdienste den Anbietern Geld bringen. Sogar Provisionen für die Dienste Dritter, die auf die kleinen Körperüberwacher vermittelt werden, seien möglich.

ABI Research fand heraus, dass im vergangenen Jahr ca. 30 Millionen Wearable-Geräte im Bereich Gesundheit und Fitness verkauft wurden. Die Marktforscher schätzen, dass es 2017 bereits 170 Millionen Geräte sein können. Kein Wunder, dass viele kleine Start-ups und alle großen Technologiekonzerne an den nächsten Schritten tragbarer Elektronik arbeiten oder sogar bereits marktreife Anwendungen verkaufen:

Google hat mit der bereits erwähnten Datenbrille Glass ein vielbeachtetes Wearable-Gerät entwickelt. Doch es gibt heftige Kritik in Sachen Datenschutz. Samsung und Sony haben Smartwatches in ihre Produktpaletten aufgenommen. Apple plant angeblich ebenfalls ein Gerät für das Handgelenk, hat mit den Funktionen des neuen iPhone 5s aber ganz andere, relevantere Fakten geschaffen: Das neue iPhone ist das ideale Werkzeug für Selbstoptimierer. Dank des dauernd aktiven Koprozessor können Positionsdaten und Gerätebewegungen ständig protokolliert werden. Per Bluetooth, WiFi oder Kabel ist es für angeschlossene Geräte leicht, Aktivitäten und Körperfunktionen zu erfassen. Beste Grundlage also für die Wearable-Technologie, die den Träger situativ passend unterstützen soll. Microsoft besitzt mit der Kinect-Hardware ein Ass im Ärmel: Zur Zeit steuern mit der Technologie Spieler ihre Xbox-Konsolen per Bewegung und Sprache. In Wearable-Geräte integriert können Anwendungen im Sport- und Gesundheitsbereich entstehen, die die Gestensteuerung aufgreifen.

Auch mit vielen kleineren Projekten sammelt die Branche Erfahrungen mit tragbarer Technologie. Der Telekommunikationsriese O2 hat zusammen mit dem Designer Sean Miles eine der bekanntesten Gesten, das aus Daumen und kleinem Finger geformten Telefon, in einem gemeinsamen Projekt aufgegriffen: Aus einem modischen Leder-handschuh wird dank eingenähter Technologie ein Headset.

Außerdem sind Marktpioniere schon mit sehr konkreten Ideen erfolgreich: Das 2008 von David Icke gemeinsam mit John Rogers, Professor an der University of Illinois und einer der Vorreiter des Wear­able Computing, gegründete Unternehmen MC10 hat diverse tragbare Elektronik entwickelt: Unter anderem den über Reebok erhältlichen Sensoren-Helm „Checklight“, der Erschütterungen im Kopfbereich misst und warnt.

Auch außerhalb des Sportes lassen sich Sicherheitsaspekte mit technologisch erweiterter Kleidung verbessern: So entwickelt das Virginia Tech College of Engineering einen Helm für Bauarbeiter, der mithilfe von Sensoren vor drohender Kohlenmonoxidvergiftung warnt, die auf Baustellen und in Produktionsanlagen durch Maschinenabgase verursacht werden kann.

Integration der Sensorik direkt in das Kleidungsstück

Der zweite Entwicklungsstrang technologischer Mode sind E-Textilien, Stoffe mit integrierten, elektronischen Elementen. Hierbei werden auch in Deutschland große Fortschritte gemacht und marktreife Ideen produziert.

Bereits auf der Cebit 2010 stellte das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen ein Fitness-Shirt vor, ausgestattet mit Messtechnik für EKG und Atmungserfassung. Mit der Messung eines 1-Kanal-EKGs und der Atembewegung im Brustbereich liefert das Kleidungsstück Messwerte zweier grundlegender Vitalparameter. So kann das Shirt dazu beitragen, die Sicherheit von Feuerwehrleuten bei Lösch- und Rettungseinsätzen durch ein kontinuierliches Monitoring der Herz- und Atemfunktionen zu erhöhen.

Solche Kleidungsstücke können auch im Spitzensport zur kontinuierlichen Messung der körperlichen Anstrengung eingesetzt werden. Für die Zuschauer von Sportevents könnten damit unterhaltsame Zusatzinformationen über die Anstrengung, Leistungsfähigkeit und Fitness der Sportler bereitgestellt werden. Trainer können die so erfassten Daten zur Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung einsetzen.

Bei den E-Textilien kommt es vor allem auf Innovationen in der Materialforschung an – kein modebewusster Kunde möchte eine normale Jacke mit aufgeklebten LED-Lichtleisten und klobigen Akkus im Inneren kaufen. „Grundlage des elektronischen Systems der Jacke ist ein dehnbarer Schaltungsträger auf Basis einer flexiblen Folie aus thermoplastischem Polyurethan, den wir am Fraunhofer IZM entwickelt haben“, erläutert Christian Dils, Forscher am TexLab. Bestückt mit Sensoren, Kupferleiterbahnen und LEDs wird dieser auf einen textilen Untergrund laminiert. „Die Dehnbarkeit ist eine Grundvoraussetzung für den Einsatz elektronischer Systeme in Kleidung. Eine starre Leiterplatte würde durch die Bewegungen des Menschen kaputtgehen. Der Schaltungsträger lässt sich in konventionellen Fertigungsprozessen der Leiterplattenindustrie herstellen und ist somit eine Grundvoraussetzung für die Serienproduktion“, so Dils weiter.

Eine große Schwierigkeit ist die Waschbarkeit dieser Materialien. Bei der Fahrradjacke muss zwar der Akku vor dem Waschen entfernt werden. Das Waschen des Textils samt integrierter Elektronik in der Waschmaschine ist aber kein Problem.

Aus der Forschung zur Leiterplatten-technologie stammt eine weitere Innovation: Atmungssensoren in Babybodys könnten künftig vor dem plötzlichen Kindstod schützen. Grundlage ist eine dehnbare Leiterplatte, die sich dreidimensional der Körperform anpasst. Auf dem Kleidungsstück des Babys angebracht misst die dehnbare Leiterplatte die Atmungsaktivität eines Säuglings und könnte die Eltern somit warnen, falls das Kind nicht mehr atmet. Auch diese Idee wurde von Forschern des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM in Berlin entwickelt.

Auf der Haut

Möglich ist auch, die dehnbare Platine als Grundlage eines Pflasters zu nutzen. Mediziner der Universität Heidelberg arbeiten mit Fraunhofer-Forschern daran. Mit diesem Pflaster sollen Ärzte künftig die Nierenfunktion ihrer Patienten prüfen können. Die amerikanische Wearable-Schmiede MC10 bietet bereits einen Dehydrationssenor in Form eines Pflasters an. Der Sensor überwacht Athleten, kann aber auch dem Büromenschen eine Nachricht auf das Smartphone senden, falls er zu wenig trinkt.

Letztere Projekte lassen eine Zukunft erahnen, in der Körper und Technologie verschmelzen. Noch aber ist die Haut die Grenze. Mobile Technologien werden bald Teil der Modeindustrie sein, zunächst ist modisches Know-how aber in der Technologiebranche notwendig, um tragbarer Elektronik zum Durchbruch zu verhelfen. 

* http://whitemenwearinggoogleglass.tumblr.com

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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