Produktion mobiler Endgeräte

TCO-Zertifizierung für mehr Nachhaltigkeit

Interview mit Niclas Rydell, Director of Certification bei TCO Development – einer auf die Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte spezialisierten Organisation – über einen umweltbewussten Umgang mit Rohstoffen bei der Produktion von IT-Hardware und mobilen Endgeräten

Niclas Rydell, TCO Development

Niclas Rydell, Director of Certification bei TCO Development

Herr Rydell, wie gestalten sich Ihrer Ansicht nach die Arbeitsbedingungen – beispielsweise hinsichtlich Arbeitszeit, Entlohnung sowie Arbeitsschutz – in den Produktionsstätten der PC-, Smartphone- und Tablet-Herstellern?
Niclas Rydell:
Schlechte Arbeitsbedingungen sind ein weit verbreitetes Phänomen in der Herstellung von IT-Produkten. Einkäufer können den Wandel in eine mehr sozialverträgliche Richtung zum Beispiel dadurch unterstützen, indem sie gezielt nach zertifizierten IT-Produkten – etwa nach Produkten mit TCO-Certified-Siegel – bei der Beschaffung fragen. Unser Unternehmen hat hierzu einen Bericht über 17 bedeutende Marken der Branche veröffentlich, der auf unserer Webseite heruntergeladen werden kann.

Wie ist es um die Arbeitsbedingungen bei deren Auftragsfertiger und Zulieferern bestellt?
Rydell:
Das gleiche Problem zieht sich leider durch die gesamte Supply Chain bei IT-Produkten. Hier müssen die Marken wesentlich mehr Verantwortung übernehmen und alle Verletzungen in ihrer Lieferkette offen darlegen und beseitigen.

Inwiefern haben sich nach dem Selbstmord-Skandal bei Foxconn vor fünf Jahren die Produktionsbedingungen verbessert?
Rydell:
Der Skandal hat auf jeden Fall die öffentliche Aufmerksamkeit auf die herrschenden Missstände gesteigert und wir sehen eine eindeutige Reaktion im Einkaufverhalten. Ebenso sehen wir ein gesteigertes Bewusstsein und Bereitschaft an, aufgrund der Verletzung der Menschenrechte zu reagieren. Es ist dabei wichtig, die Anforderungen an eine sozialverträgliche Herstellung richtig zu formulieren und nachzuverfolgen, damit sie in nächster Instanz weltweit in allen Produktionsstätten implementiert werden können. Hierbei helfen global einheitliche Zertifizierungen wie TCO Certified weiter.

Welche krassen Missstände findet man immer noch vor?
Niclas Rydell:
Am häufigsten findet man noch immer exzessive Arbeitsstunden ohne Pausen vor, auf die wir auch in unserem Bericht hingewiesen haben. Es ist wohl deshalb so resistent und schwer zu ändern, da es mehrere Korrekturen – nicht zuletzt eine Veränderung im Verhalten – erfordert. Einkäufer sind hier klar als Signalgeber wichtig, um diesen Prozess bei Marken und Herstellern voranzutreiben.

Inwieweit fallen hier Unterschiede hinsichtlich der Produktionsstandorte ins Gewicht?
Rydell:
Problematisch ist, dass Behörden in Niedriglohnländern oft die lokalen Arbeitsgesetze nicht durchsetzen, um den Standort für die Industrie attraktiver zu machen. Nach unserer Ansicht sind hier die Marken selbst in der Verantwortung und müssen für die Einhaltung von Richtlinien in der gesamten Lieferkette sorgen. Unser TCO-Certified-Standard erfordert dies für zertifizierte Produkte, unabhängig davon wie nachlässig die örtlichen Behörden sind.

Inwiefern lassen sich auf dem asiatischen Markt überhaupt „soziale“ Arbeitsbedingungen in der IT-Hardware- bzw. Smartphone-Produktion finden?
Rydell:
Es gibt je nach Herstellungsort tatsächlich deutliche Unterschiede. Hierbei hilft es sehr, wenn die Herstellermarke aktiv in diesen Dialog eingebunden und in Verantwortung gebracht wird, so können Missstände intern meist rasch behoben werden. Verletzungen von Arbeitsschutzbestimmungen können prinzipiell überall auf der Welt vorkommen. Wichtig ist, dass die Marke und das Fabrikmanagement sofort und umfassend handeln, um die Probleme nachhaltig zu beheben.

Stichwort „Umweltbewusster Umgang mit Ressourcen“: Inwieweit ist die Transparenz über die Herkunft von in Smartphones und Tablets genutzten Rohstoffen gegeben?
Rydell:
Es gibt aktuell Initiativen, die sich mit der Herkunft von Rohstoffen beschäftigen, vor allem wenn man von „Konfliktrohstoffen” spricht, die also direkt oder indirekt der Finanzierung von (bewaffneten) Gruppen in Konfliktzonen dienen. In der nächsten Fassung unseres Standards, die Ende des Jahres erscheint, planen wir dieses Kriterium mitaufzunehmen.

Inwieweit läuft der Abbau der benötigten Rohstoffe sowohl sozial verträglich als auch ökologisch korrekt abläuft? Welche Kontrollen werden in diesem Zusammenhang durchgeführt?
Rydell:
Da ein nachhaltiger Umgang mit Rohstoffen essentiell ist, setzen wir uns für einen längeren Lebenszyklus bei IT-Produkten ein. Ziel ist es, die Ausbeutung von Rohstoffen drastisch zu reduzieren und unterstützen IT-Hersteller dabei, künftig mehr recycelte Werkstoffe anstatt „jungfräulicher” Ressourcen in ihre Produktion einzubinden.

Inwieweit finden gesundheitsgefährdende Stoffe Eingang in die Produktion von Smartphones und Tablets?
Rydell:
Giftige und gesundheitsschädliche Stoffe findet man nach wie vor sowohl im Produktionsprozess wie auch in den Produkten selbst. Daher haben wie bei unseren Kriterien einen Schwerpunkt auf diesen Bereich gesetzt. Dies reicht vom Verbot bestimmter Substanzen bis zu Auflagen der drastischen Verringerung ihrer Verwendung (wenn keine Alternative vorhanden). Außerdem dürfen die Arbeiter bei der Herstellung nach Möglichkeit nicht (ungeschützt) mit ihnen in Berührung kommen.

Was schätzen Sie, wie viel allein die Hardware eines handelsüblichen Smartphones inklusive sämtlicher Rohstoffe Wert ist?
Rydell:
Eine sehr interessante Frage. Wenn der Wert eines Produktes die Auswirkungen auf die Umwelt über den gesamten Lebenszyklus beinhalten würde – also von der Herstellung über die gesamte Lieferkette hinweg über die Nutzung bis zur fachgerechten Entsorgung/Recycling – dann sollte dieser Preis deutlich höher liegen als dies heute der Fall ist. Es gibt ein Life Cycle Assessment von UBA aus 2010, danach sollte ein Notebook zwischen 35 und 89 Jahren benutzt werden, damit der komplette Einfluss des Produktes neutralisiert wird.

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