Inflationärer Gebrauch von Digitalisierung?

Teilen ist keine Einbahnstraße

Plädoyer für eine neue Ökonomie des Teilens

Wo man auch hinschaut: Digitales allerorten. Als handele es sich um das Allheilmittel gegen Stagnation und Abschwung, um das Wundermittel für Wachstum und Innovation, wird die sogenannte „Digitalisierung“ inzwischen inflationär in immer neuen Variationen herumgereicht. Allmählich wirkt die junge Dame dabei etwas angekratzt, sie verliert an Charme. Denn ihre Konturen verschwimmen, besonders dann, wenn kaum einer ihrer Promotoren konkret sagt, was sie bewirken wird und vor allem wie sie dies tut. Zugegeben, „Digitalisierung“ wird meist nur als Synonym für scheinbar komplexe Technologien und Verfahren benutzt. Kaum einer hat den Durchblick, wie die Dinge und vor allem die Daten zusammenhängen. Immer schwieriger wird es, zu erkennen, welche Mechanismen dort betrieben werden, wie dies geschieht und vor allem welchen Gesetzen dieses Vorgehen folgt. Und längst, so scheint es, sind die Schotten dicht. Längst haben einige wenige, global operierende Online-Firmen enorme Datenmengen und Wissensbestände angehäuft, akkumuliert und speziell nur für ihre eigenen Zwecke funktionalisiert. Mitspieler oder gar Neueinsteiger sehen kaum eine Chance, marktwirksam einzugreifen oder neue Richtungen vorzugeben. Angenommen, dem wäre wirklich so. Wer sagt denn, dass es so bleiben muss? Und lassen wir es uns nicht nur vorgaukeln, dass die Art, wie die weltweit bekannten Mainstream-Plattformen unsere Daten werblich monetarisieren, die einzige Methode ist, mit der sich Daten gewinnbringend nutzen lassen?

Ohne Zweifel gibt es andere Methoden, die sehr wohl wirtschafts- und gemeinwohltauglich sind: Da ist der zunehmend prominente Open-Government-Ansatz, der sich als Reformparadigma der Staats- und Verwaltungsmodernisierung durchsetzt und als Raw-Data-Now-Bewegung bereits 2006 von Web-Begründer Tim Berners-Lee im Rahmen der Einführung des semantischen Web gestartet wurde. Gleichzeitig entstehen auch im Automotive-Sektor sowie im Maschinen- und Anlagenbau gigantische Datenmengen, in denen Prozess- und Fertigungs-Know-how enthalten ist. Hier entwickelt sich ein Datenpotential, das die europäische Industrie in Eigenregie heben könnte.

Diese Projekte haben eine Gemeinsamkeit, die die in die Jahre gekommenen Datensammler zwar ständig proklamieren, nicht aber wirklich vorleben: Teilen. Plattformriesen kämpfen nach wie vor um immer mehr Nutzer, Gewinn und Einfluss. Sie sehen Teilen nur als Einbahnstraße. Währenddessen können mit einer echten Ökonomie des Teilens neue Wachstumsfelder betreten werden. Darum: Neue Anbieter- oder Nutzergruppen sollten Suchen (Google), Liken (Facebook) und Shoppen (Amazon) als Basistechnik für neuartige Anwendungen verwenden. Sie sollten Plattformen und Netze ähnlich wie Facebook, Google und Co. heute die TK-Netze benutzen, als gehörten sie zur gegebenen natürlichen Infrastruktur eines Landes wie Straßen oder Schulen. Erste Initiativen wie der Arbeitskreis „Connected Enterprise“ des Deutschen Arbeitgeberverbandes sowie weitere Industrie-4.0-Vorstöße zielen in diese Richtung.

Die Frage ist nun, welche Firmen den Mut haben, mit Weitblick und Selbstbewusstsein neue Wege zu gehen. Carrier mit konsequent revolutionärer Strategie? Kompromisslos innovative Newcomer? Oder etwas, was wir uns noch gar nicht vorstellen können? Etwa Technologien aus dem Bereich künstlicher Intelligenz, mit denen Computer uns eines Tages sagen, was wir im Job und privat zu tun oder zu lassen haben?


* Der Kommentator Georg Faßbender ist Geschäftsführer der Gefacon Training Beratung aus Düsseldorf und in mehreren Management-Zirkeln in der öffentlichen Verwaltung sowie in der IKT-Industrie tätig.

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