Ein Insider der Mobilfunkbranche kommentiert

Telcos in der Selbstfindung

Ein Insider der Mobilfunkbranche kommentiert Geschäftsgebahren und fehlende Innovationskraft von Providern.

Ist es vorstellbar, dass Verkehrsminister Dobrindt als De-facto-Besitzer des deutschen Straßennetzes die Automobilhersteller kritisiert, wenn die Käufer der Fahrzeuge später mit ihnen die Autobahn benutzen? Blödsinn, sollte man meinen? Aber: Genau das passiert zurzeit im Telekommunikationsmarkt im Rahmen einer Initiative der Telekom gegen Google, die in Brüssel vorgetragen wurde.

Im Kern der Beschwerde geht es darum, dass Google durch die Nutzung des Datennetzes des Providers Telekom Geschäfte macht, ohne dass die Telekom einen Cent sieht. Also Sie, lieber Nutzer, schicken Datenpakete durch das Telekomnetz zu Google ohne das die Telekom davon profitieren kann – das ist schon skandalös! Man sollte alles andere tun als die Monopolisten von Google verteidigen, muss sich aber schon fragen, woher die zunehmende Verzweiflung kommt, die die Mobilfunker dazu treibt, einen Dienstanbieter wie Google anzuzählen, weil der Profit ausbleibt! Die Telekommunikation im Mobilfunk steht vor einem Richtungswechsel. Das Problem ist nur, dass alle den Kompass vergessen zu haben scheinen und stattdessen verzweifelte Versuche der (Neu-)Orientierung sichtbar werden.

2013 war das erste Jahr, in dem der Versand von SMS-Nachrichten rückläufig war. 435 Millionen Anwender schwenkten auf Alternativen wie WhatsApp oder iMessage um, wenn sie miteinander kommunizierten. Damit wiederholt sich im SMS-Segment, was wir mit normalen Anrufen schon längst hinter uns haben – nämlich ein Rückgang.

Die Flatrate-Tarife sind ja kein Beweis für Nächstenliebe und Zuneigung uns Konsumenten gegenüber, als vielmehr ein vorab kalkulierbarer Faktor der Nutzung des Netzes und dessen Qualität. Sprache und SMS gehen zurück und werden zu austauschbaren Produkten, die immer preiswerter werden und somit immer niedrigere Margen und Gewinne einspielen. Das Portfolio der Netzbetreiber wird immer vergleichbarer. Wer ein Netz hat und auf Datenverkehr baut, kann nur mit Verfügbarkeit und Bandbreite punkten. Aber seien wir einmal ehrlich! Die angebotenen Tarife sind zu überdimensioniert und uns
Nutzer interessiert es überhaupt nicht, welche Daten unsere Smartphones über welchen Provider wie versenden, Hauptsache es funktioniert!

Das Kernproblem im Mobilfunk liegt in der fehlenden Innovationskraft in einem stetig schrumpfenden Markt. Dies führt dazu, dass die großen Anbieter versuchen, sich gar nicht erst vergleichen zu lassen. Sie argumentieren, es würden nicht die gleichen Standards für die Bilanzierung und den Umsatz für sie gelten (www.pwc.de). Sie versuchen, ihre Probleme nicht transparent werden zu lassen.

Die führenden Provider sind von den Kunden angezählt. Die Telekom reagiert mit der Integration von Evernote und Spotify, um Datendienste endlich zu monetarisieren, Vodafone geht mit einer schlechten Datencloud für Privatuser und dem Verzweiflungsdienst Ampya sowie der Bildzeitung an den Start, um sich Inhalte bezahlen zu lassen. Der größte Flop der beiden ist Joyn. Damit sollte irgendwie das SMS-Geschäft gerettet werden.

Fehlende Innovationskraft

Auch Großkunden bekommen die fehl-ende Innovationskraft zu spüren. Allein M2M-Angebote werden immer günstiger, und die ersten wackligen Cloud- und Hostingversuche der Mobilfunk-Provider sind zu beobachten. Immer mehr Kooperationen und Partner tauchen auf, um Geschäftskunden sogenannte Mehrwertdienste anzubieten, aber: Das Netz bleibt.

Vorbei die Zeiten, in denen Businessanwender das Logo ihres Mobilfunkproviders feierten. Das war ungefähr so, als wenn man DHL-Fahrer an der Haustüre umarmen und feiern würde, weil er ein gelbes Kostüm anhat. Mittlerweile ist es den Kunden egal, wie ihr Provider die Datenpakete übermittelt. Mobilfunk wird zum Dienst und ist längst keine Marke mehr. Diensteanbieter sind vergleichbar, aber da wollen die Provider nicht hin. Dumm nur, dass die Vertriebler und Berater im Business-Segment genauso orientierungslos sind wie die im Privatkundensektor. Das Depressionsmodell des Mobilfunktmarktes finden wir in Österreich, wo die Margen und Tarife im Keller hängen und den Anbietern längst die Lust an ihrem Markt vergangen ist.

Unlimitiertes LTE-Datenvolumen bei 150 Mbit/s für 59 Euro bei der Telekom in Österreich, davon träumen die Kunden hierzulande. 39 Euro für SMS- und Voice-Flat, inklusive 2 GB Datenvolumen im 3G-Netz für 30 Euro für ganz Europa, ein Alptraum für Deutsche Provider und ein Traum für uns Verbraucher! Bandbreite ist aber ein Dienst und kein innovatives Produkt, auch wenn die Provider dies gerne anders sehen.

ICT, also das Zusammenspiel von IT und Telekommunikation, verändert das Geschäft. Und in der Tat ist die Synergie eine wirkliche Chance, aber die Erfahrung fehlt. Solange im Vertrieb nicht über die SIM-Karte hinausgedacht wird und die Ziele immer noch Tarife statt Lösungen sind, trudeln die Netzanbieter in die Bedeutungslosigkeit. Das Geschäftsmodell der Mobilfunker muss eine langfristige Angelegenheit werden, sollen Enterprise-Kunden dauerhaft gebunden werden.

Diskussion um Sicherheit

Die Sicherheitsdiskussion ist die größte Chance, wird aber kaum beachtet oder mit Produkten beantwortet, die noch nicht ausgereift sind. Die Partnerprogramme der großen Anbieter taugen im Grunde nur zum Anstreichen von Lösungen und Produkten in Magenta oder Rot, vielleicht zur Risikominimierung für den Endkunden, nicht aber zur Innovationsrevolution. Die Frage wird sein, wer am kreativsten mit seiner Situation umgeht und den Beweis antritt, dass Lösungen gewagt werden. Synergien zu finden, um das ICT-Geschäft mit mobiler Kompetenz auszustatten, hierin liegt die Chance.

Die Integration von Diensten wie Ampya oder Spotify ist keine Innovation im Mobilfunkt, sondern lediglich eine andere Art der Abrechnung. LTE allein bietet lediglich mehr Bandbreite eines Dienstes innerhalb des Netzes, aber keine Innovation.

 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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