IoT in Deutschland

Verschenkte Chancen durch Abwarten

Das Internet der Dinge steht vor dem Durchbruch. Doch deutsche Unternehmen zögern noch, entsprechende Produkte anzubieten.

Wenn es nach der Werbung geht, sind vernetzte Geräte demnächst Alltag. So lässt sich inzwischen manche Kaffeemaschine über das Smartphone fernsteuern. Thermostate registrieren, dass sich die Bewohner nähern und fahren die Heizung hoch. Reisekoffer sind mit dem Smartphone vernetzt und geben Alarm, wenn sich der Reisende vom Koffer entfernt - oder umgekehrt, was es den Kofferdieben schwerer macht.

Smarte Dinge machen das Leben einfacher

Solche Lösungen werden tatsächlich auf dem Markt angeboten und sie gehören zum Internet of Things (IoT), dem derzeitigen Riesenthema. „Der Hype um das IoT und insbesondere um die verstärkte Kommunikation der Geräte miteinander ist immens,“ sagt Bart Schouw, Direktor für IoT-Lösungen bei der Software AG. In einem Ausblick auf die Entwicklung des IoT im Jahr 2017 stellt das Unternehmen fest: „Das IoT basiert auf nahtloser Integration, Cloud-Computing sowie Netzwerken aus Sensoren zur Datenerfassung – und lässt neue smarte Dinge entstehen. Das alles wird unser Leben einfacher und effizienter machen.“

Die Studie sieht vor allen Dingen drei Entwicklungen in den nächsten Monaten: Erstens werden Chatbots bald nicht nur Fragen beantworten, sondern ein richtiges Gespräch führen. Zweitens werden Unternehmen stärker auf Edge-Computing setzen, bei dem ein Teil des Software-Stacks von der Cloud auf Gateways am Rand („Edge“) des Netzwerks verlagert wird. Drittens werden smarte Geräte das Verhalten der Nutzer beobachten, sodass Auswirkungen auf die Versicherungsbranche möglich sind, etwa durch verhaltensbasierte Versicherungstarife.

Diese Trends sind international bereits festzustellen, doch in Deutschland reagiert der Großteil der Unternehmen verschlafen. Mehr als die Hälfte (55%) der IT-Verantwortlichen im deutschsprachigen Raum finden: Das IoT ist für mein Unternehmen nicht relevant. Diese von Dimension Data ermittelten Zahlen sind alarmierend, denn die Unternehmen verzichten dadurch auf die Möglichkeit, sich frühzeitig zu positionieren.

Unternehmen unterschätzen Dynamik des IoT

Die Gründe für diese abwartende Haltung der deutschen Wirtschaft liegt in einer systematischen Unterschätzung der Dynamik technologischer Trends. Vor allem Huckepack-Verfahren, die Basistechnologien benutzen, wachsen sehr schnell. Das Internet als Grundlage des digitalen Wandels verbreitete sich noch vergleichsweise gemächlich: Der Internet-Vorläufer Arpanet wurde 1969 gegründet und verband damals drei Rechner. Erst 30 Jahre später waren es dann mehr als 50 Millionen. Bei dem 1992 auf zehn Servern gestarteten World Wide Web war die Grenze von 50 Millionen Websites bereits nach zwölf Jahren erreicht. Manche Hypes setzen sich noch schneller durch: Die legendäre Spiele-App „Angry Birds“ hatte nach gut sechs Wochen 50 Millionen Nutzer.

Immerhin: Die meisten Unternehmensverantwortlichen erkennen die Bedeutung des Internet der Dinge. Doch sie ziehen daraus nicht die richtigen Schlüsse. Laut Dimension Data glaubt die Mehrheit der Unternehmen, das Internet der Dinge werde erst in den nächsten drei bis fünf Jahren wichtig. Diese abwartende Haltung hat ein Problem: Das Internet der Dinge Ist keine Instant-Lösung, die kurzfristig eingeführt werden kann, wenn sich Marktchancen ergeben. Im Gegenteil: Es erfordert technologisches Know-how, personelle Ressourcen mit den entsprechenden Fähigkeiten und organisatorische Veränderungen, um die digitale Vernetzung bewältigen zu können.

„Unternehmen, die auch in Zukunft mit ihren Produkten noch Geld verdienen möchten, müssen sofort über neue Geschäftsmodelle nachdenken. Abwarten ist keine Option und kann wertvolle Geschäftschancen verhindern,“ meint Digitalberater und Iot-Experte Bernhard Steimel von smarter-service.com, der gerade an einem ausführlichen Leitfaden* über das Design von smarten IoT-Services arbeitet. „Die Aufforderung an die deutschen Unternehmen lautet: Besser starten als warten.“

Bildquelle: Thinkstock

*Offenlegung: Der Autor ist als freier Mitarbeiter an der Redaktion beteiligt.

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