Tourismus der Zukunft

Virtual Reality mischt die Reisebranche auf

Die virtuellen Welten der Datenbrillen sind in der Reisebranche angekommen. Noch sind sie Mittel zum Zweck: Mit ihrer Hilfe sollen Kunden einen ­Vor­geschmack auf Hotels, Strände oder Sehenswürdigkeiten bekommen und dann ­Reisen dorthin buchen. Doch es fehlt nicht mehr viel und der Urlaub findet ­komplett in virtuellen Welten statt – ganz ohne Hin- und Rückflug, Hotel oder Gepäck.

  • Marriott nutz „Teleporter", um Kunden virtuell Reiseziele vorzuführen.

  • Der Ausblick der Londoner Sehenswürdigkeit „The Shard" lässt sich auch virtuell genießen.

Das für die Reisebranche in Sachen virtueller Realität (VR) bereits möglich ist, zeigte British Airways auf einer Marketing-Tour durch drei europäische Städte. VR-Technologie erlaubte es dabei Kunden, ihre Destination noch vor der Buchung durch einen virtuellen Kurztrip zu erleben. Die Fluggesellschaft nutzte die VR-Brille Oculus Rift, um Erlebnisse an drei Traumzielen in den USA mit 360-Grad-Videos erfahrbar zu machen: einen Ritt auf einem mechanischen Rodeopferd in Texas, Rollschuhfahren auf einer kalifornischen Strandpromenade und Schlittschuhfahren in New York mit Blick auf die Skyline von Manhattan.

Die Kampagne ist einer von mehreren Versuchen der Reisebranche, VR-Technologien für sich zu nutzen. Die Kunden stehen der Idee durchaus aufgeschlossen gegenüber: Laut einer von British Airways in Auftrag gegebenen Umfrage in Deutschland, Italien und Frankreich würden 55 Prozent der in Deutschland befragten 1.061 Teilnehmer VR-Technik nutzen, um sich inspirieren zu lassen. „Einfach vor der Buchung das Hotel erkunden oder sich mal schnell auf dem Times Square umsehen, bevor man fliegt, das könnte ein großer Durchbruch in die Zukunft des Reisens sein“, sagt Luke Goggin, Manager bei British Airways. „Heute checkt der Reisende seine Destination vorab auf Trip Advisor, mit Street View oder Maps. Im nächsten Schritt könnte er sein Reiseziel vorab virtuell erleben.“

Die Briten stehen mit ihren VR-Experimenten nicht alleine: Für die Lufthansa hat das deutsche Unternehmen 3spin eine Anwendung entwickelt, mit der Kunden virtuell die Reiseklassen und Reiseziele besuchen können. Dabei befindet sich der Besucher durch das Aufsetzen einer VR-Brille in einem zuvor an einem beliebigen Ort aufgenommenen, sogenannten vollsphärischen 360-Grad-Video. Das Bildmaterial muss vorher rundherum aufgenommen werden, sodass der Nutzer später virtuell nach oben, unten und auch hinter sich blicken kann, indem er seinen Kopf bewegt. Sensoren der VR-Brillen erkennen die Kopfbewegung des Nutzers und zeigen den passenden Bildausschnitt.

Zur Verstärkung des virtuellen Erlebnisses kommt neben der VR-Brille Oculus Rift ein Hand-Controller zum Einsatz, der die spielerische Interaktion mit dem virtuellen Erlebnis ermöglicht. „Die Technologie bietet enormes Potential in der Tourismus-branche. Mit der Verbreitung der Geräte wird es Kunden möglich sein, vom eigenen Schreibtisch aus den nächsten Urlaub zu planen“, so 3spin.

Auch die Marriott Hotels nutzen VR-Technik zur Vermarktung besonderer Reiseziele. „Teleporter“ nennt das US-Unternehmen sein Projekt mit der Firma Framestore. Hotelgäste können mal eben einen kurzen – virtuellen – Trip nach Wai'anapanapa auf Hawaii unternehmen, indem sie die Datenbrillen aufsetzen. Ebenfalls im Angebot: das Dach des Londoner Hochhauses Tower 42.

VR-Reise nach London

Eine weitere Londoner Sehenswürdigkeit – „The Shard“, mit 310 Metern eines der höchsten Gebäude Europas – lässt sich virtuell besuchen. Den atemberaubenden Ausblick über ganz London erlebten zuletzt die Messebesucher der Internationalen Tourismus Börse in Berlin (ITB Berlin) im Februar 2015: Sie sahen Themse und Tower Bridge; ein Schwenk mit dem Kopf nach links und St. Paul‘s kam in Sicht, ein Stück weiter der Buckingham Palace. Den virtuellen Sprung auf die Aussichtsplattform ermöglichte die VR-Brille Samsung Gear VR. Und es wurde mehr geboten als nur die Aussicht: Die Träger erlebten den 360-Grad-Blick auf London im Zeitraffer über 48 Stunden – Sonnenauf- und untergang inklusive. Außerdem war ein virtueller Blick ins Jahr 2030 möglich, in dem geplante Bauvorhaben in der Stadt in die Visualisierung integriert wurden. Umgesetzt wurde das VR-Erlebnis vom VR- und 360-Grad-Inhalteanbieter Visualise.

Marketing mit VR

Diese Beispiele zeigen, das VR noch als „Appetit-anreger" genutzt wird, als innovatives Mittel, um eine Reiseziel zu vermarkten. Kunden können so von zu Hause oder im Reisebüro schon mal durch die Lobby bis zum Pool schlendern.
Natürlich müssen die ursprünglichen Orte zunächst rundherum abgefilmt werden. Doch auch diese noch aufwendige Technik wird bald massentauglich werden. Google stellte auf seiner Entwicklerkonferenz im Mai 2015 ein Projekt dazu vor: „Jump“: Der Jump-Ring besteht aus 16 Kameramodulen in einer kreisförmigen Anordnung und soll 360-Grad-Videos ermöglichen, die eine Szene in jeder Richtung erlebbar machen. Auch der Kamerahersteller GoPro mischt mit, es soll eine Jump-Version mit Hero-4-Kameramodulen geben. Samsungs Forschungsgruppe Think Tank Team hat ebenfalls einen speziellen Kameraring entwickelt, um die Datenbrille Gear VR mit Inhalten füllen zu können.

VR-Reisen noch in den Kinderschuhen

Es wird dennoch Jahre dauern, bis die VR-Technik so weit und so erschwinglich ist, dass auch der Heimanwender virtuelle Reisen bequem vom Sofa aus unternimmt, indem er eine Datenbrille aufsetzt. Es ist ein großer technischer Entwicklungsschritt, ob sich der Nutzer in den virtuellen Welten nur umschauen oder ob er sich dort bewegen, irgendwann sogar interagieren kann.

Eine Zwischenstufe könnten daher eigens konstruierte Hallen sein: Virtual Reality Entertainment Center, die „Außer-Haus-VR“ anbieten. Projekte dazu gibt es genügend: Project Holodeck, Survios oder VRcade, auch The Void arbeiten an solch kompletten VR-Räumen. Neben den Datenbrillen kommen dort sogenannte „Force-Feedback-Anzüge“ hinzu, die die VR-Erfahrung am ganzen Körper simulieren, aber auch hydraulische Gerätschaften, die Fahrzeuge o. ä. vortäuschen.

Eine Branche, die VR-Datenpakete ­verkauft anstatt Reisen?

Spannend auch, dass es keine echten Welten mehr sein müssen, die virtuell bereist werden. Reisen in die Vergangenheit und Zukunft sind möglich. Längst setzten Videospiele hier neue Maßstäbe für Millionen Menschen weltweit. Der Journalist Andy Kelly dreht in seiner Videoreihe „Other Places“ Urlaubsvideos von Orten, die es nicht gibt. Zu sehen sind die schönsten Landschaften, Sonnenuntergänge und Skylines aus Videospielen. Ob also virtuelle Spielewelten oder digitalisierte Touristenziele – die Auswahl an virtuellen Traumzielen wird in Zukunft unendlich sein.

Offline – die neue Luxusreise

Doch wenn alles digital erreichbar sein wird – weil perfekt in 3D erfasst – und alle Ziele virtuell günstig vor der Haustür liegen, dann wird auch die Nachfrage nach dem Echtem steigen. Nach der wahrhaftig, mit allen Sinnen erlebten Erfahrung vor Ort. Dazu gehören eben auch das Risiko des Unbekannten, Überraschungen und ungeplante Erfahrungen – alles gar nicht oder nur bedingt virtuell abbildbar. Insofern muss sich die Reisebranche wenig Sorgen machen. Dieser Trend ist schon jetzt erkennbar und grenzt sich ganz bewusst von allem Digitalen ab. Ob unter dem Label „Entschleunigung“ oder „Digital Detox“ – offline zu sein ist der neue Luxus. „Den Akku aufladen“, „die Festplatte formatieren“ – die Sprache bleibt zwar digital, aber das Erlebnis soll so analog wie möglich sein. Auch die Werbeindustrie kokettiert mit Outdoor-Erfahrungen ohne Smartphone: „Ich bin dann mal raus“ – das kann sich schließlich auch nicht jeder leisten.

In beiden Entwicklungen – Offline und Virtuell – liegt eine große Chance für die Tourismusbranche.


Bildquelle: Thinkstock/ iStock; Marriott Hotels, The view from the shard

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