Co-Working, Crowd Working, Microjobs

Was bringt Arbeiten 4.0?

Co-Working Spaces oder Crowd Working: Alexander Krapp von der Digitalagentur Soulsurf gibt eine Einschätzung, welche neuen Arbeitsplatzmodelle – Stichwort Arbeiten 4.0 – sich durchsetzen werden.

Alexander Krapp, Soulsurf

Alexander Krapp, Geschäftsführer der Münchener Digitalagentur Soulsurf

Herr Krapp, Co-Working, Crowd Working, Microjobs etc. – die Liste neuer Arbeitsplatzkonzepte und Arbeitsmodelle ist lang. Bei welchen handelt es sich allein um kurze Hypes und welche werden sich langfristig in der Arbeitswelt etablieren?
Alexander Krapp:
Co-Working ist tot. Der Gründer der Münchner Friendsfactory, Gregor Gebhart, propagiert das schon länger unter dem Hashtag #coworkingisttot. Unsere ersten Schritte als Unternehmer haben wir ebenfalls in einem Co-Working-Space gemacht. Anfangs waren wir wahnsinnig begeistert von der Option, dass wir auf viele Ressourcen und unterschiedliche Menschen sowie Meinungen Zugriff haben. Allerdings hat es sich in der Realität schnell als komplett anders erwiesen: Jeder Mitarbeiter hat seine Tür zugemacht und vor sich selbst „hingewurstelt“ – ganz ohne Ideenaustausch und Co-Working.

Der Trend des Crowd Working hingegen kommt gerade zu uns, eignet sich meiner Meinung nach aber nur für gewisse Branchen oder temporäre Tätigkeiten, wie z.B. Kreativ- oder Dienstleistungsberufe. Tätigkeiten, die mit Vor-Ort-Einsätzen, viel Persönlichkeitseinsatz oder auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegt sind, wird es meiner Meinung nach nicht so schnell torpedieren. Der Vorteil aus unternehmerischer Sicht ist, dass man auf die „Crowd“ zugreifen kann. Das bietet gute Optionen. Die Frage ist, wie es steuerbar bzw. umsetzbar ist und wie die Qualität garantiert werden kann. Der Zugriff auf die sogenannten „Gig-Worker“ (vgl. Band, die diverse Gigs spielt) ist nahezu unendlich, da große Plattformen (Freelancer, Click Worker, App Jobber, My Little Job) in der Gig Economy eine unglaubliche Reichweite und Vielfalt an Personen mit tollem Leistungsangebot bieten. Open Innovation oder Crowd Funding zeigen, dass es damit gerade erst losgeht. Es gibt in unserer modernen Gesellschaft immer mehr Menschen, die lieber das Leben eines Gig-Workers leben, als eine „vordefinierte“ Karriereleiter hoch zu klettern.

Microjobs sind eine Form von Crowd Working. Es sind kleine „mundgerechte“ Häppchen, die idealerweise digital erledigt werden können. Hierbei wird meist nach erledigter Aufgabe und nicht nach Zeit bezahlt. Dieser Trend wird meiner Meinung nach eine Nische besetzen.

Stichwort Co-Working: Was verbirgt sich hinter sogenannten „Co-Working Spaces“ und welchen Zwecken dienen sie vornehmlich?
Krapp:
Co-Working Spaces sind Räume, die der gemeinsamen Arbeit und dem Austausch dienen. Sie ermöglichen den Austausch verschiedenster kleiner sowie großer Unternehmen, Personen und somit auch zwischen unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen und Branchen. Die Co-Working Spaces sind Arbeitsplätze, die genau für diesen kreativen Ideenaustausch und Gedankenfluss geschaffen wurden. Egal ob komplette Bürocenter oder Räume in bestehenden Firmenstrukturen.

Wie sollten Unternehmen die Nutzung von Co-Working Spaces angehen?
Krapp:
Vertrauen in die Thematik setzen. Und: Nicht zu viel erhoffen. In der Realität zeigt sich, dass das „gewollte“ Zusammenarbeiten nicht immer so gut funktioniert. Ich persönlich würde sehr genau den Change-Prozess bedenken und die Leute mitnehmen: Mitarbeiter, die ggf. seit Jahren alleine am Schreibtisch sitzen, müssen in den Prozess eingebunden sein und gut auf den Wechsel vorbereitet werden. Nicht jeder ist es gewohnt, plötzlich in Mitten von Menschen zu sitzen und zu arbeiten, die er ggf. nicht kennt. Die Unterschiede in Arbeitsweisen können enorm sein: lautes vs. leises Arbeiten, Entwickler wollen Ruhe, Vertriebler oder Sales People verbringen den ganzen Tag am Telefon.

Inwieweit sollten sie versuchen, eigene Co-Working Spaces aufzubauen?
Krapp:
Es kann sinnvoll sein, gewissen Personengruppen, Abteilungen oder Bereichen einen gemeinsamen Co-Working Space zur Verfügung zu stellen. Der Austausch kann unternehmerische Vorteile haben. Außerdem trifft es den Nerv einer Generation, die eine freiere und kreativere Art des Arbeitens bevorzugt.

Nicht wenige Mitarbeiter benötigen Ruhe, um konzentriert arbeiten zu können. Inwieweit gibt es in den Co-Working Spaces dafür Rückzugsorte und wie sehen diese im Detail aus?
Krapp:
Rückzugsorte sind enorm wichtig. Beispielsweise können Entwickler und andere Mitarbeiter, die Ruhe benötigen, in einem eigenen Raum und Arbeitsbereich zusammensitzen. Oder es werden mehrere Räume geschaffen, die verschiedene Arbeitsatmosphären bieten – Räume wo diskutiert und ein aktiver Gedankenaustausch stattfinden kann vs. Bereiche in denen jeder Mitarbeiter Ruhe und Entspannung zum Arbeiten findet. Der Rückzugsort ist einer der Schlüssel des erfolgreichen Co-Workings – meiner Meinung nach.

Welche technologischen Errungenschaften machen den Erfolg von Co-Working Spaces überhaupt erst möglich?
Krapp:
Klare Voraussetzung ist ein gut funktionierendes WLAN-Netz. Jeder Mitarbeiter, der sich frei in verschiedene Arbeitszonen zurückziehen will, braucht ein umfassendes WLAN-Netzwerk. So wird Flexibilität gegeben. Unverzichtbar sind auch Laptops und mobile Arbeitsgeräte sowie mobile Telefone beispielsweise Voice over IP, also die Internet-Telefonie. Eine Software, die ortsunabhängig läuft (SaaS) ist ebenso essentiell. Nur durch eine hervorragende technische Ausstattung aller Arbeitsbereiche und Mitarbeiter kann Co-Working erfolgreich sein.

Welche sind Ihrer Einschätzung nach die wichtigsten Co-Working Spaces im deutschsprachigen Raum?
Krapp:
Co-Working Spaces gibt es ja in jeder größeren Stadt in Deutschland. Zwei meiner Favoriten sind z.B. der Co-Working Space "Werk1" im Herzen Münchens. Das ist eine Anlaufstelle für Freelancer, Startups und Unternehmen. Hier haben die Mitglieder 24/7 die Möglichkeit alle Vorzüge des Co-Working Spaces in Anspruch zu nehmen. Auch in Berlin gibt es gute Möglichkeiten für Co-Working. Spontan fällt mir da die Factory Berlin ein, die als größter Startup-Campus gilt. Auf dem ehemaligen Brauerei-Gebäude treffen junge Talente und Startups wie Soundcloud, Twitter oder Uber auf international agierende Tech-Unternehmen.

Mit Crowd-Working treibt ein weiteres Arbeitsmodell die Branche um. Was genau versteht man darunter?
Krapp:
Für mich ist Crowd Working eine Art „Outsourcing“ traditioneller interner (Teil-)Aufgaben an eine Gruppe interessierter Crowd Worker. Solche sind kreativ, erfinderisch, offen, frei und trotzdem professionell unterwegs. Dies zeigt, dass auch Crowd Worker ein breites Spektrum an Branchen und Firmen haben. Die Unternehmen, die dieses Modell für sich nutzen, reichen von klein bis ganz groß und sind national sowie international tätig.

Aus dem Ausbau der Breitband-Zugänge (4G, Glasfaser, DSL) und der radikalen Senkung der Transaktionskosten (Flatrates für kleines Geld) resultierte die sogenannte „Always-on“-Mentalität, die diese Art des Arbeitens erst möglich gemacht hat.

Für welche Aufgaben hat sich das Crowd Working in der Vergangenheit als besonders vielversprechend erwiesen?
Krapp:
Tatsächlich für alle klassischen Outsourcing-Aufgaben. Digitale Lösungen waren meiner Meinung nach der erste Output.

Wie können die Verantwortlichen Crowd Working mit unternehmensinternen Prozessen bestmöglich verknüpfen?
Krapp:
Es sollten abgeschlossene Projekte bzw. nicht zu große Projekt-Häppchen sein, die anfangs vergeben werden. Nichts Kritisches und nichts was mit sensiblen Daten oder großen Deadlines behaftet ist. Der Prozess sollte darauf ausgelegt werden, dass die externen Ergebnisse anschließend wie interne Ergebnisse behandelt werden. Dies erfordert ein Stück Mut und vor allem ein gutes Briefing der Crowd. Das Quäntchen Glück darf am Ende aber auch nicht fehlen.

Zuletzt stand Crowd Working in der Kritik, ein Heer an geringfügig bezahlten digitalen „Tagelöhnern“ bzw. „Jobnomaden“ zu fördern. Was spricht Ihrer Meinung nach für und was gegen solche Aussagen?
Krapp:
Der Vorteil ist klar in der Art der Arbeit zu sehen. Menschen, die Morgens ihr Uber-Taxi durch die Stadt schicken, nachmittags am See liegen und abends einen Crowd-Working-Job erledigen, haben eine andere Sicht auf Leben, Freiheit und Karriere. Das „Nomadenleben“ ist ja an sich eine spezielle Lebensform, die für bestimmte Personengruppen in Frage kommt.

Welche Auswirkungen haben moderne Arbeitsmodelle auf die Work-Life-Balance? Wie können Co- oder Crowd Worker den Spagat zwischen Freizeit und Job schaffen?
Krapp:
Die Auswirkungen sind sicher positiv. Es gibt definitiv mehr „Freiraum“, da die Zeiteinteilung einem selbst obliegt. Der Auftraggeber erwartet ein Ergebnis zum Tag X. Was in der Zwischenzeit passiert, ist ihm zumeist egal. Am Ende zählt das Ergebnis. Der Spagat gelingt dann, wenn alle klassischen Fakten berücksichtig werden. Heißt: Selbstorganisation, Kommunikation und Qualitätsbewusstsein. Nur etwas „abzuliefern“ ist etwas zu kurz gedacht.

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