Arbeitsmarkt

Neue Berufe und Tätigkeitsfelder durch Digitalisierung

Millionen Arbeitsplätze sollen durch die digitale Transformation wegfallen, meinen viele Wirtschaftsforscher. Doch ein genauer Blick offenbart, dass diese Rechnung etwas zu einfach ist.

Menschliche Roboter

Führt die digitale Transformation tatsächlich dazu, dass Roboter zahlreiche Aufgaben übernehmen und den Menschen verdrängen?

Die Voraussagen klingen beängstigend: In den Industrieländern werden in den nächsten fünf Jahren etwa fünf Millionen Arbeitsplätze wegfallen, eine der Kernaussagen der Studie „The Future of Jobs“ des Weltwirtschaftsforums.

Diese Studie ist nicht die einzige, die Aussagen in dieser Richtung trifft. Die Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne spielten bereits vor etwas mehr als zwei Jahren in ihrer Studie „The Future of Employment“ Kassandra: Fast die Hälfte aller Jobs in den USA könnten von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden.

Neue Jobs entstehen

Das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW hat die ermittelten Zahlen auf Deutschland umgerechnet: Hierzulande arbeiten ungefähr 42 Prozent der Leute in Jobs, die sich wahrscheinlich in Zukunft sehr gut automatisieren lassen. Anders ausgedrückt: 18 Millionen Jobs sind gefährdet.

Jeder zweite Job verschwindet? In dieser Zuspitzung ist die Aussage falsch, denn es entstehen permanent neue Jobs. So wächst beispielsweise die deutsche ITK-Branche dauerhaft. In den letzten fünf Jahren wurden nach Angaben des IT-Branchenverbands Bitkom 136.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, sodass inzwischen mehr als eine Million Menschen IT-Berufe haben.

Die meisten davon existierten vor wenigen Jahren noch gar nicht, etwa der Software-Architekt, der Systemintegrator oder der Fachinformatiker. Letzterer ist inzwischen ein begehrter Ausbildungsberuf, der sich neben den Uni-Informatikern etablieren konnte und gute Karrierewege anbietet.

Zudem gibt es einen andauernden Wandel in bestehenden Berufen. Ein gutes Beispiel ist der Automechaniker, der heute „Kfz-Mechatroniker“ heißt. Die neue Berufsbezeichnung ist eine Auswirkung der veränderten Anforderungen: IT-Technik und elektronische Prüfsysteme sind in jeder Autowerkstatt zu finden, moderne Autos ähneln rollenden Computern.

So gilt es unter Experten als ausgemacht, dass nur sehr wenige Berufe vollständig verschwinden, sich in den meisten aber das Anforderungsprofil stark verändert. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt in einer Studie, dass lediglich 0,4 Prozent der Beschäftigten in Berufen arbeiten, die durch Digitalisierung komplett verschwinden könnten.

Laut der Studie arbeiten lediglich 15 Prozent der Beschäftigten in Berufen, in denen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten digitalisiert werden können. Bei etwa 45 Prozent der Beschäftigten können zwischen 30 und 70 Prozent der Tätigkeiten digitalisiert werden, bei den anderen ist der Digitalisierungsanteil sogar noch kleiner.

Menschen sind nicht vollständig ersetzbar

Diese Zahlen weisen darauf hin, dass es in den meisten Berufen ohne Menschen nicht gehen wird. Darüber hinaus bilden sie lediglich ein theoretisches Maximum. Die IAB-Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Mattes nehmen nicht an, dass die Substitution von Menschen durch Roboter oder Software geschieht.

Insgesamt sprächen die Ergebnisse dafür, dass die Befürchtungen eines massiven Beschäftigungsabbaus im Zuge der Digitalisierung derzeit unbegründet seien, erläutern Dengler und Matthes. Es würden keineswegs nur Tätigkeiten wegfallen, sondern auch neue entstehen. In der Gesamtbilanz könne es daher sogar einen positiven Beschäftigungseffekt geben. Innerhalb der Berufe werde es aber große Umbrüche geben.

Ein weiterer Punkt: Es gibt neben der technischen auch noch eine soziale Machbarkeit. Möchten wir als Kranke oder Alte von Robotern gepflegt werden? Wollen wir, dass unsere Kinder von Robotern betreut oder unterrichtet werden? Die teils sehr negativen Reaktionen auf das öffentliche Benutzen einer Datenbrille wie „Google Glass“ zeigen, dass es sehr wohl gesellschaftliche Grenzen für die Digitalisierung geben könnte.

Eine Studie des Ingenieurverbandes VDI weist darauf hin, dass die Digitalisierung keine Naturgewalt ist. Beschäftigungsprofile bleiben nicht starr, sondern passen sich dynamisch an die Entwicklung an, betonen die Autoren der Studie. Dabei überlagern sich verschiedene Trends, etwa die Entwicklung von mehr hochqualifizierten Aufgaben und eine starke Nachfrage nach kognitiven Tätigkeiten.

„Die Digitalisierung vernichtet keine Jobs, falsche Entscheidungen vernichten sie“, betont Dagmar Dirzus, die Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA). Sie sieht Handlungsbedarf nicht nur im Bereich der Technologie, sondern auch bei der Weiterbildung und betrieblichen Organisationsmodellen.

Ausbildung und Studiengänge müssen nach Ansicht von Dirzus stärker ausgerichtet werden auf interdisziplinäre Kenntnisse, Datenanalyse und -Interpretation sowie ein Verständnis für Maschineninteraktionen. Auf der Ebene der Organisation gehe es darum, Freiräume für kreative Prozesse im Engineering zu schaffen. So können Unternehmen digitale Geschäftsmodelle und Innovationen erfolgreich am Markt platzieren.

Studie „The Future of Employment“
Studie „The Future of Jobs“
IAB-Studie „Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt“
Ein VDI-Statement zur Digitalisierungsstudie, die noch nicht veröffentlicht ist


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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