IT-DIRECTOR: Herr Nieschalk, ein Blick in die Praxis: Immer mehr Rechenzentren von Großunternehmen kommen in die Jahre. Wann sollten sich die Verantwortlichen für einen kompletten Neubau entscheiden? Und wann reicht die Modernisierung des Data Center aus?
T. Nieschalk: Es kommt darauf an, alle Anforderungen, die an das Data Center gestellt werden, genau zu analysieren. Dazu gehört neben der Verwendung auch die zukünftige Ausrichtung. All das sollte im Detail verstanden, geplant und vor allem aber kritisch hinterfragt werden. In der Bedarfs- und Anforderungsphase müssen grundlegende und wichtige Fakten geklärt werden. Dabei stehen vor allem Fragen nach der benötigen Fläche, der Gesamtleistung des Rechenzentrums, der entsprechenden Leistungsdichte oder möglichen Sicherheitsanforderungen neben vielen weiteren im Vordergrund.
Bei Bedarf können diese Fragen mit einem Fachmann besprochen und geklärt werden. Wichtig ist, sich hierbei nicht an Bestandsinfrastrukturen zu binden, da so Kompromisse und Abstriche eingegangen werden, die zu einem späteren Zeitpunkt hohe Kosten verursachen können. Nachdem alle Parameter bekannt sind und eine Analyse vorliegt, lässt sich ein Budget für einen Neubau oder eine Modernisierung aufstellen. Diese Entscheidung resultiert aus den bereitgestellten finanziellen Mitteln, den Energiekosten und den Anforderungen, die an das Rechenzentrum gestellt werden.
Dabei sollte man aber im Auge behalten, dass eine Modernisierung eines Data Center immer mit einem höheren Aufwand verbunden ist. Es müssen verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und Vorkehrungen gegen Ausfälle sowie Störungen getroffen werden. Auch kleine Verzögerungen im Ablaufplan können zu verheerenden Folgen führen.
IT-DIRECTOR: Wie lässt sich ein passender Standort für einen Neubau ermitteln?
T. Nieschalk: Um einen geeigneten Standort zu finden, gibt es viele wichtige Rahmenbedingungen, die beachtet werden sollten. Diese ergeben sich in erster Linie aus den Ergebnissen der Bedarfs- und Anforderungsanalysephase, da je nach Anforderung bestimmte Standorte von vornherein nicht in Frage kommen.
IT-DIRECTOR: Welche Begebenheiten sollten bei der Standortwahl unbedingt berücksichtigt werden?
T. Nieschalk: Der richtigen Standortwahl ergibt sich aus den Anforderungen sowie dem Bedarf des Rechenzentrums. So spielen beispielsweise Faktoren wie Klimaprofile, Wetterphänomene, Hochwassergefahren und andere Umwelteinflüsse eine sehr entschiedene Rolle, um den richtigen Standort zu finden.
IT-DIRECTOR: Facebook baute ein Rechenzentrum in Luleå in Nordschweden, der RZ-Betreiber Verne Global bietet seit langem IT-Services aus Island an – warum bevorzugen immer mehr Unternehmen skandinavische Länder als Standort für ihre Rechenzentren?
T. Nieschalk: Gerade internationale Firmen mit gigantischen Rechenzentrumsleistungen bevorzugen nördliche Regionen aus gutem Grund: Die Energiekosten sind verhältnismäßig niedrig und das kühle Klima lässt nahezu das ganze Jahr Freiluftkühlung zu. Das wiederum senkt die Betriebskosten. Große Rechenzentren lassen sich aber auch in den milderen Klimazonen betriebswirtschaftlich sinnvoll betreiben. Das funktioniert durch modernisierte IT-Infrastruktur- und Netzwerkkomponenten, da dieses Equipment höhere Lufttemperaturen zulässt. Wichtig ist jedoch auch hier wieder die Bedarfs- und Anforderungsanalysephase. Einige Rechenzentren lassen sich in solche Standorte verlegen, andere wiederum nicht.
IT-DIRECTOR: Zwar fallen die Kosten für die RZ-Klimatisierung im hohen Norden geringer aus als anderswo, doch steigen stattdessen nicht die Heizkosten enorm an? Oder kann die Heizung allein mit der Abwärme der Serverhardware betrieben werden?
T. Nieschalk: Bei einem Rechenzentrum ist die Wärmelast meist hoch genug, so dass Gegenheizen nicht erforderlich ist. Zudem sind die Gebäude meist so gut isoliert, dass die Außentemperaturen keinen direkten Einfluss auf die Innentemperaturen des Rechenzentrums haben. Sollten die Außentemperaturen doch Einfluss auf die Innentemperatur nehmen, kann eine moderne Klimaanlage diese Einwirkung im Winter kompensieren. Dabei ist aber zu bedenken, dass die Außentemperatur im Sommer das Datacenter ebenfalls beeinflussen, also aufheizen kann. An dieser Stelle sind Modernisierungsarbeiten wie die Isolierung des Raumes empfehlenswert.
IT-DIRECTOR: Unter welchen Minimaltemperaturen können Hardware und RZ-Komponenten (z.B. USV-Anlagen) noch sicher betrieben werden?
T. Nieschalk: Das hängt stark von dem Hersteller und den jeweiligen Komponenten ab. Aus energetischer Sicht geht der Trend hin zu einer Temperaturerhöhung anstatt diese zu senken.
IT-DIRECTOR: Welche Argumente können generell gegen die Etablierung von RZ-Standorten in nordischen Ländern sprechen?
T. Nieschalk: Die meisten Gründe lassen sich in der Bedarfs- und Anforderungsanalyse finden, da an dieser Stelle wichtige Punkte wie Verfügbarkeit, Sicherheit, Energieeffizienz, Investitionskosten und vieles mehr betrachtet werden.
Bildquelle: Thinkstock/iStock