Karl-Heinz Neumann, Parche & Partner
IT-DIRECTOR: Herr Neumann, der World Quality Report von Capgemini zeigt: 85 Prozent der befragten Unternehmen schätzen ihre Applikationslandschaften als konsolidierungsbedürftig ein und möchten geschäftskritische Anwendungen modernisieren. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
K.-H. Neumann: Wir stellen fest, dass immer mehr Unternehmen ihre Anwendungen modernisieren und sich dabei zunehmend webbasierten Medien und Technologien zuwenden. Verstärkt wird dies dadurch, dass die so genannten Digital Natives, die jungen webaffinen User, zunehmend in die Unternehmen strömen und ihre Anforderungen an die Nutzung neuer Technologien und Social Media mitbringen. Hinzu kommt, dass Cloud Computing hierzulande langsam aber stetig an Boden gewinnt. Bei diesen Umbrüchen ist es wichtig, Maßnahmen zur Qualitätssicherung hoch anzusetzen, um insbesondere die Datensicherheit zu gewährleisten.
IT-DIRECTOR: Welche Maßnahmen sind aussichtsreich, um hochwertige Softwarelösungen zu erreichen?
K.-H. Neumann: Im Vorfeld eines Projekts sollte man mehr Zeit und Aufwand in das Anforderungsmanagement investieren – je differenzierter die Anforderungen sind, umso besser gelingt das Projekt. Bei der Umsetzung wird sich die agile Vorgehensweise, oder „Scrum“, weiter durchsetzen. Diese ist seit langem bekannt, aber erst jetzt auf dem Vormarsch. Sie beruht auf den drei Prinzipien der Transparenz, Überprüfung und Anpassung. In festgelegten Entwicklungszyklen wird nachgehalten, inwiefern der eingeschlagene Weg adäquat ist und ob Anpassungen oder Änderungen notwendig sind. Scrum bietet eine dynamische Methode der Umsetzung. Darüber hinaus sollte sich das Verhältnis von der Entwicklung zum Testing verbessern – es müssen mehr Tests auf einen Entwicklungsablauf kommen. Dazu ist es beispielsweise erforderlich, Programmierrichtlinien einzuhalten und die Dokumentation konsequent durchzuführen. Ferner sollten die Qualität sichernde Reportingtools zum Einsatz kommen.
IT-DIRECTOR: Wie gelingt es, dabei die Entwicklungskosten im Rahmen zu halten?
K.-H. Neumann: Es ist wie immer im Leben: je besser die Vorbereitung, umso effektiver die Durchführung. Jeder, der in Projekten tätig ist, kennt den Spruch „können wir mal eben...“. Dieser ist symptomatisch für die Durchführung von Projekten, wenn es darum geht, definierte Anforderungen auf dem kleinen Dienstweg zu korrigieren. Das unerwünschte Ergebnis ist, dass der Budget- und Zeitrahmen gesprengt wird. Hier ist Disziplin gefordert – sie ist in der Projektplanung und -durchführung ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor.
IT-DIRECTOR: Was sind aktuelle Schwerpunkte der Unternehmen in punkto Qualitätssicherung?
K.-H. Neumann: Das erwähnte Scrum-Vorgehen kommt immer mehr zum Einsatz – die Anforderungen an die Programmierer steigen dementsprechend, sie müssen agil und webbezogen vorgehen. Zudem wachsen durch die Nutzung der neuen Medien sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Bereich die Ansprüche an die Datensicherheit – Stichwort „Bring your own device“. Wir Deutschen sind zwar eher konservativ, aber auch für uns bricht durch Social Media, Cloud & Co. ein neues Zeitalter an. Und auch die Unternehmen verstehen zunehmend, dass sie sich diesen Herausforderungen auch in punkto Qualitätssicherung stellen müssen.
IT-DIRECTOR: Software Testing wird immer wichtiger, hört man von Expertenseite – was sind die Gründe dafür?
K.-H. Neumann: Aus Erfahrung wissen wir, dass die erste Version einer neuen Software nicht unbedingt die stabilste ist. Darum war es früher für Anwender nicht sinnvoll, sogleich auf die neueste Version zu wechseln. Man sprach auf Entwicklerseite von der „Bananensoftware“, die erst beim Kunden reift. Der Kunde übernahm sozusagen das Testing für den Softwarehersteller. Kurz: Es wurde nicht allzu sehr auf diesen Bereich geachtet. Das hat sich geändert, denn man hat festgestellt, dass effektives Testing sich durch deutliche Kosteneinsparungen, Umsatzsteigerung, Imagegewinn sowie der Identifizierung der Mitarbeiter mit dem Produkt auszahlt. Testing wird daher immer mehr im Vorfeld oder während einer Entwicklung genutzt. Die entstehenden Mehrkosten werden hinterher durch die geringere Fehlerbehebung teils um ein Vielfaches ausgeglichen.
IT-DIRECTOR: Softwareprojekte geraten zuweilen in Schieflage, weil das Testen nicht funktioniert – was sind die häufigsten Fehler?
K.-H. Neumann: Wie IDC in einer aktuellen Studie zu Software Quality Assurance belegt, mangelt es oft an der Absprache zwischen Entwicklern und Testern. Zudem ist das Testing häufig unzureichend organisatorisch verankert. Ferner ist der Automatisierungsgrad zu gering oder es werden ungeeignete Testmethoden verwendet. Um gegenzusteuern, sollte zunächst das Anforderungsmanagement so detailliert wie möglich durchgeführt und einer Qualitätsprüfung unterzogen werden. Darüber hinaus werden bei der Projektplanung immer noch zu wenig Zeit und zu wenig Ressourcen für das Testing berücksichtigt. Hier ist es angeraten, das so genannte V-Modell zu nutzen – ein Vorgehensmodell, bei dem der Software-Entwicklungsprozess in Phasen unterteilt wird. Dabei wird auch das Vorgehen bei der Qualitätssicherung phasenweise definiert. Die Ergebnisse nach einem Zyklus sind bindende Vorgaben für die jeweils nächsttiefere Projektphase.
IT-DIRECTOR: Für welche Branchen sind Softwaretests besonders wichtig?
K.-H. Neumann: Grundsätzlich sollte in allen Branchen effektiv getestete Software zum Einsatz kommen. In einigen Branchen, wie Automotive, Luft- und Bahnverkehr oder bei den medizinischen Geräten, geben gesetzliche Bestimmungen oder Normen den Qualitätsanspruch an die Softwaresysteme und deren Dokumentation vor. Um Rückrufaktionen oder ähnliches zu vermeiden, raten wir zu einem ausgeprägten Testing im Rahmen eines effizienten Qualitätsmanagements. Größere Fehler können sich schließlich verheerend auf ein Unternehmen auswirken, denn abgesehen von den Kosten kann ein immenser Imageschaden entstehen.