29.03.2017 Zukünftige Geschäftsmodelle kommen ins Rollen

Digitalisierung verändert die Logistik

Von: Berthold Wesseler

Die Logistikbranche boomt – mit mehr als 3 Mio. Beschäftigten und rund 258 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2016 war sie der drittgrößte Wirtschaftsbereich Deutschlands. Demzufolge wird hier intensiv investiert – auch in die Digitalisierung. Auf diese Weise wollen die Dienstleister der Branche nicht nur effizienter werden, sondern auch ihr Service-Angebot innovativ erweitern. Aktuelle Studien des Verbandes Bitkom, der Axit GmbH und der EHI Retail Institute GmbH untermauern das.

Einsatz auch im Lager: Monokulares Display einer Datenbrille von Vuzix

Die aufwändige Inventur im Lager, der Gabelstapler, der Paletten hin und her fährt, und der Lkw, der die Bestellung zum Händler bringt, könnten schon bald Auslaufmodelle sein. Das sagt jedenfalls Bitkom-Geschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Bereits in zehn Jahren wird sich die Logistik nach Ansicht einer großen Mehrheit jener Unternehmen, die heute Logistik einsetzen, völlig verändern, habe eine repräsentativen Umfrage unter 508 Firmen ab 50 Mitarbeitern mit Logistikprozessen ergeben.

Drei Viertel dieser Unternehmen erwarten demnach, dass Datenbrillen weit verbreitet sein werden und die Beschäftigten in der Logistik unterstützen, etwa mit eingeblendeten Zusatzinformationen. Zwei Drittel (65 Prozent) glauben, dass selbstlernende Systeme viele Aufgaben in der Logistik übernehmen werden, etwa die Planung der besten Route oder das Auslösen von Bestellvorgängen. 58 Prozent rechnen damit, dass autonome Drohnen die Inventur des Lagerbestands durchführen werden. Ähnlich viele (57 Prozent) gehen davon aus, dass die Waren mit autonomen Fahrzeugen transportiert werden, gut 4 von 10 (42 Prozent) sind der Meinung, dass Drohnen und Lieferroboter die Produkte sogar bis zum Kunden bringen.

Drohnen, autonome Systeme und Artificial Intelligence

„Die Logistik ist bereits heute einer der digitalsten Unternehmensbereiche“, sagte Rohleder. „Aber mit Drohnen, autonomen Systemen und Artificial Intelligence steht der Logistik nicht nur eine Optimierung von Geschäftsprozessen bevor, sondern eine echte Revolution.“ Drei Viertel der Unternehmen (74 Prozent) sehen aktuell die Digitalisierung als große Herausforderung für die Logistik. Nur hohe Treibstoff- und Energiepreise werden häufiger genannt (85 Prozent).

Andere Themen wie die Rekrutierung von qualifizierten Mitarbeitern (70 Prozent), hohe Mautgebühren (69 Prozent) oder die Personalkosten (59 Prozent) werden deutlich seltener erwähnt. „Die Unternehmen scheuen nicht vor Investitionen in die Digitalisierung zurück“, konstatierte Rohleder. „Ihnen fehlt aber das Know-how, um die digitale Transformation aktiv gestalten zu können.“

Dabei sieht die große Mehrheit der Unternehmen eine Vielzahl von Vorteilen durch digitale Technologien in der Logistik. Jeweils 9 von 10 erwarten eine langfristige Senkung der Kosten (89 Prozent) und eine Beschleunigung des Transports (86 Prozent). Rund drei Viertel (72 Prozent) erwarten weniger Fehler in der Transportkette und 58 Prozent einen umweltschonenderen Transport. Die Digitalisierung insgesamt sehen 88 Prozent als Chance, nur 11 Prozent als Risiko.

Spezielle digitale Lösungen gefragt

Eine große Mehrheit der Unternehmen setzt laut Rohleder schon heute digitale Technologien in der Logistik ein. Dabei werden nicht nur Standardprodukte genutzt, sondern häufig auch eigenentwickelte Softwaresysteme erweitert bzw. Standardsoftware entsprechend modifiziert oder ergänzt, berichtete Julia Miosga, Bereichsleiterin Handel & Logistik Julia Miosga, Bereichsleiterin Handel & Logistik. 84 Prozent nutzen bereits spezielle Lösungen, 6 Prozent planen konkret den Einsatz und weitere 6 Prozent können es sich vorstellen.

Besonders häufig kommen fahrerlose Staplersysteme zum Einsatz (19 Prozent) bzw. sind in Planung (26 Prozent). Ebenfalls weit verbreitet sind smarte Container (Einsatz: 20 Prozent, Planung: 15 Prozent) bzw. Lagerroboter (Einsatz: 16 Prozent, Planung: 9 Prozent).

Datenbrillen für die Mitarbeiter nutzen 8 Prozent der Unternehmen, 14 Prozent planen den Einsatz. Intelligente Handschuhe zur Unterstützung der Mitarbeiter kommen dagegen bislang nicht zum Einsatz, nur 3 Prozent der Unternehmen bereiten die Nutzung vor. Dagegen haben 9 Prozent der Unternehmen zumindest einzelne 3D-Drucker im Einsatz, weitere 5 Prozent planen dies. Sehr selten werden bislang autonome Fahrzeuge, selbstlernende Maschinen und Drohnen in die Logistikprozesse einbezogen.

Heute die Weichen stellen

„Wenn man die Zukunftsszenarien, von denen die Unternehmen überzeugt sind, mit dem heutigen Einsatz und den konkreten Planungen vergleicht, dann ist das ein Warnsignal. Wer damit rechnet, dass Zukunftstechnologien wie Drohnen, selbstlernende Systeme oder Datenbrillen bereits in zehn Jahren die Logistik bestimmen werden, der muss dafür heute die Weichen stellen und mit den Lösungen zumindest experimentieren“, so Rohleder.

Typische Standardlösungen sind elektronische Rechnungen (Einsatz: 72 Prozent, Planung: 15 Prozent) und Lagermanagement-Software (Einsatz: 69 Prozent, Planung: 10 Prozent) weit verbreitet, Die Cloud Computing nutzen 35 Prozent der Unternehmen in der Logistik, 25 Prozent planen es. Big-Data-Anwendungen nutzen erst 19 Prozent, aber 26 Prozent bereiten den Einsatz vor.

Dagegen sind neue Anwendungen noch kaum verbreitet. Nur jeweils 6 Prozent nutzen .bzw. planen Lösungen zur vorausschauenden Wartung. Selbstlernende Software wird von 5 Prozent der Logistiker eingesetzt, 6 Prozent sind in der Planungsphase. Und gerade einmal 2 Prozent nutzen Blockchain-Technologie, weitere 3 Prozent bereiten sich darauf vor. „Unternehmen, die heute auf Artificial Intelligence oder Blockchain setzen, können einen deutlichen Vorteil gegenüber den Wettbewerbern bekommen“, glaubt Rohleder. „Es muss darum gehen, das entsprechende Know-how ins eigene Unternehmen zu bekommen und dort zu halten.“

Mit dieser ersten Studie zum Thema ist der Bitkom noch nicht sehr tief in die einzelnen Themen und Technologieschwerpunkte eingestiegen. Für die nächste Studie werden gerade im Zusammenhang IoT / Cyber Physical Systems / Smart Data und AI spezifische Fragen vorbereitet. Bereits heute gibt es aber durchaus spannende Projekte (wie z.B. den Smart Port in Hamburg) oder Start-Ups, die neben den bekannten Herstellern eigene Lösungen anbieten (Evertracker, Cargo Bee, Synfioo). Und ganz neue Technologien wie LPWAN, die „Cyber Physical Systems“/IoT erst möglich machen, sind im Entstehen begriffen..

EHI-Szenariosstudie zur Handelslogistik von morgen

Auch die Digitalisierung des Handels führt zu neuen Geschäftsmodellen und Strategien. Bei deren erfolgreicher Umsetzung kommt der Logistik ebenfalls eine Schlüsselrolle zu. So lautet jedenfalls das Fazit der „EHI-Szenariostudie Handelslogistik 2025“, die das EHI gemeinsam mit Logistikexperten aus dem Handel und seinem Methodenpartner ScMI entwickelt hat.

Die Szenarien modellieren den Grad der Aktivität des Handels in der Supply-Chain und die Ausprägung des Digitalisierungsgrads. Alle dafür zu entwickelnden Logistikstrukturen und -prozesse müssen gleichermaßen dem Anspruch nach Flexibilität und nach niedrigen Kosten bei immer schneller werdenden Veränderungszyklen gerecht werden.

Erst durch eine leistungsfähige Logistik lernen die Geschäftsmodelle der Zukunft laufen – unabhängig davon, ob es sich um ein Showrooming-Konzept (Szenario Glamoroso), eine komplexe handelsgesteuerte Supply-Chain (Szenario Kortex) oder um ein reines Online-Szenario (Deserto) handelt.

Logistics follows Strategy

Glamoroso und Deserto benötigen vor allem eine hohe Anzahl an Lagern, welche dezentral verteilt sind – im Idealfall direkt in Wohnballungsräumen – und somit eine schnelle Auslieferung garantieren. Explora kommt als klassisches Click-and-Collect Szenario praktisch ohne zusätzliche Lagerstandorte aus. Hier müssen allerdings die Lagerflächen in den Filialen erhöht werden, um dort den zusätzlichen logistischen Aufgaben gerecht zu werden.

„Wenn das Geschäftsmodell klar und stabil ist, kann die Logistik Strukturen und Prozesse aufsetzen, die eine effiziente Umsetzung ermöglichen“, beschreibt Marco Atzberger vom EHI die richtige Reihenfolge. „So kann die Logistik einen wertvollen Beitrag zur erfolgreichen Digitalisierung des Handels leisten.“

Das EHI nutzt das Szenario-Management seines Methodenpartners ScMI, um Zukunftsbilder für die Entwicklungen innerhalb der nächsten zehn Jahre in der Handelslogistik zu beschreiben. Das EHI-Expertenteam – 31 Logistikentscheider aus zehn Handelsunternehmen der Sortimente LEH, Hard Goods, Textile und DIY sowie neun Dienstleistungsunternehmen aus den Bereichen Strategie-Beratung sowie IT- und Logistik – identifizierte in drei eintägigen Workshops insgesamt 22 Schlüsselfaktoren und schätzte deren Auswirkung auf die Handelslogistik ab. Hieraus ergaben sich am Ende neun Szenarien, die in der strategischen Planung konkrete Entscheidungsprozesse unterstützen können. Die komplette Szenariostudie steht hier als kostenloser Download zur Verfügung.

Datenqualität wird zum Erfolgsfaktor

Bei all diesen Szenarien wird die Verfügbarkeit und Qualität von Daten ein zentraler Erfolgsfaktor bei der Steuerung der Logistikprozesse. Das ist ein Ergebnis des neuen Expertenpapiers, das  die Siemens-Tochter Axit aus Frankenthal auf Grundlage eines Dialogs mit Managern aus Industrie, Handel und Logistik erarbeitet hat.

„Ob Daten zu Gold werden oder zu einem Datenfriedhof, hängt maßgeblich davon ab, inwieweit es Unternehmen entlang der Lieferkette gemeinsam gelingt, das Optimum aus ihren Daten herauszuholen“, kommentiert Christian Wendt, Head of Marketing bei Axit. Die Digitalisierung leiste einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Datenqualität, indem sie Daten aus unterschiedlichsten Quellen miteinander verknüpfe. Dann lasse sich – auf Basis digital vernetzter Prozesse sowie umfassenderer und validierter Daten – die Qualität logistischer Leistungen steigern: Liefertermine exakter bestimmen, Transportkapazitäten besser auslasten und Personaleinsätze in Umschlagszentren verlässlicher planen.

Grundlage hierfür sind moderne und vernetzte Logistiksysteme. Sie ermöglichen ein neues Maß an Auskunftsqualität und tragen so dazu bei, dass die Beteiligten entlang der Lieferkette mit neuen Informationen und einem umfassenderen Wissen ausgestattet werden. Diese Informationen stehen allen beteiligten Netzwerkpartnern in Echtzeit zur Verfügung – bei Bedarf auch über mobile Endgeräte, überall und zu jeder Zeit.

Auch Hindernisse, die Logistiker auf dem Weg in die digitale Welt überwinden müssen, werden in dem Papier thematisiert. „Unternehmen, die ihre Prozesse digitalisieren wollen, müssen Veränderungsbereitschaft mitbringen und dürfen nicht zu lange zögern“, sagt Wendt mit Hinweis auf das Tempo, das größere Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsstrategie vorlegen.

Bildquelle: Vuzix

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