18.04.2017 „Industrial Data Space“ für neue Geschäftsmodelle

Echtzeit-Überwachung von Transporten

Von: Britta Klocke

Daten mit Geschäftspartnern gemeinsam nutzen und austauschen – für Unternehmen ist das ein heikles Thema. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre eigenen Daten zu verlieren. Das könnte sich bald ändern. Mit dem „Industrial Data Space“ können Unternehmen Daten austauschen und gleichzeitig bestimmen, wer die Daten zu welchem Zweck nutzen darf. Die Fraunhofer-Gesellschaft stellt hierfür das Referenzarchitekturmodell auf der Hannover Messe vor – als Grundlage für neue, datenzentrierte Geschäftsmodelle.

Der Industrial Data Space bietet beispielsweise Lösungen für die Echtzeit-Überwachung von Lebensmitteltransporten.

Unternehmen verdienen ihr Geld mit Produkten und/oder Services; Daten sind oft nur ein Neben- oder Abfallprodukt im Geschäftsalltag. Was so logisch und vertraut klingt, stimmt heute nicht mehr. Denn der Megatrend „Digitale Transformation“ verändert nicht nur die Geschäftsprozesse, sondern auch die Rolle der Daten im Unternehmen. Diese werden zunehmend zum Wirtschaftsgut bzw. zur strategischen Ressource.

Zertifizierte Teilnehmer

Doch wie können Unternehmen bei der Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern diese Ressource nutzen (und Daten austauschen), ohne dabei die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren? Eine Antwort darauf gibt die Fraunhofer-Gesellschaft mit dem „Industrial Data Space“. Die Idee: Ein gemeinsamer, geschützter Datenraum, in dem die Geschäftspartner ihre Daten nach bestimmten Spielregeln austauschen und gemeinsam nutzen.

Jedes Unternehmen legt vorher fest, wie seine Informationen im Rahmen der Zusammenarbeit genutzt werden dürfen und wie nicht. In den geschützten Datenraum dürfen nur zertifizierte Teilnehmer eintreten, deren Identität vorher überprüft wurde. So bietet dieser Datenraum das Beste aus zwei Welten: Einerseits lassen sich die Daten im Rahmen der Zusammenarbeit ungehindert nutzen, andererseits behalten Unternehmen die volle Kontrolle.

Pilotprojekt mit der Salzgitter AG

Was in der Theorie gut klingt, funktioniert aber auch in der Praxis. Das will das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST gerade in einem Projekt mit dem Stahlkonzern Salzgitter AG unter Beweis stellen. Dabei geht es um die Übertragung von Lagerdaten zwischen Kunden- und Lieferantensystemen. Der Datenaustausch erfolgt automatisiert, sicher und verschlüsselt über eine maschinelle Schnittstelle unter Einsatz von „Smart Data“-Apps.

Kunden können erfragen, ob die gewünschte Art von Stahl zum Wunschtermin vorrätig ist – das Lieferantensystem meldet die verfügbare Menge. Das Mapping der Stammdaten erfolgt dabei automatisiert. „Der aufwändige manuelle Datenabgleich entfällt komplett“, beschreibt Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann, Vorsitzender des Vorstands der Salzgitter AG, den Nutzen des Industrial Data Space.

Konnektoren managen den Industrial Data Space

Die „Smart Data“-Apps erleichtern die Bedienung. Bei dieser Software handelt es sich nicht um gewöhnliche Apps, die Daten übers Internet schicken. Diese Apps stellen vielmehr verschiedene Funktionen und zum Teil Bedienoberflächen zur Verfügung. Darunter liegt die eigentlich entscheidende Software-Komponente, der sogenannte Konnektor.

Diese Konnektoren sind das Herz in der Architektur des „Industrial Data Space“. Ihnen kommt die Aufgabe zu, den Datentausch zu organisieren und die Sicherheit im gemeinsamen Datenraum zu gewährleisten. Die Sicherheitstechnik der Konnektoren wird am Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit Aisec entwickelt.

Die Konnektoren dienen als Schnittstelle zwischen den Unternehmen und ermöglichen souveränen Datenaustausch. Dazu prüfen sie die Identität aller Teilnehmer, checken die Authentizität der Softwarekomponenten, wachen über die Integrität der Datenpakete und managen die Rechtevergabe beim Datenzugriff.

Für größtmögliche Kompatibilität unterstützen die Konnektoren bewährte Webstandards und –Protokolle; derzeit stehen für Unternehmen bereits zwei prototypische Varianten der Konnektoren zur Verfügung.

Neben dem Management von Lagerdaten erarbeiten die Forscher derzeit mit dem „Industrial Data Space“ auch Lösungen für die Echtzeit-Überwachung von Transporten, um Anlieferungsprozesse zu verbessern. Lebensmitteltransporte wollen sie darüber hinaus mit Sensoren ausstatten, die Parameter wie Temperatur, Erschütterungen oder Licht über die Konnektoren weitergeben. Damit könnten Lebensmittelhändler sicherstellen, dass die angelieferte Ware nicht geöffnet wurde und frisch ist. Falls bei einer Lieferung die Kühlung ausfallen sollte, kann der Händler frühzeitig reagieren und nachbestellen.

Branchen verbinden

Der „Industrial Data Space“ ist in der Lage, verschiedene Branchen miteinander zu verbinden; sie können die Daten gemeinsam bewirtschaften und das Potenzial ausschöpfen. Der Blick auf die Daten als strategische Ressource lässt sogar neue Geschäftsmodelle entstehen, meint Prof. Boris Otto, Institutsleiter am ISST: „Wir können uns vorstellen, dass über den Industrial Data Space eine Art Marktplatz für Daten entsteht, in dem Unternehmen mit Daten handeln.“

Die Forscher entwickeln prototypisch Konnektoren und Apps für die Referenzarchitektur des „Industrial Data Space“, so Prof. Otto: „Es wird verschiedene Varianten von vielen verschiedenen Anbietern geben, die alle zusammenarbeiten.“ Ein erstes Referenzmodell der Architektur werde zur Hannover Messe veröffentlicht; dort wird das Fraunhofer Aisec auch einen vertrauenswürdigen Konnektor zeigen.

Insgesamt sind zwölf Fraunhofer-Institute an der Initiative beteiligt. Seit Oktober 2015 unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Forschungsprojekt „Industrial Data Space“ mit einer Laufzeit von drei Jahren.

Bildquelle: Fotolia / Fraunhofer

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