Escape, Übertragen, Laden - nach ein wenig Diskettengerappel erschien der Text auf dem Bildschirm, superschick in grüner Leuchtschrift auf schwarzem Grund. Wer bereits in der Steinzeit der Büro-PCs dabei war, wird diese Befehlsfolge aus Word für MS-DOS nie veregssen.
Vor 30 Jahren wurde der Microsoft-Texter mit dem einprägsamen Namen geboren - und von “echten” PC-Freaks nicht ernst genommen. Der Textverarbeitungsprofi nutzte WordPerfect, das bis Anfang der 1990er Jahre Marktführer war: Eine Art Quasistandard mit einem riesigen Funktionsumfang und so gut wie keinen Bugs.
Microsoft tat sich anfangs sehr schwer in der Textverarbeitung. Das ist angesichts der heute erdrückenden Marktstellung kaum vorstellbar, erst recht nicht angesichts der an Wahnsinn heranreichenden Feature-Seligkeit. Wer sehen will, was Word eigentlich alles kann, sollte dieses Video ansehen und staunen.
Doch in der ersten Hälfte 1980er Jahre war die große Zeit der Office-Anwendungen noch nicht ausgebrochen. Außerdem war ein PC deutlich stärker ein Spezialistenwerkzeug für IT-
Affine, als das ein Jahrzehnt später der Fall war. Ein großer Teil der Anwender saß in Tech-Firmen und Universitäten - mit dem entsprechenden Anteil an Nerd-DNA.
Deshalb war also Word mit seinen (auf Deutsch) teils etwas kurios klingenden Menübefehlen und den damals verschwenderisch wirkenden Fensterrahmen und Titelzeilen ein Nischenprodukt. Statt dessen bestimmte WordPerfect den Markt: Es gab keine Menüs und nur Tastenbefehle, die Steuerbefehle für Formatierungen waren direkt im Text sichtbar - Zenediting für Computerspartiaten.
Wer schon länger mit Rechnern arbeitete, fühlte sich direkt heimisch. Ein Blick in die Geschichte der Medienbranche: Tastenkombinationen und Steuerzeichen waren in den frühen Redaktionssystemen auf Mainframe-Basis üblich. Wer an einem BS2000-Terminal mit COSY 2000, dem damals weit verbreiteten Redaktionssystem von Siemens (!) zu arbeiten verstand, der kam auch problemlos mit WordPerfect zurecht.
Doch in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre kamen immer mehr Wald-Und-Wiesen-Anwender zum PC. Microsoft hatte zu dieser Zeit genau das richtige Angebot: Windows 3.x, ein einigermaßen ausgereifter Aufsatz auf MS-DOS, der grafische Anwendungen mit “richtigen” Schriften ermöglichte. Und es gab Word für Windows, das tatsächlich einen Text so darstellen konnte, wie er auch später im Ausdruck aussah.
Durch den Erfolg von Windows und den Vorsprung von Word für Windows in Sachen einfache Bedienbarkeit grub Microsoft seinen Konkurrenten relativ flott das Wasser ab - deren Windows-Versionen kamen zu spät und waren wegen überhasteter Einführung fehlerhaft. Word wurde zusammen mit Excel rasch zu einer Art Bürostandard in den Unternehmen. Spätestens ab 1993 ist Microsoft Word der ungeschlagene Marktführer.
Erst in den letzten Jahren ist Word wieder etwas stärker unter Druck geraten. Einfache und leicht zu nutzende Cloud-Anwendungen wie zum Beispiel Google Apps und auf das Wesentliche reduzierte Editoren wie Simplenote oder Write.App konnten durchaus Achtungserfolge erzielen.
Aber Microsoft hat rasch reagiert und Word zusammen mit den anderen Anwendungen aus der Office-Suite unter dem Namen Office 365 in die Cloud verschoben. Das ist nicht die erste Mutation des Texters - Word hat bis auf den Namen nur wenig mit der ursprünglichen DOS-Version gemein. In diesem Sinne: Escape, Übertragen, Speichern und Schließen.
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