* Mirko Milla ist Produktmanager B2B/EDI bei der Bielefelder Itelligence AG
Das ERP-System eines großen Automobilherstellers erstellt den Produktionsplan für ein Werk, listet die benötigten Komponenten auf und ordnet sie den Zulieferern zu. Per EDI verschickt das Backend Fein- und Lieferabrufe und erhält später auf dem gleichen Weg Lieferavise und Rechnungen zurück. Der gesamte Prozess ist bereits seit Jahrzehnten automatisiert, typischerweise ist kein Mitarbeiter involviert.
Als technische Infrastruktur nutzt die Automobilindustrie das ISDN-Netz, das die Deutsche Telekom in den achtziger Jahren aufgebaut hatte. Der Transport von EDI-Daten über die ISDN-Leitungen mit Hilfe des OFTP-Protokolls gilt dort seitdem als das IT-Fundament der Automatisierung.
Doch jetzt steht der Technologiewechsel an – und viele Unternehmen sind überrascht, wie schnell sie die erprobte Struktur verlassen müssen. Denn bis Ende 2018 wird die Deutsche Telekom die ISDN-Infrastruktur abschalten; nach Schätzungen sind alleine in Deutschland rund 300.000 Unternehmen aller Branchen betroffen. Die Zahl der nicht mehr arbeitsfähigen Anwendungen, Telefone, TK- oder IT-Systeme ist ein Vielfaches.
Für viele IT-Abteilungen ist dies eine sehr kritische Herausforderung, auch weil die EDI-Anwendungen sehr eng mit dem ERP-Backend verwoben sind. Gerade weil sie die Grundlage für die Automatisierung bilden und deshalb absolut nicht ausfallen dürfen, fassen die Verantwortlichen ihre Konverter und Schnittstellen nur ungern an. Für die reibungslosen Abläufe im Einkauf, in der Logistik und der Produktion verantwortlich, handeln sie nach dem Motto „Never change a running system.“
Eigentlich gibt es nur sechs Gründe, diese kritischen Systeme anzufassen, Upgrades zu installieren oder womöglich die gesamte Software auszutauschen:
Weil immer noch einige zehntausend Automobilzulieferer in ganz Europa mit ISDN arbeiten, schiebt die Branche ein sehr großes Projekt vor sich her. Die Verantwortlichen müssen jetzt analysieren, welche der übrigen Voraussetzungen für den Technologiewechsel noch vorhanden sind, um alle Änderungsnotwendigkeiten in dem Projekt zu berücksichtigen.
Zunächst sollten sie überprüfen, ob ihre aktuell genutzte EDI-Software den OFTP2-Standard unterstützt. Bei großen EDI-Herstellern ist der bereits in neueren Produktversionen integriert – oder zusätzlich erhältlich. Wer aber auf kleinere oder günstige EDI-Lösungen setzt sollte nachfragen, ob sein EDI-Anbieter OFTP2 unterstützt; falls nicht, werden sie zu einen anderen Anbieter wechseln müssen.
Das allein reicht aber noch nicht. OFTP2 verlangt eine stabile Internetverbindung – und somit kann die immer noch nicht flächendeckende Abdeckung mit Internet zu einer zweiten Herausforderung werden. Darüber hinaus bedeutet OFTP2 insbesondere für kleinere Firmen höhere Komplexität, denn das Einrichten einer OFTP2-Kommunikation ist deutlich aufwändiger als eine ISDN-Verbindung.
Eine mögliche Lösung ist ein EDI-Konverter in der Cloud. Die Vorbereitungszeit wäre gleich null, weil die Systeme in den Rechenzentren seit Jahren laufen. Da die Cloud-Services skalierbar sind, ist die Anbindung von nur drei Unternehmen genau so möglich wie die Kommunikation mit mehreren tausend Geschäftspartnern.
OFTP und OFTP2
Die Organisation Odette ist für die Standardisierung innerhalb der Automobilindustrie zuständig. Hier wurde das „Odette File Transfer Protocol“ (OFTP) als Standardprotokoll für den Austausch von EDI-Daten formuliert. Für eine sichere EDI-Übertragung auf Basis von Verschlüsselungen und Signaturen wurde das Protokoll OFTP2 definiert, das außerdem erstmals auch die Datenübertragung über das Internet unterstützt. Es kann zum einen den Weg durch das Internet sichern und zum anderen auch zusätzlich die Datei selber verschlüsseln. Bei ISDN sind diese Sicherheitsprotokolle nicht möglich gewesen; sie sind aber auch nicht notwendig, da die Daten durch ein abgeschlossenes Netzwerk geschickt werden.
www.odette.org