19.09.2016 Nachhaltige Kernsystemerneuerung bei der Grazer AVUS

„Keine kostspieligen Software-Experimente!“

Von: Heidi Schmidt

Als einer der größten Dienstleister für internationale Schadensregulierung ist die AVUS Worldwide Claims Services GmbH aus Graz weltweit in mehr als 150 Ländern tätig. Mit über 300 Schadensregulierern bedient das Traditionsunternehmen heute ca. 800 Versicherungskunden. Jetzt wird das Kernsystem der IT, eine seit den 80er Jahren eigenentwickelte RPG-Anwendung, aus guten Gründen modernisiert – und nicht etwa abgelöst

IT-Leiter Kunibert Ehmann (links) und Geschäftsführer Thomas Hurmer

Das Kernsystem in der IT für die Planung, Umsetzung und Steuerung der kompletten Geschäftsprozesse basiert bei der AVUS seit den 80er Jahren auf einer eigenentwickelten RPG-Anwendung. Der Schadensregulierer befindet sich ständig in Bewegung – und steht in den nächsten Jahren vor zahlreichen Herausforderungen, insbesondere durch die Vertiefung der Märkte, Diversifikationsprozesse in der Branche und die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben im Inlands- und Auslandsgeschäft.

Umstieg auf Standardsoftware oder Neuentwicklung?

Vor diesem Hintergrund standen Inhaber und Geschäftsführer des Schadensreguliers vor drängenden Fragen:

  1.  Ist es Zeit für einen radikalen Umstieg auf eine Standardsoftware? Oder würde man dadurch nur vergleichbar, abhängig und unflexibel werden? Gibt es überhaupt eine passende Standardsoftware für das Geschäftsmodell?
    Die Antworten brachte eine Marktanalyse: Das Business ist so spezifisch, dass eine passende Standardsoftware am Markt nicht zu finden war. 
  2. Wäre eine komplette Neuentwicklung „auf der grünen Wiese“ mit einem auf die Versicherungsbranche spezialisierten Softwarehaus die bessere Alternative? Oder würde sich dadurch die heute enge Personalsituation durch den notwendigen Wissens­transfer nur noch weiter verschärfen? Wie hoch wären Kosten und wie lange würde es dauern, bis erste Ergebnisse verfügbar und für das Unternehmen von Nutzen sind?
    Zur Beantwortung dieser Fragen wurde ein erfahrener Softwarepartner der Versicherungsbranche involviert. Die Gespräche ergaben, dass der Transfer des internen, speziellen Geschäfts-Know-hows auf ein externes Entwicklerteam sehr langwierig sein würde. Auch der Verlust von wertvollem Know-how war für das Management schwer vorstellbar. Zudem hätte eine komplette Neuentwicklung der heute prinzipiell guten Funktionalität der Anwendung auf einen neuen Technologie-Stack viel Zeit und Geld gekostet, bevor überhaupt neue Features für die Anwender sichtbar geworden wären.
  3. Wie lässt sich bewerten, ob die vorhandene RPG-Anwendung technisch modernisiert und funktional erneuert werden kann? Ist es möglich, durch eine schrittweise und behutsame Renovierung die Software-Investition der letzten zwanzig Jahre weiter zu nutzen, die Vorteile der Eigenentwicklung zu schärfen und daraus als Unternehmen zu profitieren?
    Bei der Beantwortung dieses letzten Fragenkreises kam die PKS Software GmbH ins Spiel – und führte ein Software-Assessment durch.

Dabei wurde in vier Dimensionen gearbeitet:

  1. Ein Sourcecode-Assessment lieferte Zahlen, Daten und Fakten zur Bewertung der Wartbarkeit und Zukunfts­fähigkeit der Anwendung
  2. Ein Assessment der Entwicklungsprozesse und -werkzeuge ermöglichte die Bewertung der Entwicklungs­qualität
  3.  Fachliche Interviews mit Entwicklern und Führungskräften verhalfen zur Bewertung der Team- und Knowhow-Struktur
  4. Über ein Clustering der Anwendung konnten die funktionalen Einheiten und deren Abbildung im Source-Code dargestellt werden

Die zentralen Erkenntnisse aus Entwicklersicht fasst IT-Leiter Kunibert Ehmann zusammen: „Den ersten Quickwin brachte gleich die Eliminierung des ‚toten Codes’ im System, also all jener Artefakte, die heute gar nicht mehr genutzt oder aufgerufen werden. Im Rahmen des initialen Cleanups konnten 37 Prozent der Ursprungs-Sourcen bereits eliminiert und somit die Wartbarkeit der Anwendung vereinfacht werden. Wir haben auch ge­sehen, wie uns die gute Modularisierung die Wiederverwendung von zentralen Funktionen erlaubt. Software-technisch war unsere Anwendung also in einem ordentlichen und soliden Zustand.“

Software-Assessment in vier Dimensionen

„Die Anwendung wies eine sehr gute Modularisierung und Wiederverwendbarkeit auf“, konstatiert auch Roland Müller, Projektverantwortlicher seitens PKS. „Sämtliche Cluster greifen auf Funktionen zu, die in einem zentralen Core-Cluster gehalten sind. Die hierarchische Anordnung von Einstiegsclustern (Menu), Core-Funktionen und den restlichen fachlichen Entitäten ist softwarearchitektonisch einwandfrei. Der Anteil der technischen Cluster(ca. 18 Prozent) zur tatsächlichen Business Logik (ca. 82 Prozent) zeigte, dass Codeanteile, die sich rein auf die Geschäftsprozesse konzentrieren, enorm hoch sind.“

Außerdem ergab die Untersuchung, dass der Informationsgehalt in der Datenbank für die fachlichen Anforderungen des Dienstleisters werthaltig ist.
Mittels der Roadmap konnten in von nur sechs Monaten folgende Teilprojekte in Angriff genommen werden: Implementierung einer elektronischen Akte, Entwicklung eines Kundenportals, Bereitstellung von BI-Auswertungen sowie Fortführung der technischen Modernisierung.

Bei den Entwicklungsprozessen und Teamstrukturen sah Roland Zurawka, Geschäftsführer der PKS, jedoch Potential zur Verbesserung: „Hier liegt, wie bei vielen IBM-i-Anwendern, der Hebel für eine effiziente, agile und kostengünstige Weiterentwicklung. Typische RPG-Anwendungen werden häufig nur deshalb nicht renoviert, weil es im Team an Know-how und Methodik fehlt. Das führt dann häufig zu Millionen-Investitionen in komplett neue Systeme – dabei ist die Renovierung und gezielte Neuentwicklung häufig aus Kosten- und Risiko-Gesichtspunkten die bessere Alternative.“

AVUS-Geschäftsführer Thomas Hurmer ist von den Ergebnissen des Assessments ebenso begeistert wie von  auch finanziellen Vorteilen, denn gegenüber einer kompletten Neuentwicklung wurden mindestens 1,6 Mio. Euro gespart. „Einer Anbindung von Kundenportalen, der elektronischen Akte und einem workflowgesteuerten Arbeiten sind keine Hürden gesetzt“, weiß Hurmer jetzt. All dies könne auf der soliden Software-Basis mit eigenen Entwicklern kostengünstig und rasch implementiert werden.

Als Entwicklungspartner hat Hurmer PKS ausgewählt, „weil wir hier aus einer Hand Unterstützung bei allen erfolgskritischen Projektaspekten erhalten“ – auch dank der Erfahrung in der Umsetzung der Modernisierung sowie durch die Bereitstellung von State-of-art-Technologien und Werkzeugen. Dazu kommen Mitarbeiter, die das Projekt flexibel unterstützen und bei der Planung, Steuerung und Kontrolle helfen. Last but not least arbeite man bereits seit Jahren mit der PKS zusammen.

Bildquelle: Peter Manninger

©2017 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH