24.03.2017 3.007 Aussteller aus 70 Nationen, mehr als 200.000 Besucher

Warmer Abschied von der alten Cebit

Von: Berthold Wesseler

Nach fünf Tagen ging am Freitag in Hannover die Cebit zu Ende – letztmals als lupenreine Fach- und Kongressmesse. Der Veranstalter und die im Branchenverband Bitkom vertretenen Aussteller sparten nicht mit Lob und sprachen von einer „starken Messe“, hatten aber wie berichtet bereits am Mittwoch ein radikal neues Konzept für 2018 vorgestellt.

Oliver Frese (oben links), Vorstand der Deutschen Messe AG, will „ein Festival der Innovation feiern und Digitalisierung noch erlebbarer vermitteln“

Auch wenn die Ideen zur geplanten „Eventplattform für Digitalisierung“ noch vage sind und erst konkretisiert werden müssen, ist eines klar: Es soll (fast) alles anders und besser werden. Fragt sich nur warum – wenn die Cebit 2017 wirklich so stark war? Immerhin lockten in dieser Woche wie im Vorjahr rund 3.000 Aussteller aus 70 Nationen mehr als 200.000 Besucher nach Hannover. Laut Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, ging die Cebit „rundweg erfolgreich“ zu Ende: „Diese starke Cebit 2017 im Rücken gibt uns den Schwung für die neue Cebit im Juni 2018.“

Die Zahlen lagen auf dem Niveau der letzten Jahre und wurden den Erwartungen gerecht. Damit ist die Cebit immer noch die mit Abstand größte IT-Messe der Welt. Doch diese Zahlen reichen längst nicht mehr an die glorreichen Zeiten rund um den Jahrtausendwechsel heran. Damals kamen es über 700.000, ja sogar über 800.000 Besucher – und alle Hallen waren prall gefüllt mit den Ständen der bis zu 8.000 Aussteller.

Damals war die noch acht Tage währende Cebit ein Trendsetter – und die Teilnahme am Mekka der IT-Branche für alle wichtigen Hersteller ein Muss. Die wichtigen Produktneuheiten waren praktisch ausnahmslos hier zu bestaunen. Aber: Viele Aussteller beklagten sich, dass sie aufgrund der Besuchermasse nicht mehr die nötige Ruhe hätten, um am Stand Geschäfte machen zu können.

Aftershow-Partys als Show-Kicker?

Heute ist man auf der Cebit rein geschäftsmäßig unterwegs – die legendären Aftershow-Partys der Gründerjahre sind längst Vergangenheit. Sic transit gloria mundi. Viele Aussteller wanderten zu anderen Messen ab, Hersteller von Unterhaltungselektronik etwa zur IFA nach Berlin oder zur Photokina nach Köln. Die Mobilfunkbranche versammelt sich mittlerweile wenige Wochen vor dem bisherigen Cebit-Termin auf dem „Mobile World Congress“ in Barcelona.

Die Deutschen Messe AG will den permanenten Bedeutungsverlust nicht hinnehmen – und hat immer wieder das Konzept korrigiert. Mit einen umfangreichen Konferenzprogramm beispielsweise versuchte sie lange, sich dem Negativtrend entgegenzustemmen. Oder auch damit, dass die Konsumenten in eine eigene „Cebit Home“ oder eine spezielle Halle für Computerspiele „ausgelagert“ wurden. Alles vergeblich.

Im Jahr 2014 wurde die Cebit endlich zur lupenreinen B2B-Messe. Der für Privatbesucher gedachte Samstag wurde ersatzlos gestrichen, der Preis für das Tagesticket von 39 Euro auf stolze 60 Euro angehoben und dafür der Service auf dem Gelände ausgeweitet. So ist das WLAN-Netz auf dem Gelände und in den Hallen kostenlos; auch die Garderoben sind im Preis enthalten.

Zick-Zack-Kurs beim Cebit-Konzept

Allerdings wurde dieser vernünftige Ansatz durch andere Maßnahmen konterkariert, etwa durch die massenweise verbreiteten Freikarten. Das Ziel war klar: Neues Wachstum durch „eine klare Positionierung als das führende Business-IT-Event und eine starke Verzahnung von Ausstellung und Konferenz“. Damals sagte Messemacher Oliver Frese: „Wir werden den starken Kern der Cebit konsequent weiter ausbauen. Wir setzen künftig zu 100 Prozent auf Business. Damit richten wir die Cebit exakt nach den Wünschen unserer Kunden aus.“

Heute ist das Ziel immer noch das gleiche, doch der Weg dahin soll völlig anders werden. Alle im Messeausschuss vertretenen Unternehmen, darunter etwa Vodafone oder Intel, seien in diese Neukonzeption eingebunden, heißt es. Die Cebit solle wieder stärker für Privatbesucher geöffnet werden und deutlich später im Jahr beginnen – vom 11. bis 15. Juni 2018. Außerdem wird die Fachmesse erneut verkürzt – diesmal um einen Tag. Der Montag ist reiner Veranstaltungstag; die eigentliche Messe beginnt am Dienstag. Zudem wird es wieder einen Publikumstag geben – am Freitag.

Eine Cebit – drei Veranstaltungen

In dem Hallenareal um den sogenannten „d!campus“, rund um das bekannte Expo-Holzdach, finden im kommenden Jahr drei Veranstaltungen – teilweise unter freiem Himmel statt – statt. Sie bleiben unter dem Dach der Marke Cebit, die beibehalten werden soll. Allerdings werden die meisten Aussteller umziehen müssen.

Es wird weiterhin auch eine Fachmesse geben – die d!conomy zu den Themen der Digitalisierung von Unternehmen und öffentlichen Auftraggebern. Für disruptive Technologien, Forschung und Startups gibt es ein „New-Tech-Festival“ unter der Marke d!tec. Auch Konferenzen, Workshops und Keynotes wird unter dem Namen d!talk weiterhin geben. Die Cebit verliert aber den Fokus auf die IT-Experten und Entscheider. Sie soll keine Fachmesse mehr sein, sondern ein Event, besser noch ein Innovations-Festival, für jedermann.

Frese berichtete von einer großen Aufbruchstimmung und durchweg positiven Reaktionen auf die neue Cebit im kommenden Jahr. „Im Minutentakt sprudeln bei unseren Partnern die Ideen für ihre künftigen Beteiligungen“, so Frese. „Zusammen mit den Ausstellern werden wir die große Chance nutzen, mit der neuen Cebit ein Festival der Innovation zu feiern und Digitalisierung noch erlebbarer zu vermitteln.“

Viel Support für die neue Cebit

„Die weit überwiegende Zahl der Aussteller war mit der diesjährigen Cebit sehr zufrieden“, fasste Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder die Stimmung zum Messeabschluss zusammen. Er sieht durch den positiven Messeverlauf seine Prognose für den deutschen ITK-Markt bestätigt. Die Umsätze sollen laut Bitkom in diesem Jahr um 1,3 Prozent von 159,3 auf 161,4 Mrd. Euro wachsen. Rohleder sagt aber auch: „Die Cebit muss vielfältiger werden – und stärker für die Digitalisierung begeistern.“

Es gibt aber auch kritische Stimmen. So glaubte Secusmart-Sprecherin Swenja Hintzen am Mittwoch zunächst an einen verfrühten Aprilscherz. Sie war doch „sehr überrascht“, dass das erst 2014 neu auf Geschäftskunden ausgerichtete Konzept schon wieder verworfen werde. Für den Anbieter sicherer Kommunikationstechnik stelle sich auch die Frage, ob man im Sommer die Zielgruppe „Behörden“ erreiche. Hintzen hätte dem bisherigen Messekonzept gerne noch ein bis zwei Jahre Zeit gegeben. Zwar begrüße sie die Verkürzung um einen Tag, findet den Strategiewechsel aber „etwas panisch“.

„Die starke rückläufige Entwicklung der vergangenen Jahre und eine Verwässerung eines eindeutigen Messekonzepts machen es derzeit schwer, an einen erfolgreichen Neustart der Cebit zu glauben“, sagte Stefan Rojacher von Kaspersky Lab.

Der sichere Tod der Cebit?

Dirk Martin, Gründer und Geschäftsführer des Softwareunternehmens PMCS.Helpline und seit 17 Jahren Cebit-Aussteller, ist noch skeptischer: „Das ist der sichere Tod der Cebit. Offensichtlich haben Besucher- und Ausstellerzahlen die Cebit-Entscheider alarmiert. Anders kann ich mir nicht vorstellen, warum noch während der laufenden Veranstaltung eine so gravierende Änderung verkündet wird.“ Und kein Mensch wolle in den warmen Sommermonaten in den Messehallen von Stand zu Stand laufen. „Noch dazu haben sich bereits viele Unternehmen organisatorisch auf den März eingestellt“, so Martin weiter.

Beim deutsche Netzwerk-Ausrüster Lancom ist man schon darüber froh, dass die Cebit nicht ganz abgeschafft wurde. Man werde die neue Cebit auf jeden Fall ausprobieren», sagte Managerin Pamela Krosta-Hartl. Die Verschiebung in den Sommer eröffne zudem die Möglichkeit, über eine Teilnahme am MWC Ende Februar nachzudenken. Für sie ist wichtig, „dass der Business-Bereich nicht untergeht im Festival-Charakter. Wir hoffen, dass die Veranstalter den richtigen Riecher haben und die Cebit auch etwas vom früheren Glanz zurückgewinnt.“

Klasse statt Masse

Ob das so gelingt ist stark zu bezweifeln. Dazu müsste die Cebit mit einem wirklich innovativen Konzept zur Darstellung der digitalen Durchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft aufwarten. Noch eines gibt Dirk Martin den Messemachern beim Feilen am Cebit-Konzept mit auf den Weg: „Unternehmer müssen wieder davon überzeugt sein, dass ihre Messeteilnahme die Verkaufszahlen fördert und dem Vertrieb nicht nur Zeit raubt. Nur dann hat sie noch eine Chance.“

Und bei allem Schielen auf die tollen Zahlen der Vergangenheit und die Schlagzeilen der anderen Events sollten die Messemacher nicht vergessen: Erstens war auch früher nicht alles gut, denn die damalige Masse machte die Klasse der Messegeschäfte oft zunichte. Und zweitens sind die heutigen Trendsetter unter den Messen der IT-Branche noch Lichtjahre vom Zuspruch der Cebit entfernt.

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