13.12.2016 Interview mit Ralf Wintrich, Intelligix IT-Services GmbH

Wie IT das Kauferlebnis im Handel verbessert

Von: Berthold Wesseler, Foto: Ute Herzog

Die Trends im Handel kennt Ralf Wintrich aus der täglichen Praxis. Der Geschäftsführer der Intelligix IT-Services GmbH erläutert im Gespräch mit DV-Dialog, wie sich die Herausforderungen auch dank moderner Software meistern lassen.

  • Ralf Wintrich, Intelligix

    Im Jahr 1996 gründete Ralf Wintrich im Team mit drei weiteren Gesellschaftern Intelligix. Damals noch als Compex Software firmierend, ging es von Anfang an um die Entwicklung von Warenwirtschaftssoftware für den Handel.

  • Ralf Wintrich, Intelligix

    Ursprünglich speziell auf den Mittelstandsrechner AS/400 zugeschnitten, ist das ERP-System Netix Retail heute längst auch als Microsoft .Net-Lösung „On-Premise“ erhältlich – oder auch als Cloud-Lösung, gehostet in der Intelligix Private-Cloud.

  • Ralf Wintrich, Intelligix

    „Die Plattformfrage drängt immer weiter in den Hintergrund, da der Zuspruch für Cloud-Lösungen derzeit deutlich stärker angefragt wird als vor Jahren noch. Hier stehen die Lösung und ihre Verfügbarkeit im Vordergrund.“ Ralf Wintrich

Im letzten Jahr setzte der deutsche Einzelhandel 472,4 Mrd. Euro um; der Marktanteil des Onlinehandels lag bei rund zehn Prozent. Der stationäre Handel bleibt in den meisten Warengruppen erste Anlaufstelle für Konsumenten. Er muss aber viel investieren, um seine Vorrangstellung gegenüber den digitalen Wettbewerbern zu verteidigen.

Das ist das Fazit der gemeinsamen Studie „Trends im Handel 2025“ von KPMG, EHI, HDE und Kantar TNS, für die 1.015 Bundesbürger in einer repräsentativen Umfrage zu Einkaufsverhalten und -erwartungen befragt wurden.

  • Immer mehr Kunden erwarten demnach neue Bestell- und Liefermöglichkeiten sowie eine bessere Verknüpfung aller Geschäftsprozesse vom Händler. Zudem verschlinge die Neugestaltung der Verkaufsflächen viel Geld. Trotz wachsender Konkurrenz durch Internet- und Versandhandel sei es aber drei von vier Kunden „auch in Zukunft wichtig, im Laden einkaufen zu können“.
  • Diese Kundenaussagen deuten darauf hin, dass der Onlinehandel in Deutschland in den kommenden fünf Jahren je nach Branche zwischen vier und neun Prozent wachsen wird – also langsamer als bisher.
  • Für Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE, „sind im stationären Handel das Einkaufserlebnis und die Verknüpfung mit digitalen Innovationen essentiell, um die Kunden vom eigenen Angebot zu überzeugen. Dabei kommt der Integration von Technik eine immer größere Bedeutung zu – sei es beispielsweise in Form interaktiver Schaufenster oder virtueller Umkleidekabinen. Darüber hinaus gibt es einen Trend zu hochwertiger Warenpräsentation, die Ansprüche der Kunden steigen. Am Ende des aktuellen Umbruchs im Einzelhandel werden die Handelsunternehmen erfolgreich sein, die Online und Offline am besten miteinander verzahnen.“
  • „Die Kunden wollen beides“, beobachtet Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI Retail Institute, „den Einkaufsbummel in der Stadt ebenso wie die schnelle Beschaffung über das Internet. Sie möchten beispielsweise Ware online bestellen und im Geschäft abholen oder zurückgeben können. Viele Handelsunternehmen sehen dies als eine der größten technischen und organisatorischen Herausforderungen der kommenden Jahre an. Bei zwei von drei Handelsunternehmen hat die kanalübergreifende Prozessintegration höchste Priorität.“

Ralf Wintrich, Geschäftsführer der Intelligix IT-Services GmbH erklärt im Interview mit DV-Dialog, wie sich die resultierenden Herausforderungen auch dank moderner Software meistern lassen:

Omni-Channel ohne Klimmzüge

Herr Wintrich, im Sommer hat Intelligix den 20. Geburtstag gefeiert. Was waren damals – im Vergleich zu heute – die größten Herausforderungen beim Betrieb der Kassen- und Warenwirtschaftssysteme im Handel?
Ralf Wintrich:
Gute Frage, ist alles schon so lange her. Prozess- und Branchen-Knowhow waren damals wie heute wichtige Fundamente erfolgreicher Lösungen und Projekte. IT-Wissen, das seinerzeit noch im Vordergrund stand, ist in der heutigen Zeit nicht mehr wirklich gefragt. Früher ging es mehr um Dinge wie Memory-Nutzung, Adress-Location oder Treiber. Heute stehen mehr Usability, Service-Integration und Mobilität im Vordergrund.

Welche Fortschritte bei der Weiterentwicklung ihrer Software Netix Retail haben zur Bewältigung dieser Herausforderungen beigetragen – und wo sehen Sie heute noch Optimierungspotential?
Wintrich:
Ein herausragender Grund war sicherlich auch die zugrundeliegende Plattform, auf der wir damals aufgesetzt haben. Das ERP-System wurde ursprünglich auf der AS/400 unter Berücksichtigung der Anbin­dung verteilter Standorte entwickelt. Die AS/400 hat sich zum offenen System i gewandelt, ohne dass wir immer wieder gezwungen waren, technologi­sche Klimmzüge zu machen.
Der Investitionsschutz im Verlauf dieser evolutionären Entwicklung unserer Lösungen war immens. Die IT-Welt ist offener, bunter und unendlich viel breiter geworden. Das eröffnet uns heute natürlich viel mehr Möglichkeiten. Unser Augenmerk dabei liegt aber immer darauf, den Anwender mitzunehmen und Lösungen so umzusetzen, dass sie sinnvoll und nutz­bringend sind. Wir können heute Lösungen intuitiver und einfacher machen – ganz nach dem Motto: „Keep it simple“.

Was sind denn aktuell die größten ­Herausforderungen im mittelständischen Einzelhandel? Wie kann IT helfen diese Herausforderungen zu meistern?
Wintrich:
Zum einen sieht sich der statio­näre Einzelhandel mit dem steigenden Absatz im Online-Handel konfrontiert, zum anderen mit einem auch demografisch bedingten, veränderten Kaufverhalten der Konsumenten. Das stationäre Einkaufen soll immer mehr zum Erlebnis werden – und die Ansprache des Kunden immer individueller. Für uns bedeutet das, dem Händler mehr Möglichkeiten zu geben, seine Kunden auch individuell anzusprechen. Das beginnt bei der intelligenten Analyse des Kaufverhaltens, geht über die direkte Ansprache des Kunden im Marketing und führt hin bis zum Service in Verbindung mit Online-Angeboten.

Stichwort Omni-Channel: Ist das ein Thema im Mittelstand? Falls ja: Welche Konsequenzen hat das für die IT-Systeme des Händlers?
Wintrich:
Selbstverständlich ist das ein Thema! Der Einzelhandel verliert jedes Jahr weiteren Umsatz an den Online-Handel. Gerade für den Mittelständler ist es wichtig, dass dieser Umsatz an den eigenen Online-Shop fällt und nicht an einen Wettbewerber.

Deshalb sollte er den eigenen Online-Shop als sinn­volles Tool im Sinne einer Erweiterung seines statio­nären Vertriebs sehen – und nicht als konkurrierenden Kanal.

Im Vordergrund stehen die Touchpoints der Konsumenten mit dem eigenen Unternehmen und somit eine passende Convenience- und Service­ausrichtung. Dass ein Großteil der Kauf­entscheidungen mittlerweile durch eine Informationssuche im Internet vorbereitet wird, ist längst keine Neuheit mehr. Selbst bei Spontankäufen prüft der moderne Konsument sicherheits­halber oft am POS online noch einmal schnell Produktbewertungen und Preise.

Was kann der stationäre Handel tun?
Wintrich:
Die wahrgenommenen Vorteile des stationären Handels, wie kompetente und unabhängige Beratung, eindrucksstarke Warenpräsentation mit Touch & Feel und sofortige Warenverfügbarkeit für Spontankäufe, sind ja nach wie vor aktuell. Warum also nicht die Warenpräsentation mit interaktiven digitalen Inhalten aufwerten, unabhängige Produktreviews anbieten und dem Kunden dieselben aktuellen Informationen und individuellen Angebote ermöglichen wie im Web? Innovative Lösungen mittels iBeacons und Bluetooth-Low-Energy-Sendern sollen Kunden dazu veranlassen, sich auch am POS „einzuloggen“. Damit steigen die Möglichkeiten, über das Kunden­profil die individuellen Vorlieben und Produkt­interessen zu analysieren und zu bedienen.

Last but not least: Auch wenn sich der Kunde zum Kauf eines Produktes entschieden hat, kann man durch Omni-Channel-Lösungen mit Convenience punkten.

Das gewünschte Produkt ist am POS nicht lagernd, aber vom eigenen Online-Shop lieferbar? Der Kunde wurde durch geschicktes Search-Engine-­Advertising direkt bei der Informationssuche in den eigenen Online-Shop verführt … will aber das Produkt sofort haben anstatt auf die Lieferung zu warten? Die Verknüpfung von Online- und Offline-Leads oder von Einkäufen bietet sowohl dem Käufer als auch dem Händ­ler große Vorteile.

Online-Shops schießen wie Pilze aus dem Boden. Worauf kommt es bei ­Gestaltung und Betrieb an, damit diese Shops ­erfolgreich werden? Stichwort Customer ­Experience ...
Wintrich:
Da sehe ich mehrere Punkte. Die Navigation und ein intuitives Bedien­konzept sind hier ebenso wichtig wie die richtige Warenpräsentation, inklusive der Angaben zur Verfügbarkeit.

Der Onlinekauf wird zuneh­mend mobil. Das bedeutet: Der Shop sollte über eine sehr gute mobile Darstellung und ggf. auch über ­­Responsive-Design verfügen. Im Check-Out sollte die richtige Wahl der Zahlungsmittel ge­troffen werden. Für stationäre Einzelhändler sollten Service­optionen wie Click & Collect nicht fehlen. Am Ende sind eine funktionierende Logistik und alle Bereiche des Fulfillment für das Halten von Kunden von großer Bedeutung.

Mit der Netix Mobile Solution hat Intelligix ein neues Produkt entwickelt. Was ist die Idee dahinter – und wie fügt es sich in die bisherige Standardlösung ein?
Wintrich:
Wir möchten unseren Kunden die Chance geben, digitale Vorgänge und An­fragen dorthin zu verlagern wo sie entstehen. Medienbrüche und der damit einhergehende Overhead an Organisationsaufwand werden so deutlich reduziert und Prozesse beschleunigt.

Hierzu wurde in Netix Retail eine ­Service­architektur implementiert, die eine Kommunikation zwischen mobiler Applikation und Backend in Echtzeit ermöglicht. Somit kann der ­Händler, z. B. während der Retouren-Aufnahme, ein Retouren-Budget beim Lieferanten gegenprüfen, beim Wareneingang den elektronischen Liefer­schein einbinden oder bei der Kundenbestellung auf die Kundenakte zugreifen.

Von den Kunden sind zunehmend mobile Lösungen gefragt, vor allem an der Kasse. Doch beim „Mobile Payment“ wird noch viel experimentiert. Was raten Sie den Händlern?
Wintrich:
Wir setzten uns schon seit geraumer Zeit mit diesem Thema auseinander. Bezahlen mit dem Smartphone funktioniert – aber kaum jemand weiß wie. Das kontaktlose Bezahlen mit dem Smartphone per NFC-Technologie (Near Field Communication) scheitert bislang noch oft daran, dass die Verbraucher nicht ausreichend über das neue Verfahren informiert sind. Es ist keine Frage des Ob oder Ob nicht, sondern eine Frage des Zeitpunkts. 60 Prozent der großen Handelsunternehmen werden bis Ende 2016 kontaktlose Kartenzahlungen ak­zeptieren können.

Das Thema Sicherheit beim „mobile Payment“ hält bestimmt noch einige Konsumenten davon ab, diese Art des Bezahlens in ihren Alltag zu integrieren. Wann sich das mobile Bezahlen durchsetzt, wird die Zeit zeigen; am Ende liegt es an der Akzeptanz der Endkonsumenten.

So vielfältig wie der Handel, so viel­seitig muss auch die Standardsoftware zur Unterstützung und Optimierung der ­Geschäftsprozesse sein. Wie sorgt Intelligix für die nötige Skalierbarkeit und Flexibilität, so dass sich die Software genau an die jeweilige Unternehmenssituation anpasst?
Wintrich:
Intelligix verfügt über ein sehr brei­tes Spektrum an Branchenmodulen, die im Baukastenprinzip für den einzelnen Kunden zusammengesetzt werden. Für die jeweiligen Module gibt es darüber hinaus Einstellungen/Parameter, die kundenindividuell angepasst werden können.

Wir sind heute in der Lage, die Branchengrundkonfiguration für einen Neukunden innerhalb eines Tages in der Cloud bereit­zustellen. Die wei­teren individuellen Einstellungen werden nach einem Praxisworkshop vorgenommen. Bis auf individuelle Schnitt­stellen ist unsere Anwen­dung heute zu 100% im Standard implementiert. Das ermöglicht uns ein sehr agiles und zeitnahes Erweiterungs- und Patchmanagement.

Begonnen haben Sie mit Netix Retail auf der AS/400. Heute ist Ihre Software längst plattformunabhängig und auch Cloud-­fähig. Wie wichtig ist heute noch die Plattformfrage? Gibt es Vorteile, wenn der Kunde Netix Retail auf einem System i betreibt?
Wintrich:
Die Plattformfrage seitens des Kunden drängt immer weiter in den Hintergrund; der Zuspruch für Cloud-Lösungen ist derzeit deut­lich größer als noch vor einigen Jahren. Hier stehen heute die Lösung und ihre Verfügbarkeit im Vordergrund. Bei einer On-Premise-Installation in einer nicht vorgegebenen IT-Infrastruktur empfehlen wir aufgrund der Stabilität, Sicherheit und der daraus resultierenden Wirtschaftlichkeit nach wie vor das System i als Best Choice. Auch wir selbst betreiben in unseren Rechenzentren die Lösung auf IBM i. 

Unter welchen Umständen ist die Cloud-­Lösung heute bereits eine valide Option? Worauf kommt es an, dass dabei die ­gebotene Sicherheit, Verfügbarkeit und ­Performance sichergestellt ist?
Wintrich:
Für nicht produktionsrelevante Bereiche und die Kassenlösung ist die Cloud bereits eine sehr gute Option, über die der Kunde nachdenken sollte – und dies auch tut. Der Kunde kann heute die Produktpalette von Warenwirtschaft über Fibu, DMS und Lohn komplett als Cloud-Lösung erhalten. Die Anbindung ist mehrfach redundant über eigene, in Deutschland gehostete Rechenzentren mit hoher synchroner Bandbreite verfügbar.

Wir legen zudem sehr hohen Wert darauf, unsere Kunden in einer Private-Cloud-Infrastruktur anzubinden, so dass ein öffentlicher Zugang zu diesen Systemen nicht möglich ist. Unsere Lösung ist bereits seit 1998 auf eine optimierte Datenübertragung mit hoher Performance ausgelegt. Das ermöglicht es uns, unsere Software auch als echte Cloud-Lösung und nicht nur als schlichte Virtua­li­sierung anzubieten.

Können Ihre Kunden zwischen dem Lizenz- oder Mietmodell beim Software-­Erwerb wechseln – oder diese kombinieren?
Wintrich:
Hier gibt es verschiedene Miet- und Kaufmodelle, die wir mit dem Kunden individuell vereinbaren. Grundsätzlich kann ein Mietkunde die Software auch erwerben und alles selbst betreiben. Ebenso ist ein Umstieg von einer eigenen Installation in die Cloud möglich.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: In welche Richtung wollen Sie Netix weiter­entwickeln? Welche Neuerungen in der Warenwirtschaft und an der Kasse können Kunden erwarten?
Wintrich:
Wir werden verstärkt mobile Lösungen entwickeln. Zudem wird der Bereich CRM analytisch stark erweitert werden, hier ins­besondere im Hinblick auf Omni-Channel-Marketing, POS-Marketing und Couponing. Für die ­Kassensoftware ist zudem ein User-Interface-Refresh geplant.

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