08.07.2015 Interaction Room

Agile Software-Projekte erfolgreich durchführen

Von: Ina Schlücker

Unter dem Motto „Zähmung der Agilität“ kann ein interaktiver Raum die ­Verantwortlichen dabei unterstützen, agile Softwareprojekte deutlich erfolgreicher als bisher durchzuführen.

  • Volker Gruhn, Adesso

    Prof. Dr. Volker Gruhn, Vorsitzender des ­Aufsichtsrats der Adesso AG und Inhaber des Lehrstuhls für Software Engineering an der Universität Duisburg-Essen

  • Kai Völker, Barmenia

    Kai Völker, bei der Barmenia Versicherungsgruppe als Vorstand verantwortlich für die Ressorts Personal, Kundenservices sowie IT-­Services und -Office

Bereits Ende Oktober 2014 bezog der IT-Dienstleister Adesso seine neue Unternehmenszentrale unweit des bisherigen Standorts in Dortmund. Eine im Zuge des Neubaus realisierte Besonderheit ist die Etablierung eines sogenannten „Interaction Room“. Die dahintersteckende Methode wurde dabei gemeinschaftlich von Adesso und Paluno, dem Institut für Softwaretechnologien der Universität Duisburg-Essen, begründet. Der interaktive Raum soll den Beteiligten dabei helfen, in komplexen Softwareprojekten das zu visualisieren, was sonst nur schwer zu erkennen ist: Prozesse, Anwendungslandschaften, Daten und Zusammenhänge. Dahinter steht die Idee, dass die Verantwortlichen im Rahmen agiler Projekte die Kommunikation zwischen Fachabteilungen und IT weiter fördern können.

Der Hintergrund: Ein Grund für das Scheitern von Softwareprojekten ist nicht selten ein unzureichendes gegenseitiges Verständnis von Fach- und IT-Experten. Die vorhandenen Prozessmodelle – sowohl die planorientierten als auch die agilen – definieren zwar einen organisatorischen Rahmen des Projektablaufs, sie bieten jedoch keine Unterstützung für die inhaltliche Auseinandersetzung eines interdisziplinären Teams mit dem zu entwickelnden Informationssystem. Will man neue Software jedoch erfolgreich entwickeln, müssen ITler, Fachmitarbeiter sowie Projektverantwortliche ihre althergebrachten Vorstellungen von Projekten, Kommunikation und Meetingkultur über den Haufen werfen. In diesem Zusammenhang kann sich ein Interaction Room als nützlich erweisen: Es handelt sich dabei um einen realen, begehbaren Raum, der allen Beteiligten eine organisierte Kommunikationsplattform zur Verfügung stellt.

Ziel der Arbeit im Raum ist die Konzentration auf die erfolgskritischen Aspekte, d.h. das frühzeitige Identifizieren und Beseitigen von Risiken durch intuitive Visualisierungsmethoden sowie das Verbessern der Zusammenarbeit und die Verankerung einer gemeinsamen Projektverantwortung von Fachabteilung und IT. Der Raum kann die Zusammenhänge zwischen Prozessen, Daten und Anwendungslandschaft transparent machen und somit die Basis für effiziente Abstimmungsprozesse schaffen. „Der Interaction Room macht IT-Projekte greifbar und gibt abstrakten Themen ein Gesicht“, erklärt Prof. Dr. Volker Gruhn, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Adesso AG und Inhaber des Lehrstuhls für Software Engineering an der Universität Duisburg-Essen. Weiter führt er aus: „Wir nutzen einen physischen Raum, schreiben per Hand an Whiteboards und heften echte Zettel an. Das Resultat ist verblüffend: Zusammenhänge und Aspekte, die ansonsten in den Tiefen von Softwaresystemen verborgen sind, werden plastisch und für jedermann transparent. Die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten erhält dadurch einen Schub.“

Angewandt wurde die Methode bereits in mehreren Kundenprojekten, darunter beispielsweise bei der Barmenia Versicherungsgruppe in Wuppertal. Laut Kai Völker, bei dem Versicherer als Vorstand verantwortlich für die Ressorts Personal, Kundenservices sowie IT-Services und -Office, kamen im Zuge der Sepa-Einführung zwölf der involvierten Projektmitglieder im Interaction Room zusammen. Dabei nutzte man den Raum als einen „Showroom“, um das Sepa-Projekt in sämtlichen Dimensionen zu visualisieren. „Analog zu virtuellen Netzen konnten wir ein unmittelbares soziales Netzwerk etablieren, das die Teilnehmer nicht nur durch Inhalte und Sprache, sondern auch durch Gestik und Mimik näher zusammenbrachte“, berichtet Völker. Seinen Worten nach sprachen weitere Aspekte für die Methode: So gab es keinerlei Berührungsängste zwischen den Mitarbeitern, was für die Konzentration auf das Wesentliche sehr förderlich war. Überdies konnte man dank der Visualisierung viel Komplexität aus dem Projekt nehmen und sowohl das Projektbudget als auch den Zeitplan detailliert bestimmen. Dies alles führte dazu, dass man bei der Versicherungsgruppe das Sepa-Vorhaben im vorgegebenen Rahmen erfolgreich abschließen konnte. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen kam die Methode bei der Barmenia anschließend auch bei der Modernisierung der Hardwarelandschaft zum Einsatz, sodass für Kai Völker die Nutzung eines interaktiven Raums auch für künftig anstehende IT-Vorhaben gesetzt ist.

Dabei gilt: Die Anwendung interaktiver Räume lohnt sich insbesondere für die Durchführung von Großprojekten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 500.000 Euro. Als effektiv hat sich bei den durchgeführten Projekten eine Dauer von zwei Tagen erwiesen, ansonsten könnte es schnell zu einem „Lagerkoller“ kommen. Hinsichtlich der Auswahl des Raumes sollte man auf ausreichend Platz sowie eine helle, freundliche Atmosphäre achten. Sollten geeignete Räumlichkeiten im Unternehmen Mangelware sein, können die Anwender die dauerhaft eingerichteten Räume an der Universität Duisburg-Essen oder bei Adesso in Dortmund nutzen. Generell beginnen die reinen Beratungskosten rund um die auf dem Interaction Room basierende Methode laut Volker Gruhn bei einem Zwei-Tages-Paket bei ca. 10.000 Euro.

Während man bislang die im Team erarbeiteten Resultate auf den Objektlandkarten abfotografierte und derart speicherte, befindet sich derzeit ein Raum mit digitalen Smart Boards in der Entwicklungsphase – sozusagen ein Augmented Interaction Room. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben der Dokumentation sämtlicher Diskussionspunkten ist auch das Speichern der Ergebnisse auf Knopfdruck möglich. Allerdings liegt der Kostenpunkt pro Smart Board aktuell bei noch rund 4.000 Euro.


Deutlich mehr Interaktion
Was man benötigt, um ein Entwicklungsprojekt mit dem Interaction Room umzusetzen:
1. Der Raum: Beim „Interaction Room“ handelt es sich um einen echten Raum, der den Teams während der Projektlaufzeit jederzeit frei zugänglich sein muss. Dieser Raum enthält eine flexible Möblierung – die Beteiligten sollen sich nicht in typischer Kon­ferenz­atmosphäre gegenübersitzen, sondern sich im Raum bewegen und diskutieren.
2. Die Landkarten: Wesentliche Bestandteile des Raums sind vier „Landkarten“, die als beschreibbare Whiteboards an den vier Wänden des Raums angebracht werden. Die hier entstehenden Modelle bringen die kritischen Aspekte eines Systems auf einen Blick in Zusammenhang. Folgende Landkarten haben sich in der Praxis bewährt:
– Die Prozesslandkarte veranschaulicht die zu realisierenden Abläufe in der Fachdomäne,
– die Objektlandkarte verdeutlicht Beziehungen zwischen fachlichen und technischen Datenstrukturen,
– die Migrationslandkarte bildet die nötigen Datentransfers von Legacy-Systemen ab und
– die Integrationslandkarte illustriert Schnittstellen zu und Abhängigkeiten von umliegenden Systemen.
3. Die Annotationen: Zur Fokussierung von Diskussionen werden wichtige Punkte in den Modellen mit Annotationen markiert. Benötigt werden dafür Wert-, Qualitäts-, Komplexitäts-, Integrations- und Ungewissheitsannotationen. Diese Annotationen bestehen aus Gruppen vordefinierter Symbole und werden im Lauf der Diskussion auf die Landkarten geheftet.
4. Das Projektteam: Fach- und IT-Experten, Projektleiter und Kundenvertreter – alle, die das Projekt verstehen müssen, und alle, die einzelne Aspekte erklären können, sollten eingeladen werden. Ferner ist ein Moderator zu bestimmen. Im Sinne einer effizienten Diskussion sollten möglichst nicht mehr als sieben Personen teilnehmen.

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