Plötzlich ist er wieder da, der Fachkräftemangel. Das Phänomen taucht immer wieder auf und wird ebenso oft angezweifelt, zum Märchen erklärt, als Mythos entlarvt und etwas verschämt als gering eingeordnet. Das Problem damit: Die Wahrheit ist irgendwo da draußen und zwar verborgen unter einem Wust aus widersprüchlichen und schwer analysierbaren Zahlen.
Zunächst ein paar Schlaglichter: “Die ITK-Branche beschäftigt rund 846.000 Personen. Derzeit gibt es rund 20.000 offene Stellen,“ verkündet die Bitkom in einer Pressemitteilung. Ähnlich die Analyse der DEKRA: 55,7 Prozent mehr Stellenangebote für IT-Spezialisten als im Vorjahr. Am Stichtag der Untersuchung waren mehr als 10.000 Stellen zu besetzen. Dies zeigt einen gewissen Boom, doch leider gibt es keine Einschätzung über die “Realität” der ausgeschriebenen Stellen.
Denn es gibt immer wieder fingierte Stellenangebote, hinter denen sich Lockangebote oder Imagepflege verbergen. Den wirklich offenen Stellen steht eine relativ kleine Reserve gegenüber: Die Arbeitsagentur meldet 28.048 Arbeitslose im IT-Bereich und eine sinkende Tendenz. Rein rechnerisch passt das zwar blendend zusammen, doch so einfach ist es natürlich nicht.
Laut DEKRA werden vor allem Entwickler und IT-Architekten gesucht. Außerdem steigt die Nachfrage bei Systems Engineering und Administration. Für rund 64 Prozent der Stellen ist ein Hochschulabschluss erforderlich. Bei diesen Zahlen ist ein Mangel an Fachkräften logisch, da Stellen und Kandidatenprofile nicht immer passen. So ist ein arbeitsloser IT-Consultant für Business Intelligence ist nur schwer zum IT-Architekten in der Virtualisierung umzustricken.
Üblicherweise werden die Personallücken dann mit Freiberuflern geschlossen. Und tatsächlich: Die Nachfrage nach den flexiblen Freelancern ist so hoch wie nie. Die Projektbörse GULP registrierte im ersten Quartal 2011 weit über 80.000 Projektanfragen.
Der Schluss aus diesen Zahlen lautet positiv: Die IT-Branche boomt wie seit langem nicht mehr. Doch dieser Aufschwung geht bisher an einer Gruppe vorbei: Den Experten mit jahrelanger Erfahrung und einem beeindruckenden Portfolio aus bewältigten Projekten. Sprich: Die nicht mehr ganz so jungen Bewerber sind weniger gefragt.
Denn eine sehr interessante Zahl ist gut versteckt in der Arbeitsagentur-Statistik: Der Anteil der über 55-jährigen IT-Fachkräfte liegt nur bei etwa 13 Prozent. Das hat Gründe: “Mit 45 ist Schluss,” meint Ludwig Hein, Geschäftsführer des IT-Dienstleister LupoCom. Ähnliches berichten viele ältere IT-Fachkräfte, die Schwierigkeiten bei der Jobsuche haben.
Damit sind eine Ursache und eine mögliche Lösung für den IT-Fachkräftemangel identifiziert. Die Unternehmen haben sich in der Vergangenheit eher damit beschäftigt, ältere Mitarbeiter an die Luft zu setzen statt in eine Weiterbildung. Vielleicht sollten die Personaler einfach mal anfangen, Bewerber über 45 nicht direkt auszusortieren.
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