Hans-Christian Schwieger, KPMG
Beratung ist nicht gleich Beratung. Je nachdem, wer das IT-Consulting ausführt, ist das Ergebnis mehr oder weniger produktneutral. Entsprechend neutral oder herstellerspezifisch ist in der Folge auch die IT-Realisierung. Was sollte das Unternehmen bei der Auswahl der Dienstleistung „Beratung“ beachten? Wir sprachen darüber mit Hans-Christian Schwieger, Partner im Bereich Advisory bei KPMG in Düsseldorf.
IT-DIRECTOR: Was sollten die Verantwortlichen grundsätzlich bei der Entscheidung für das eine oder andere Beratungshaus beachten?
H. Schwieger: Sie sehen sich grundsätzlich zwei Ausrichtungen gegenüber. Da sind auf der einen Seite die Beratungs- und Integrationsanbieter mit hoher Affinität zu Produkten bestimmter Hersteller, mit denen sie eng zusammenarbeiten. Auf der anderen Seite gibt es Consulting-Anbieter, die weiterhin hersteller- und somit produktneutral beraten.
IT-DIRECTOR: Welche Folgen hat der eine oder andere Beratungsansatz für das Unternehmen?
H. Schwieger: Bei Häusern mit hoher Affinität zu Produkten bestimmter Hersteller ist das Beratungsergebnis von vornherein vorbestimmt. Natürlich wird die Beratung in diesem Fall auf Herstellerkonzepte und -produkte abheben, die das Consulting-Unternehmen im Portfolio hat. Bei neutralen Anbietern ist das Ergebnis hingegen offen. Alle vielversprechenden Lösungsvarianten werden, unabhängig von ihrer Provenienz, betrachtet, beurteilt und schließlich bewertet.
IT-DIRECTOR: Also fährt man mit der zweiten Beratungsalternative besser?
H. Schwieger: Nicht zwangsläufig. Ist im Unternehmen die Technologie gesetzt, z.B. weil bestehende Installationen bestimmter Hersteller erweitert oder weiterentwickelt werden sollen, ist der erste Beratungsansatz die bessere Alternative. Konzepte und Produkte anderer Hersteller sind in dieser Ausgangsposition nicht von Belang und können damit getrost vernachlässigt werden. Auch der Bezug von Consulting-Leistungen direkt vom Hersteller ist innerhalb einer solchen begrenzten Konstellation durchaus ein Thema. Wir raten dazu: Hat sich das Unternehmen für einen oder wenige Hersteller entschieden, sollte es über deren Produkte intern einen Betriebsstandard prägen.
IT-DIRECTOR: Anders, wenn das Beratungsergebnis offen sein soll?
H. Schwieger: Richtig. Dann ist ein neutraler Berater gefordert, der für das Unternehmen die beste IT-Lösung herausfindet und zusammenstellt. Die beste Lösung ist die, die aus den Blickwinkeln „Wirtschaftlichkeit“, „Leistungsfähigkeit“, „Erweiterbarkeit“ und „Herstellerunabhängigkeit“ das Optimum darstellt. Für die Konzeption dieser neuen Lösung sollte der neutrale Berater ebenso profundes wie breitgefächertes Know-how zu unterschiedlichen Middleware-Architekturen einschließlich Open-Source-Architekturen mitbringen. Unverzichtbar ist in diesem Zusammenhang ein tiefes Wissen über den speziellen Aufbau und die spezielle Funktionsweise der Enterprise-Busse innerhalb der unterschiedlichen Architekturen.
Das unvoreingenommene Beratungsergebnis wird in diesem Fall meist auf eine offene, also Open-Source Middleware-Architektur mit tatsächlich standardisierten und für die Programmierung vollständig offengelegten Schnittstellen hinauslaufen. Gerade, wenn im Unternehmen programmiert werden soll, sollte eine Open-Source-Architektur mit einer einheitlichen Programmiersprache, einer offenen Betriebssystemplattform und ebenso offenen, standardisierten Schnittstellen bevorzugt werden.
IT-DIRECTOR: Wie offen sind herstellerspezifische, serviceorientierte Middleware-Architekturen?
H. Schwieger: Sie haben sich in den letzten Jahren zweifellos geöffnet. Diese Öffnung reicht aber innerhalb des OSI-Modells nur bis Layer 4, maximal Layer 5, der Betriebssystem-/Sitzungsebene. Die Applikationen und Tools sind somit weiterhin proprietärer Natur. Immerhin haben große Middleware-Hersteller wie Microsoft (Sharepoint), SAP (Netweaver), IBM (Websphere) oder Oracle (Fusion) ihre Architekturen soweit angepasst, dass sie teilweise untereinander harmonieren.
IT-DIRECTOR: Aber viele Architekturen und somit Schnittstellen verschiedener Hersteller ziehen einen erhöhten Betriebsaufwand für das Unternehmen nach sich. Ist das nicht so?
H. Schwieger: Ohne Zweifel. Ich plädiere deshalb dafür, maximal zwei Middleware-Architekturen einzusetzen. Je weniger unterschiedliche Schnittstellen etabliert werden, um so weniger müssen später überwacht, administriert und weiterentwickelt werden. Oder anders gesagt: Je weniger Interfaces, um so reibungsloser werden später die IT-Operationen ablaufen. Das Beratungs- und Realisierungsziel sollte deshalb im Interesse des Unternehmens eine soweit wie möglich homogene IT-Architektur sein.
IT-DIRECTOR: Middleware-Architekturen erfüllen keinen Selbstzweck. Ist es nicht ihre Bestimmung, das Unternehmensgeschäft besser voranzubringen?
H. Schwieger: Genau, deshalb sollte der Berater gemeinsam mit den Projektverantwortlichen nicht nur der Frage nach der am besten geeigneten Middleware-Architektur, sondern auch den Applikationen respektive den Geschäftsprozessen mit für das Unternehmen lukrativem und wettbewerbsentscheidendem Potential nachgehen. Eines steht außer Frage: Eine gewinnbringende Geschäftsprozessabbildung ist ohne eine interoperable Architektur und nicht integrierbare Plattformen nicht möglich.
Genau diese Applikationen und Prozesse gilt es, mittels Workflow Engines, angesiedelt rund um die Middleware-Architektur, abzubilden und in die Systeme einzubringen. Den größten Nutzen wird das Unternehmen über Applikationen bzw. Geschäftsprozesse erzielen, die im Frontend positioniert sind. Beispiele dafür sind Webkataloge, vertriebsorientiertes Customer Relationship Management und mobile Anwendungen. Nur Kosteneinsparungen, etwa über Shared-Service-Ansätze, sollten keinesfalls der einzige Gradmesser für künftige IT-Lösungen sein. Denn über Beratungskonzepte, die vorrangig auf solche Einsparungen abzielen, verschenken Unternehmen buchstäblich wertvolle Geschäftspotentiale, die sie im harten Wettbewerb immer dringender brauchen.
IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert besitzt das Sicherheits-Know-how?
H. Schwieger: Fundiertes und im Falle der neutralen Beratung breites Middleware-Architektur-Wissen sowie tiefes und umfassendes Security-Wissen gehören zusammen. Nur unter dieser Voraussetzung ist es überhaupt möglich, die Gesamtinstallation ´sicher auf die Straße zu bringen`. Diese Beratungskompetenz ist sowohl für IT-Hochverfügbarkeit und -Sicherheit als auch für Compliance und den Datenschutz innerhalb der Gesamtinstallation unverzichtbar. Fehlt es an der Sicherheit, wird das zwangsläufig den über die neue IT-Lösung anvisierten Nutzen schmälern.