Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass Cloud Computing kein kurzfristiger Hype ist. Vielmehr wird jene Technologie die Bereitstellung und Nutzung von IT-Leistungen tief greifend verändern. Das zeigt sich auch in den Marktzahlen: „Die Umsätze mit Cloud Computing steigen mit hohem Tempo“, stellt Dr. Mathias Weber, Bereichsleiter IT-Services beim Bitkom fest. „Für 2012 erwarten wir ein Marktwachstum von fast 50 Prozent auf 5,3 Mrd. Euro. Das Wachstum wird sich in den kommenden Jahren mit hohen zweistelligen Raten fortsetzen.“ Verwunderlich ist es nicht, bietet das Auslagern in die sogenannte Wolke doch zahlreiche Chancen für die Unternehmen. So haben IT-Anwender die Möglichkeit, „innerhalb kurzer Zeit IT-Infrastruktur wie Server oder Speicher, Entwicklungsumgebungen und Software für sich nutzbar zu machen, ohne vorher umfangreiche Investitionen stemmen zu müssen“, erklärt Weber. Sie bezahlen nur die wirklich in Anspruch genommenen Ressourcen, die von einem Provider zur Verfügung gestellt, betrieben und auf dem neuesten Stand gehalten werden.
„Unternehmen können mit Hilfe von Cloud Computing die Flexibilität ihrer IT und ihre Innovationsgeschwindigkeit erhöhen und werden agiler“, fügt Markus Herber, Chief Technologist bei HP, an. Für die Vergleichbarkeit von Cloud-Angeboten und die Interoperabilität sei für die Anwender jedoch das Thema Standardisierung sehr wichtig. Dabei dürfe man den Begriff Standardisierung aber nicht nur auf die Technologie beziehen. „Es geht auch um einheitliche Regelungen für Datenschutz, Rechtssicherheit und Zertifizierungen“, so Herber weiter. „Hier gibt es derzeit noch einige Lücken.“ Dass die Entwicklung von Standardisierungen im Bereich der Cloud sehr schleppend voranschreitet, kann auch Nicolai Bieber, Mitglied der Geschäftsleitung von Booz & Company, bestätigen. Das Beratungsunternehmen erarbeitete erst kürzlich zusammen mit dem Forschungszentrum Informatik (FZI) die Studie „Das Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing“. „Bisherige Bemühungen zur Standardisierung stecken konzeptionell in den Kinderschuhen, da ein Mangel an einheitlichen Definitionen und Orientierungswissen ein zielorientiertes gemeinsames Handeln behindert“, so Bieber. „In Teilbereichen konkurrieren mehrere Standardisierungsinitiativen mit bereits etablierten De-facto-Standards der führenden amerikanischen Anbieter.“
Gleiches bestätigt Prof. Dr. Stefan Tai, Direktor des FZI. Zum einen seien die Herausforderungen sehr vielfältig, einheitliche Normen und Regeln zu etablieren, „zum anderen besitzen heute vor allem US-amerikanische Anbieter durch die Marktmacht ihrer proprietären Cloud-Lösungen den größten Einfluss auf die Standardisierung in jenem Bereich.“ Eine Standardisierung ist aber generell wichtig, damit beispielsweise Konsumenten von Cloud-Diensten ihren Provider wechseln oder auch Angebote verschiedener Anbieter kombinieren können. Ferner lassen sich so nicht nur die versprochenen Qualitätseigenschaften von Diensten überprüfen und sicherstellen, sondern es werden auch IT-Sicherheit und Datenschutz einheitlich gewährleistet.
Doch wer legt Standards grundsätzlich fest? Laut Nicolai Bieber existiert eine Vielzahl verschiedener Akteure im Normungs- und Standardisierungsumfeld. In der Studie von Booz und FZI wurden über 150 Institutionen untersucht. Besonders relevant seien z.B. ISO als internationales Standardisierungsgremium, Etsi auf europäischer Ebene, DIN, Bitkom und das BSI auf nationaler Ebene in Deutschland sowie Nist in den USA. „Darüber hinaus existiert eine Vielzahl – teils konkurrierender – Industrieinitiativen“, sagt Bieber. Die Anbieter selbst können ebenso die Entwicklung von Standards beeinflussen, indem sie sich etwa in einer der genannten Initiativen und Gremien engagieren. „Wichtig ist“, ergänzt Prof. Dr. Stefan Tai, „dass es die Möglichkeit der Partizipation für Anbieter und Anwender gibt. Dann ist auch nicht ausgeschlossen, dass Anbieter bzw. Anwender eine aktive Rolle einnehmen können.“
Netapp, Spezialist im Bereich der Datenspeicherung und des Datenmanagements, ist z.B. Mitglied in zahlreichen Standardisierungsgremien und arbeitet aktiv an der Gestaltung von Standards im Bereich Cloud Computing mit. Laut Herbert Bild, Solutions Marketing Manager im Unternehmen, engagiere man sich intensiv im Distributed Management Task Force (DMTF), aber auch in anderen Verbänden, darunter der Cloud Security Alliance oder der Organization for the Advancement of Structured Information Standards (Oasis). Ebenso beteiligt sich das in der Telekommunikationsbranche angesiedelte Unternehmen Cisco Systems bei der DMTF und Cloud Security Alliance, ist darüber hinaus aber auch im TM Forum und bei der Storage Network Industry Association (Snia) aktiv. Comparex wiederum war nach eigenen Angaben der erste Integrator, der Mitglied in der Eurocloud wurde, dem Verband der deutschen Cloud-Computing-Industrie. „Der Vorteil ist“, so Jörg Mecke, Area CTO Germany der Comparex AG, „europäische Standards zu definieren, wo die Reichweite beispielsweise des Bitkom zu kurz greift.“
In der Studie „Das Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing“ wurden von insgesamt 160 untersuchten Standards 20 ausgewählt und detailliert hinsichtlich ihrer Durchsetzungsfähigkeit und Reife untersucht. Grundsätzlich unterschied man zwischen Standards in den Bereichen Technik, Management und Recht. „Eine besondere Durchsetzungsfähigkeit und Reife besitzen z.B. Open Cloud Computing Interface (OCCI) und die Openstack-Cloud-Software“, betont Nicolai Bieber von Booz & Company. Laut Peter Dümig, Field Product Manager Enterprise Solutions bei Dell, kann die Standardisierung bei Cloud Computing zwei Dinge bedeuten: erstens eine Standardisierung der Angebote und zweitens eine Standardisierung in technischer Form, beispielsweise in Form von Schnittstellen und Formaten. „Was die Angebote anbelangt, so werden sich über kurz oder lang gewisse Standards herauskristallisieren, vergleichbar mit den heutigen Break&Fix-Services“, ist sich Dümig sicher. „In technischer Hinsicht wird seit einiger Zeit an Standards gearbeitet. Ich denke aber, es wird noch eine geraume Zeit dauern, bis sich diese flächendeckend durchgesetzt haben.“
Frank Strecker, verantwortlich für das Cloud-Geschäft bei IBM in Deutschland, unterscheidet wiederum zwischen der Standardisierung der IT-Services innerhalb des Unternehmens und der Standardisierung der Angebote von Public-Cloud-Anbietern. „Typischerweise wird ein Unternehmen zuerst seine IT-Services definieren und standardisieren“, bemerkt er. „Ist dies getan, überlegt es sich für jeden Service oder jede Workload einzeln, ob es diese selbst zur Verfügung stellen oder extern beziehen will.“ Zwischen den Public-Cloud-Anbietern gebe es leider noch nicht den Grad an Standardisierung wie z.B. zwischen Stromanbietern. Jeder arbeite mit unterschiedlichen Hypervisoren und Provisionierungssoftware.
HP hat jedoch im April mit „Converged Cloud“ eine einheitliche Architektur für verschiedene Formen des Cloud Computing und konventionelle IT-Infrastrukturen angekündigt. Nach Aussagen von Chief Technologist Markus Herber bezieht diese Architektur u.a. die Spezifikationen des Open-Source-Projekts Openstack mit ein und entkoppelt die IT-Dienste von der zugrundeliegenden Infrastruktur. Damit erlaube sie die gemeinsame Verwaltung von Ressourcen, Prozessen und Regeln in heterogenen Umgebungen – und somit auch von Cloud-Angeboten anderer Anbieter. Auch Jörg Mecke von Comparex betont, dass es bereits Lösungen für die Kopplung von Clouds gibt: „Wir implementieren beispielsweise die Citrix Cloud Bridge, was genau diese Anforderungen adressiert. Standardprodukte haben gegenüber den Eigenentwicklungen deutliche Kostenvorteile und größere Nachhaltigkeit durch die permanente Pflege.“
Der Kostenvorteil war einer der Gründe, warum sich die Maxess Systemhaus GmbH für Cloud Computing entschieden und ihr Warenwirtschaftssystem X-Trade in die IBM Smartcloud Enterprise verlagert hat. „Der sich ständig verschärfende Wettbewerb in allen Branchen, der mit dem Druck nach Kostensenkung und nach immer neuen Produkten und Dienstleistungen einhergeht, braucht eine agile IT-Strategie, um mithalten zu können“, erläutert Florian Bernauer, Geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Cloud Computing könne hier helfen, indem es den Unternehmen mehr Zeit gibt, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. „Mit unserer X-Trade Suite“, so Bernauer weiter, „können unsere Kunden verteilte lokale Server durch flexible Kapazitäten in der Cloud ersetzen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, mit den Standards zu wachsen, in weitere Länder zu gehen und die immer wichtiger werdende Interoperabilität von Cloud-Anwendungen zu sichern.“
Das Thema Standards wiederum war ein wichtiges Kriterium für CSC, sich für eine Zusammenarbeit mit Cisco zu entscheiden, um eine möglichst hohe Flexibilität für die eigenen Kunden zu erhalten. „Wir bieten explizit die Auslagerung von SAP-Basis-Support an sowie die Auslagerung beliebiger Workloads auf unseren Infrastrukturservice“, berichtet Jürgen Rasche, Mitglied der Geschäftsleitung und Director Managed Services Sector von CSC in der Central Region. Und auch Trilux, Leuchtenhersteller für effiziente Lichtlösungen, setzt auf Cloud Computing. Um sein schnelles Wachstum zu unterstützen, hat das Unternehmen den Betrieb seiner SAP-Systeme an HP ausgelagert. Das Hosting erfolgt heute im HP-Rechenzentrum in Frankfurt am Main auf Servern, die Trilux vorbehalten sind.
Stellt sich nun noch die Frage, welche Ausstiegsmöglichkeiten Anwender haben, sobald sie sich wieder aus der Wolke zurückziehen möchten. Auch hier wären einheitliche Regelungen sinnvoll. HP beispielsweise ermöglicht einen Ausstieg per Vertrag: Kunden können zu einer fest vereinbarten Frist aus Cloud-Verträgen wieder aussteigen. Darüber hinaus „bietet HP aus technischer Sicht mit ‚Converged Cloud’ eine einheitliche Architektur für heterogene Betriebsmodelle“, erklärt Markus Herber. „Das bedeutet, dass Kunden jederzeit die Wahlmöglichkeit haben, wie sie IT-Dienste beziehen möchten. Grundlage sind offene Standards, die auch für Konsistenz und Sicherheit sorgen.“ Laut Viktor Hagen, Evangelist Cloud Computing bei Cisco Deutschland, sind Plattformerweiterungen, -modernisierungen und -transformationen im Rahmen von Outsourcing-/Outtasking-Projekten typische Ausstiegsszenarien. „Bei unserer IaaS-Umgebung“, betont Hagen, „folgen wir einem Standard, der sich auf den Einsatz z.B. von virtuellen Maschinen bezieht.“ Flexibilität sei dabei auf Anwendungsebene gegeben. Und Frank Strecker von IBM ergänzt: „Ein Ausstiegsszenario ist ja nur dann erforderlich, wenn man etwas nach draußen gegeben hat und diesen Service nun wieder selbst betreiben oder jemand anderem geben möchte.“ Wer hier seine Hausaufgaben gemacht, also seinen Servicekatalog klar definiert und erst dann entschieden hat, woher er den Service bezieht, der werde es deutlich leichter haben, einen zuvor definierten Service wieder selbst oder durch einen Dritten erbringen zu lassen.
Generell muss und wird sich die Standardisierung im Bereich Cloud Computing in den nächsten Monaten intensiv entwickeln, da Cloud Computing als Wettbewerbsfaktor eine zentrale Rolle spielt. Hier sei die Politik auf begrüßenswertem Wege, so Frank Strecker. Die Bemühungen des Bundeswirtschaftsministeriums im Rahmen des Aktionsprogramms „Cloud Computing“, im Technologieprogramm „Trusted Cloud“ und dem darin vergebenen Studienauftrag „Cloud-Normung und Standardisierung“ seien positive Beispiele. „Es ist dabei aus meiner Sicht nicht entscheidend, einen eigenen neuen Standard zu entwickeln, den wir dann mühsam durchsetzen müssten, sondern vielmehr sich in die etablierten und auf internationaler Ebene angesiedelten Standardisierungsgremien einzubringen.“
Auch Markus Herber von HP ist sich sicher, dass sich Cloud-Standards immer weiter durchsetzen, insbesondere auch dank Initiativen wie dem Trusted-Cloud-Programm. „Die bestehenden Lücken werden sich schließen“, so sagt er, „und die Standardisierungsaktivitäten werden sich auf andere Bereiche über die Technologie hinaus erstrecken. Projekte wie Openstack werden dabei ein treibender Faktor sein.“ Zudem werde es auf Seiten der Politik Bestrebungen geben, die Cloud zu standardisieren.
Bereitstellungsmodelle
Servicemodelle
Quelle: Frank Strecker, verantwortlich für das Cloud-Geschäft bei IBM in Deutschland
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