12.10.2015 Stresssituationen souverän meistern

Burnout im Job vermeiden

Von: Martina Gruhn

Im Interview erläutert Dr. med. Mirriam Prieß, Ärztin und Unternehmensberaterin im Bereich Gesundheitsmanagement, wie IT-Verantwortliche Stresssituationen meistern, den Burnout im Job vermeiden und große IT-Projekte erfolgreich umsetzen können. Zudem wirft sie einen Blick auf geforderte Führungsqualitäten.

Mirriam Prieß, Spezialistin für Gesundheitsmanagement

Mirriam Prieß, Spezialistin für Gesundheitsmanagement, gibt in ihren Vorträgen Einblick in reale Stresssituationen im Job und erklärt, wie man diese meistern kann.

IT-DIRECTOR: Frau Prieß, was macht eine gute Führungskraft aus?
M. Prieß:
Eine gute Führungskraft zeichnet sowohl eine hohe fachliche als auch soziale Kompetenz aus. Auch wenn man fachlich noch so kompetent ist – soziale Analphabeten besitzen keine Grundlage, um ihr Know-how „unter die Leute zu bringen“. Aus meiner Erfahrung heraus schätze ich die soziale Kompetenz sogar als wichtiger ein. Eine Führungsperson muss nicht alles wissen, aber sie muss dafür sorgen, dass das richtige Wissen vorhanden ist und an der richtigen Stelle eingesetzt wird – und das gelingt nur, wenn sie sozial kompetent ist.

Meiner Ansicht nach erreicht man gewünschte Erfolge nicht, wenn man „Führen“ mit „Folgen“ gleichsetzt. Im Gegenteil: Eine guter Chef erwartet nicht, dass ihm blindlings gefolgt wird. Stattdessen überzeugt er im Dialog, zeigt eine gemeinsame Richtung auf und sorgt dafür, dass alle Mitarbeiter diese auf Augenhöhe und selbstverantwortlich mittragen und gestalten. Denn man muss seine Leute begeistern, inspirieren, verbinden und unterstützen sowie Richtungen aufweisen und lenken können. Ein guter Manager ist konfliktfähig und dazu in der Lage, an der richtigen Stelle zu eskalieren, ohne dabei Erde zu verbrennen. Er sagt, was er meint. Er meint, was er sagt und handelt danach – so erreicht er, dass ihm vertraut und vor allem geglaubt wird.

Dies alles gelingt, wenn Führungskräfte dazu in der Lage sind, um der Sache Willen zu handeln, anstatt um der eigenen Person Willen. Dies erfordert Selbstreflexion, Selbstbewusstsein und ausreichenden Selbstwert. Viele Führungskräfte definieren den eigenen Selbstwert über Erfolg, müssen vor diesem Hintergrund immer wieder Grenzen überschreiten und erschöpfen dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Teams.

IT-DIRECTOR: Wodurch zeichnet sich die angesprochene Dialogfähigkeit aus?
M. Prieß:
Vier Dinge gelten als Voraussetzung für einen funktionierenden Dialog: Augenhöhe, Offenheit, Respekt und Wertschätzung sowie Interesse. Dialog heißt, dem anderen offen auf Augenhöhe zu begegnen. Es heißt nicht, gleicher Meinung zu sein, wohl aber offen für die Meinung des anderen.

Ein Kennzeichen des Dialoges ist es, eine Situation anders verlassen zu haben, als sie begonnen wurde, z.B. mit einem anderen Gefühl, einer neuen Erkenntnis. Während des Gesprächs kann man erkennen, dass man sich mitten im Dialog befindet, wenn man dazu in der Lage ist, sich auf den Platz des anderen zu setzen und seine Position so wiederzugeben, als wäre es die eigene.

Eine der größten Schwierigkeit ist dabei die Offenheit. Viele beginnen das Gespräch, um den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, hören sich möglicherweise kurz die Sicht des anderen an – mehr aber auch nicht. Interessanterweise ist auch das Thema „Augenhöhe“ in Unternehmen nicht selbstverständlich. So sind viele der Meinung, dass der Dialog innerhalb hierarchischer Firmenstrukturen nicht möglich ist. Demgegenüber ist Dialog jedoch keine Frage von Position, Alter, Status, Geschlecht oder Religion. Vielmehr ist er eine Frage einer grundsätzlich wertschätzenden und von Respekt geprägten Haltung dem Menschen gegenüber.

IT-DIRECTOR: Die Arbeitsbelastung in IT-Abteilungen nimmt kontinuierlich zu. Zusätzlich verstärken die Einführung neuer ERP-Systeme, die Konsolidierung der IT-Landschaft etc. die Stresssituationen bei Führungskräften und Angestellten. Was raten Sie in solchen Situationen?
M. Prieß:
Unter IT-Mitarbeitern nehmen Atemlosigkeit und die damit verbundenen Erschöpfungssymptome zu. Die Fähigkeit an der richtigen Stelle und somit rechtzeitig Grenzen zu setzen, ist hier eine zentrale Notwendigkeit, an der viele scheitern. Kürzlich erklärte mir ein Betroffener: „Man gerät ohne es zu merken in einen Strudel und wacht erst dann auf, wenn nichts mehr geht.“ Das Erkennen der eigenen Grenzen und die Stärke, diese auch nach außen zu vertreten und zu verhandeln, sind notwendig. Störungen sollten rechtzeitig angesprochen werden, anstatt zu warten, bis der Konflikt da ist. Wichtig sind: Konfliktfähigkeit, Mut zur Eskalation sowie eine gesunde Kompromissbereitschaft.

IT-DIRECTOR: Mobile Endgeräte und die daraus resultierende ständige Erreichbarkeit sind heutzutage im Job fast selbstverständlich. Wie geht man mit dieser zusätzlichen Belastung am besten um?
M. Prieß:
Der ständigen Erreichbarkeit sollte man auf Augenhöhe begegnen: Anstatt sich dieser zu unterwerfen, sollte man Grenzen setzen sowie lernen, „Nein“ zu sagen. Viele haben sich über diese ständige Erreichbarkeit längst selbst verloren. „Ich bin für alle anderen erreichbar – aber erreiche mich selbst nicht mehr“, sagte ein erschöpfter Manager einmal zu mir. Dies bedeutet für die Betroffenen, erst einmal wieder zu sich selbst zurückzufinden, in den inneren Dialog zu treten und herauszufinden, was das eigene Maß ist. Nimmt man etwa selbst erste Anzeichen eines Burnouts wahr, sollte man sofort darauf reagieren. Denn je tiefer das Kind in den Brunnen gefallen ist, umso schwerer und langwieriger ist der Weg zurück.

Buchtipp:

Das Geheimnis der inneren Stärke

Das neue Werk von Dr. Mirriam Prieß zum Thema Resilienz (Widerstandskraft) kam am 5. Oktober 2015 auf den Markt. Das Buch beschreibt verschiedene Praxisbeispiele von Mitarbeitern, Managern etc. und gibt entsprechende Handlungsempfehlungen.


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