Unternehmenskultur

Corporate-IT: Himmel und Hölle

Mobil arbeiten, nicht an ein Büro gebunden sein - das wird für viele Berufseinsteiger immer wichtiger. Aber die Unternehmenswirklichkeit hinkt oft noch hinterher.

Berufseinsteiger sind einen anderen Arbeitsstil gewöhnt

"Ärmliches Software-Portfolio, Internet Explorer 6, unflexible Konfiguration, furchtbares Display." Leicht stöhnend fasst Diplom-Informatiker Niels Fallenbeck seine ersten Erfahrungen mit der Arbeitsweise in einem großen, internationalen Beratungsunternehmen zusammen. Grinsend ergänzt er: "So kann ich nicht arbeiten."

Kulturschock im Konzern

Wer den IT-Himmel der selbstbestimmten Arbeit als wissenschaftlicher Assistent an einer Universität mit der Realität eines Großunternehmens tauscht, fühlt sich gerne mal wie nach einem Abstieg zur Hölle. Thomas Spreitzer ist Leiter Marketing bei T-Systems und kennt diesen Kulturschock: "Jüngere Mitarbeiter erwarten eine ganz andere Arbeitsumgebung und Unternehmenskultur, als das in Konzernen üblich ist."

Spreitzer hat viele Erfahrungen mit den "Digital Natives". "Es herrscht ein großes Unverständnis, wenn für Kleinigkeiten ein Dutzend Prozesse durchlaufen werden müssen", beschreibt er selbstkritisch die negativen Erfahrungen vieler junger Leute beim Erstkontakt mit Konzernformalien.

Seiner Erfahrung nach tendieren Nachwuchskräfte zu einer sehr stark mobilen und auf rasches Feedback ausgerichteten Arbeitshaltung. "Da kann es schon mal passieren, dass jemand eine Produktidee auf Facebook zur Diskussion stellt und die Führungskräfte einen Riesenschreck bekommen - da könnte ja jemand die Idee klauen", nennt Spreitzer ein typisches Beispiel für die Mentalitätsunterschiede.

In vielen Unternehmen ist Social Media gesperrt. Teils wegen Sicherheitsbedenken und natürlich, weil Mitarbeiter in anständigen deutschen Unternehmen jede Sekunde für den Arbeitgeber werkeln. Aus denselben Sicherheitsgründen nutzen viele Unternehmen grundsätzlich ältere Software-Versionen, die aber weithin als veraltet gelten. Außerdem gibt es da noch die IT-Abteilung, die alles jenseits der ausgetretenen Pfade als Kriegserklärung interpretiert.

"Statt auf Bedürfnisse zu schauen, bügelt die IT ein Standardmodell drüber. Das führt naturgemäß zu Frustrationen," meint Siegfried Lautenbacher, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Beck et al. Services GmbH. "Das anbrechende Post-PC-Zeitalter wird uns indes alle zwingen, neu über die Beziehung zwischen der Corporate IT und dem Nutzer nachzudenken."

Der Arbeitsstil ändert sich

Auch Martin Heisig, Vice-President Enterprise Architecture bei SAP, hält eine Anti-Haltung gegenüber Smartphpones, Tablets, Social Media & Co. für nicht mehr zeitgemäß. "Bei uns ist die Arbeit mit iPad und Smartphone üblich und wir nutzen äußerst erfolgreich interne Social Media-Tools." Für Heisig hat diese Entwicklung einen einfachen Grund: "In den letzten Jahren hat sich unter jüngeren Leuten ein anderer Lebensstil entwickelt, der auch als Arbeitsstil in den Unternehmen ankommt."

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie, die das Marktforschungsinstitut YouGov für den Web-Collaboration-Anbieter Citrix online unter 700 leitenden Angestellten in Deutschland, Frankreich und Großbritannien durchführte. So wünschen sich mittlerweile 61 Prozent der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen, öfter mal via Remote-Zugriff von zuhause oder anderen Orten aus arbeiten zu dürfen.

In dieselbe Richtung gehen auch die Ergebnisse des Cisco Connected World Technology Report 2011. Junge Leute können sich ein Leben ohne Internet kaum noch vorstellen, mehr als die Hälfte möchte darauf nicht mehr verzichten. An ihre künftigen Arbeitgeber stellen sie ebenfalls hohe Ansprüche: Fast drei Viertel der Befragten setzen voraus, dass der private Zugang zu den Sozialen Netzwerken erlaubt ist.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie: Die meisten Studenten erwarten, dass sich Arbeitszeiten und Freizeit zunehmend überschneiden. Deshalb würde jeder Zweite gerne ohne festgelegte Zeiten und an jedem beliebigen Ort arbeiten können können.

"Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen", fordert Thomas Spreitzer. "Sonst bewerben sich die Talente woanders." Oder kehren wie Niels Fallenbeck den großen Firmen den Rücken. Er ist als Research Fellow der Fraunhofer Gesellschaft jetzt wieder in einem Arbeitsumfeld, in dem er zu großen Teilen selbst bestimmt, wann, von wo und mit welchen Geräten er arbeitet: "IT muss die Mitarbeiter unterstützen und darf sie nicht in Arbeitsabläufe zwingen, die sie behindern."

Bildquelle: www.JenaFoto24.de / pixelio.de

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