Internetnutzer im Fokus von Cyberkriminellen

Cybercrime ist eine echte Gefahr

Interview mit Helge Scherff, Geschäftsführer Deutschland bei Wick Hill, über aktuelle Methoden der Cyberkriminellen und den daraus resultierenden großen Gefahren für Internetnutzer

Helge Scherff, Wick Hill

Helge Scherff, Geschäftsführer Deutschland bei Wick Hill

IT-DIRECTOR: Herr Scherff, ist Cybercrime nicht ein von der Industrie und den Medien arg dramatisierter Begriff?
H. Scherff: Ganz im Gegenteil, Cybercrime, Cyberspionage, Cybersabotage und Cyberkriegsführung sind echte Gefahren, von denen unsere Welt mittlerweile bedroht wird. Besonders in letzter Zeit hat sich gezeigt, dass staatlich geförderte Malware-Programme mit neuen Funktionen zunehmend eine Bedrohung aus dem Internet darstellen. Die Beispiele Stuxnet und Duqu unterstreichen zudem, wie technisch fortgeschritten Militärstandardsoftware inzwischen ist. Der Schaden bei Industrieanlagen wird meist erst recht spät erkannt. Auch Internetnutzer scheinen immer stärker im Fokus der Cyberkriminellen zu stehen.

IT-DIRECTOR: Können Sie konkrete Zahlen liefern?
H. Scherff: Laut aktuellem Kaspersky-Report stieg die Zahl der Angriffe aus dem Web auch 2011 im Vergleich zum Vorjahr mit einem Plus von 63 Prozent stark an. Im Jahr 2010 kamen auf die Internetnutzer noch knapp über eine halbe Milliarde Angriffe zu, 2011 hatten sich die Zahle verdoppelt. Das bedeutet ganze 2.6 Mio. Webangriffe pro Tag. Dafür fahren die Angreifer große Geschütze auf.

IT-DIRECTOR: Welche Methoden sind bei den Angreifern besonders beliebt?
H. Scherff: Unbemerkte Infektionen nehmen die Spitzenposition ein, zum Beispiel Infektionen über den Browser mit Hilfe von Exploit-Packs. Angreifer bauen gefälschte Webseiten oder manipulieren bestehende Seiten, die dann Besucher unbemerkt mit Malware infizieren oder sie bei Drive-by-Attacken auf andere schädliche Webseiten umleiten. 35 Prozent der Angreifer nutzten dafür letztes Jahr Lücken im Adobe Reader aus. Weitere 25 Prozent der Angriffe bauen auf Fehler in der Java Virtual Machine. Erst danach kommen mit elf Prozent Systemkomponenten von Windows und mit dem Internet Explorer sind es vier Prozent.

IT-DIRECTOR: Immer wieder kommt auch das Thema Spam und Phishing auf. Ist das ein alter Hut?

H. Scherff: Keineswegs. Durch die Abschaltung großer Botnetze war das Spam-Aufkommen im letzten Jahr stark rückläufig, doch der Anteil von Mails mit schädlichen Anhängen oder Links stieg an. Angreifer gehen zudem professioneller bei Phishing-Attacken vor und Spam-Mails werden damit gefährlicher. Immer mehr E-Mails enthalten schädliche Dateianhänge oder Links. 2011 gab es hier im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 70 Prozent. Potenzielle Opfer werden mit Tricks wie Social Engineering dazu gebracht, den Dateianhang zu öffnen oder auf den angehängten Link zu klicken. Professionelle Phishing-Angreifer zielen nun auf kleine ausgewählte Gruppen, nicht auf Massenabfertigung. Dieses sogenannte Spear-Phishing nutzt originalgetreue Registrierungsformulare oder Webauftritte, sogar mit dem korrekten Namen der Opfer als Anrede.

IT-DIRECTOR: Was erwartet den Internetnutzer?
H. Scherff: Es zeigt sich eine Abnahme von traditionellen Angriffsmethoden via E-Mail mit Hilfe angehängter Office-Dokumente, die Exploits zu Sicherheitslücken enthalten. Stattdessen wird immer häufiger der Browser angegriffen. Für die insgesamt rund eine Milliarde geblockten Attacken auf Webbrowser im letzten Jahr setzten die Cyberkriminellen über vier Millionen verschiedene Domains ein und streuten ihre Schadroutinen auf diese Weise in über 198 Länder weltweit.

IT-DIRECTOR: Das Problem ist offensichtlich international. Gibt es eine globale Lösung dafür?

H. Scherff: Das war eines der Themen auf der letzten Cebit. Eugene Kaspersky vertritt beispielsweise die Meinung, besonders gefährdete Länder könnten eine internationale Cyber-Security-Organisation schaffen. Dies eliminiert dann vielleicht nicht alle Gefahren, doch würde die Lage vermutlich erheblich verbessern. Ich teilte seine Vision und wünsche mir, dass grenzübergreifende Lösungen gefunden werden, das Internet und seine Benutzer zukünftig besser vor Cybercrime-Angriffen zu schützen.

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