09.10.2017 Komplexer Markt sortiert sich neu

Das IoT nimmt Fahrt auf

Von: Siegfried Dannehl

Der wettbewerbsintensive und komplexe Markt für das Internet of Things, kurz IoT, sortiert sich momentan neu.

Das Internet der Dinge nimmt nun Fahrt auf.

Das Internet der Dinge nimmt nun Fahrt auf.

Der IoT-Markt gewinnt zunehmend an Dynamik. Immer mehr Industrieunternehmen haben ihre Planungs- und Evaluierungsphasen abgeschlossen und starten erste produktive IoT-Projekte. Obwohl die Anbieter von IoT-Plattformen noch einige  „Hausaufgaben“ erledigen müssen, sind die Erwartungen der Anwender hoch. Nach Befragungen des Marktforschungsunternehmens PAC unter 250 Business- und IT-Führungskräften aus europäischen Unternehmen der Fertigungsbranche ist der ­Wille zur digitalen Transformation stark ausgeprägt. 60 Prozent der Firmen geben an, ihre IoT-Projekte bereits gestartet zu haben und sich momentan in einer frühen, mittleren oder fortgeschrittenen Phase der Umsetzung zu befinden.

Rund 70 Prozent sehen in der Reduzierung der Betriebskosten den Hauptschwerpunkt ihrer IoT-Strategie, während für über 50 Prozent die Entwicklung von Produkten, Dienstleistungen und neuen Geschäftsmodellen im Vordergrund steht. Hier wird nach Ansicht von PAC deutlich, dass die Industrieunternehmen nach neuen Wegen suchen, ihre Jahrzehnte alten Legacy-Systeme und Prozesse zu verbessern und sich gleichzeitig in der Wertschöpfungskette nach oben zu bewegen.

IoT-Plattformanbieter sind gefordert


„Der Fokus von IoT-Initiativen verschiebt sich immer stärker von der Optimierung interner Abläufe zur Verwirklichung technologiebasierter Produkte und neuer Geschäftsmodelle. Das IoT wird somit noch entscheidender für die erfolgreiche digitale Transformation von Organisationen“, stellt Mark Alexander Schulte, Consultant bei IDC Central Europe, fest. Die Vielfalt an IoT-Plattformen reicht von Consumer-Plattformen bis zu horizontalen oder branchenfokussierten Enterprise-Plattformen. Aufgrund der vielen Anwendungsfälle, die diese Plattformen bedienen, ist ein sehr komplexer Markt entstanden. Nicht viele der am Markt verfügbaren Angebote erfüllen nach Einschätzung von Schulte jedoch wichtige Kriterien wie Offenheit des Systems, die Unterstützung von Edge Computing oder das Security Enforcement.

Das rapide Wachstum an Daten führt dazu, dass die Übertragung sämtlicher Informationen in Rechenzentren immer seltener zielführend ist. IDC erwartet, dass im Jahr 2019 bereits 40 Prozent der IoT-Daten „at the edge“, also im oder in der Nähe des vernetzten Objektes, verarbeitet und analysiert werden. „Somit entsteht eine ‚Wölkchenbildung’ mit IoT-Clouds ,at the edge‘. Firmen werden vor diesem Hintergrund zunehmend von Hardware-Herstellern eine offene IoT-Gateway-Lösung, von Communications-Service-Providern verschiedene Network-Function-Virtualization-Fähigkeiten (NFV) und von Analytics-Anbietern Funktionen ,at the edge‘ einfordern“, erwartet Schulte. Die Berater sind überzeugt, dass IoT-Anbieter ein Partnernetzwerk aufbauen müssen, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen. „Kein Anbieter wird am IoT-Markt alleine bestehen. Doch viele Provider tun sich schwer damit, ihre Rolle im IoT-Ökosystem zu finden. Letztlich werden die Partnerschaften erfolgreich sein, die Kunden einen Mehrwert bieten“, prognostiziert Schulte.

Einstiegshürden beseitigen


Unternehmen, die IoT-Lösungen einsetzen, nennen die Auswahl des Anbieters und die Integration der Lösungen als größte Herausforderungen. Laut Gartner werden bis 2018 rund 75 Prozent der IoT-Projekte doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen wie ursprünglich geplant und somit deutlich teurer werden.

Abhilfe versprechen integrierte IoT-Lösungen, bei denen unterschiedliche Anbieter ihre Expertisen kombiniert haben. So haben VMware und Adlink im August 2017 eine IoT-Partnerschaft angekündigt. Adlink baut auf seinem Expertenwissen im Bereich Embedded Computing auf und bietet die Hardware und erweiterte edge-fähige Software-Funktionalitäten, die für die Konnektivität unterschiedlicher Anbieter und Standards bei End-to-End-IT-Lösungen benötigt werden. Das kürzlich angekündigte „VMware Pulse IoT Center“ werde das Monitoring, Management und die Sicherheitsanforderungen für eine IoT-Infrastruktur von Edge bis in die Cloud bereitstellen. Die Komplexität der IoT-Infrastruktur soll auf diese Weise verringert, Zuverlässigkeit  und Sicherheit sollen verbessert werden. Zudem beschleunigt die IoT-Plattform die Amortisierung von IoT-Anwendungen, indem sie den Einsatz und die Skalierung von IoT-Projekten rationalisiert.

Auch Atos, als Anbieter digitaler Services, und Dell EMC wollen gemeinsam die wachsenden Märkte des Internet of Things und der Business Analytics erschließen. Die im Mai verkündete Kooperation basiert auf der Hard- und Software von Dell EMC sowie auf Atos Codex, einer Analytics-Lösung mit verschiedenen Funktionen für das Entwerfen, Erstellen, Ausführen und Sichern von Smart-Data-Services, Datenplattformen und IoT-Netzwerken. Die Anbieter arbeiten zusammen an einem Framework für das IoT-Servicemanagement – den „Atos Codex IoT Services“.

Dieser enthalte eine Reihe von Serviceleistungen, einschließlich der Verwaltung von Geräten, Konnektivität, Daten und Speicher. Auch Änderungs- und Versionskontrolle, Störfallmanagement, Service Desk und Support sowie bessere Handlungsfähigkeit bei Ausfällen und Störungen sollen abgedeckt werden. Diese Services werden in benutzerdefinierten Stufen bereitgestellt, einschließlich der erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen für Zugriffsverwaltung und Datenverschlüsselung. Der Framework definiert zudem eine Grundlage für die Architektur, die Hardware-, Software- und Servicelösungen beider Anbieter enthält.

Schnelle Implementierung


Daneben stehen Beratungshäuser und Systemintegratoren wie Reply den IoT-Einsteigern mit gezielten Angeboten zur Seite. „Für viele Unternehmen ist Industrie 4.0 noch nicht viel mehr als ein reines Schlagwort“, meint Clemens Weis, Partner bei Reply. „Aus diesem Grund haben wir einen mehrstufigen Ansatz entwickelt, der Industrieunternehmen hilft, dieses abstrakte Konzept aufzubrechen, und ihnen vor Augen führt, wo sie heute stehen.“ Von dieser Basis aus will der Anbieter realisierbare Schritte konkretisieren, mit denen sich das Potential der Digitalisierung in der Fertigungsindustrie ausschöpfen lässt.

Außerdem entstehe eine Roadmap für Industrie 4.0, die auf die jeweilige Situation des Kunden und dessen Ziele zugeschnitten ist – von der Optimierung und Neudefinition von Prozessen zur Effizienzsteigerung bis hin zur Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle zur Erschließung neuer Märkte, so Clemens Weis. Auch Fujitsu hat das Ziel, die digitalen Transformationsprojekte seiner europäischen Kunden massiv zu stärken. Das Unternehmen vereint hierzu seine Kompetenzen im Bereich des „industriellen IoT (IIoT)“ und bündelt diese im neuen Industrie 4.0 Kompetenzzen-trum mit Hauptsitz in München. Dezidierte Experten beraten und implementieren die Services der digitalen Transformation für alle industriellen Anwendungen gemeinsam mit den Kunden. So sollen individuelle Lösungen für intelligente Fabriken und Fertigungsanlagen entwickelt werden.

Industrie-4.0-Anwendungen berühren viele Aspekte der täglichen Geschäftsprozesse, von der Remote-Überwachung der Maschinen bis hin zu einem sogenannten „digitalen Zwilling“, einer detaillierten Simulation aller Prozesse in Echtzeit, die auf einer Produktionsstraße laufen. Fujitsu bietet nach eigenen Angaben ein umfassendes Portfolio von Services und Cases, mit denen diese komplexen Aufgaben umgesetzt werden können. Die Möglichkeiten reichen von Collaborative Engineering und Systemintegration bis hin zur großen Auswahl an IoT-Edge-Geräten und -Systemen. „Das Internet of Things ist der elementare Faktor, ohne den die Industrie 4.0 nicht umgesetzt werden kann“, meint IDC-Consultant Mark Alexander Schulte. Für deutsche Unternehmen ist die Gewährleistung der Sicherheit und Compliance nach seinen Erfahrungen weiterhin die größte Herausforderung im Hinblick auf IoT-Initiativen. „Firmen müssen die IoT Security umfassend angehen, die zu beachtenden Felder sind vielfältig. Hierzu zählen die Absicherung von IoT Gateways, das Configuration und Patch Management, die ,Härtung‘ des IoT Endpoints oder das IoT Endpoint Monitoring“, so Schulte. Dafür werden IoT-Anwendern in Kürze auch neue Tools zur Verfügung stehen. So beobachtet IDC, dass die grundlegenden Prinzipien von Blockchain auch auf IoT-Projekte übertragen werden, beispielsweise um IoT-Transaktionen zu belegen und abzusichern. Die Analysten prognostizieren, dass im Jahr 2019 bereits in 20 Prozent aller IoT Deployments grundlegende Blockchain-Dienste Anwendung finden werden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Weitere positive Impulse für die Marktentwicklung bei IoT-Projekten werden nach Ansicht der Marktforscher Open-Data-Plattformen liefern. Immer häufiger fließen in IoT-Initiativen nicht nur unternehmensinterne Daten in die Wertschöpfungskette ein, sondern auch Informationen, die von Lieferanten, Partnern und Kunden stammen. Integrationsfähigkeiten sowie die Interoperabilität von unterschiedlichen Systemen gewinnen daher stark an Bedeutung.  Angesichts der Marktdynamik erwartet Schulte auf Anwenderseite eine steigende Investitionsbereitschaft in IoT-Lösungen. Für IoT-Hardware- und Software-Hersteller, Connectivity Provider, Beratungsfirmen und IT-Dienstleister bieten sich daher gute Wachstumschancen.


Augen auf bei der Wahl der IoT-Anbieter

Der Markt für IoT-Plattformen in Deutschland ist dynamisch und hart umkämpft. Angesichts der stark gestiegenen Zahl von Anbietern zeigt sich dem Kunden ein vielfältiges, gleichzeitig aber auch unübersichtliches Bild. Die folgenden Kriterien sollten Anwender bei der Festlegung auf eine IoT-Plattform beachten:

  •   Die Integrationsfähigkeit von Daten aus unterschiedlichen Quellen sollte gewährleistet sein.
  •   Der Anbieter sollte die Analyse-Tools innerhalb der Objekte bereitstellen können, da in Zukunft Analytics-Kapazitäten verstärkt „at the edge“ integrieren werden müssen.
  •   Authentifizierungsservices sollten unbedingt in den Lösungen enthalten sind, um zu gewährleisten, dass trotz einer unternehmensübergreifenden Vernetzung die richtigen Personen die richtigen Daten im richtigen Kontext zur Verfügung haben.
  •   Anbieter sollten Referenzen und branchenspezifische Kompetenzen vorweisen können. Auf diese Weise können Kunden von Best Practices profitieren und einen schnelleren ROI sowie eine verkürzte Time to Market realisieren.

Quelle: Laura Hopp, Consultant bei IDC Central Europe


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