29.10.2014 Digitale Wahlen: Interview mit Manfred Traeger, Iris

Das Potential von DMS-Lösungen

Von: Ina Schlücker

Interview mit Manfred Traeger, Sales Director Outsourcing Services bei der Iris AG, über das Potential von Scan- und Dokumenten-Management-­Lösungen im Wahlverfahren

Manfred Traeger, Iris AG

Manfred Traeger, Iris AG

IT-DIRECTOR: Herr Traeger, im vergangenen Jahr kooperierte Ihr Unternehmen mit Scytl, einem Spezialisten für Onlinewahlen. Welche Rolle spielen Ihre Lösungen im Rahmen dieser Partnerschaft?
M. Tr
aeger: Scytl besitzt eine umfassende Expertise im Wahlmanagement und kann mit ihrer E-Election Platform alle Wahlprozesse technisch unterstützen, so etwa die Verwaltung des Wahlregisters, das Training der Wahlhelfer oder die Abläufe in den Wahllokalen und Auswertungszentren. Vor zwei Jahren bekam der Anbieter den Auftrag, die Umsetzung der Wahlen in Ecuador und Honduras zu begleiten. Um die Prozesse weiter zu optimieren, suchte man einen Partner, der die Wahlauswertung beschleunigt – unser technologisches Know-how in der automatisierten Datenextraktion passte hervorragend. Beide Wahlen erfolgten mit Stimmzetteln, die in den Wahllokalen manuell ausgezählt wurden. Die resultierenden Wahlberichte wurden anschließend gescannt und mit unserer Datenerfassungslösung IrisX­tract for Documents weiterverarbeitet, in Ecuador dezentral über 105 regionale Verarbeitungszentren, in Honduras zentral über das nationale Wahlzentrum. Die Wahlergebnisse konnten durch die Automatisierungsunterstützung mit geringem manuellen Aufwand schnell und zuverlässig erfasst und für weitere Auswertungen zur Verfügung gestellt werden.

IT-DIRECTOR: Bei Wahlvorgängen handelt es sich um sehr sensible Bereiche – wie gewährleisten Sie in diesem Zusammenhang die Sicherheit?
M. Tr
aeger: Die Sicherheit der Wahlvorgänge wird durch ein organisatorisches und technisches Gesamtkonzept gewährleistet, das den rechtlichen Vorgaben entspricht und mit den staatlichen Einrichtungen sowie den relevanten politischen Kräften abgestimmt ist. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch, was unter den gegebenen lokalen Rahmenbedingungen technisch tatsächlich machbar ist. Nach unseren Erfahrungen gibt es kein universelles Konzept, sondern eine individuelle Lösung, die die konkreten Anforderungen erfüllt und bei allen Beteiligten Akzeptanz findet.

Die technische Basis für die Durchführung der Wahlen bildet Scytls Sicherheitstechnologie, die den Datenaustausch zwischen den verarbeitenden Systemen und auch die Daten- und Prozessprotokolle gegen Manipulation schützt, so dass während und nach dem Wahlvorgang die korrekte Durchführung über Plausibilitätsprüfungen transparent nachgewiesen werden kann. Wir haben unsere Erfassungslösung in diese Infrastruktur integriert, protokollieren sämtliche Vorgänge, nutzen ein Vier- oder Sechs-Augen-Prinzip in der manuellen Nacherfassung und stellen sicher, dass die Informationen über Parteien, Kandidaten und deren Auszählungsergebnisse nur von autorisierten Personen eingesehen werden können.

IT-DIRECTOR: Für Endnutzer werden das Internet sowie mobile Endgeräte immer beliebter und wichtiger – wie kann man solche Kanäle optimal in Wahlvorgänge einbetten?  
M. Tr
aeger: Wenngleich die Integration von internetfähigen Endgeräten in einen rein digitalen Wahlprozess keine große technische Herausforderung darstellen sollte, ist unseres Erachtens eine einfache und ausreichend sichere Authentifizierung des Wählers kritisch. Gleiches gilt sicherlich auch für die Datensicherheit, wenn die Endgeräte nicht nur ausschließlich für Wahlzwecke verwendet werden.

IT-DIRECTOR: Mit Scytl waren Sie vor allem bei Wahlen in Südamerika aktiv. Welche Bestrebungen bezüglich einer elektronischen Abbildung der Wahlvorgänge gibt es in Europa sowie insbesondere in Deutschland?
M. Tr
aeger: Die elektronische Wahl wird in Europa viel diskutiert. Experten nehmen an, dass die Digitalisierung Kosten senkt und etwa eine Distanzabstimmung zu einer höheren Wahlbeteiligung führt. Demgegenüber bestehen aber Bedenken hinsichtlich der Geheimhaltung, unerkannter Manipulationen, mangelnder Transparenz und der Verletzung demokratischer Prinzipien, weil die Nachvollziehbarkeit nicht sichergestellt werden kann.

In Deutschland hat dazu das Bundesverfassungsgericht bereits 2009 eindeutig Stellung bezogen und die Hürden sehr hoch gelegt. In einigen anderen europäischen Ländern kommt man jedoch zu progressiveren Gesamtbewertungen – letztlich führt man nicht nur eine technologische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Diskussion. Wir verfolgen keine vollständige elektronische Abbildung, sondern möchten eine traditionell durchgeführte Wahl mit Automatisierungstechnologien unterstützen. So hoffen wir aufzuzeigen, dass in Europa und Deutschland Wahlprozesse weiter optimiert werden können, ohne die etablierte Vorgehensweise in Frage zu stellen.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren Projekte planen Sie in diesem Bereich?
M. Tr
aeger: Momentan arbeiten wir an einem Pilotprojekt, bei dem wir über E-Mail eingehende Wahlbelege mit Hilfe digitaler Bild­optimierung aufbereiten und einer automatisierten Verarbeitung zuführen. Darüber hinaus laufen aktuell Projektakquisen – gemeinsam mit Scytl wollen wir weitere Erfahrungen sammeln und unser Lösungsangebot ausbauen.

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