Unterforderte Mitarbeiter sind nicht produktiv
Die erstaunlichste Erkenntnis des Jahres: Arbeitsverdichtung ist immer noch im Trend. Doch wer seine Vernunft einsetzt, kommt schnell zu dem Schluss: In Extremform führt das zu schlechter Arbeit. Mal sind
Leben gefährdet, mal die
Gesundheit der Mitarbeiter.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat genauer
hingesehen und stellt fest: 52 Prozent der Beschäftigten müssen sehr häufig oder oft gehetzt arbeiten. 63 Prozent geben an, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. Das sind die zentralen Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativbefragung unter rund 6.000 Arbeitskräften.
"Die psychischen Belastungen durch Arbeitsstress, Arbeitshetze und Arbeitsintensivierung sind so hoch, dass die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gefährdet sind", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Doch nicht nur Hetze senkt die Produktivität der Mitarbeiter, oft ist auch Unterforderung der Grund.
Von jedem Sechsten wird im Beruf nicht das gefordert, was er gelernt hat. Eine
Studie der Uni Hohenheim im Auftrag der IG Metall Baden-Württemberg zeigt das Ausmaß der "inadäquaten Beschäftigung". Demnach schlummern in vielen Firmen ungenutzte Talente, weil Mitarbeiter ihr gelerntes Fachwissen schlicht nicht anbringen können.
Mehr als jeder sechste Beschäftigte (17,6%) ist überqualifiziert - gemessen an seinen Aufgaben im beruflichen Alltag. Bei Akademikern ist der Anteil sogar etwas höher (18,9%). Am besten kommen noch die Absolventen von Studiengängen in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften sowie die Ingenieure weg: Hier arbeiten 90,5% und 88% (Ing.) genau in ihrem angestammten Fachbereich.
In den Unternehmen gibt es also in Sachen Knowhow enorm hohe Reserven, die leicht nutzbar gemacht werden könnten. Der viel beschworene Fachkräftemangel ist vermutlich zu einem gewissen Teil selbst gemacht, denn häufig kommen beide Effekte zusammen: Unterwertige Beschäftigung sowie eine als öde und hektisch empfundene Arbeitsroutine führen oft zu "Dienst nach Vorschrift" und innerer Kündigung.
Die Probleme sind seit Jahren bekannt: Präsenzfetischismus, Meeting-Zirkus und Prozesse mit der Biegsamkeit von Gusseisen. Da zeigen sich die Unternehmen weniger anpassungsfähig, als sie es von ihren Mitarbeitern verlangen. Die sind längst weiter und haben die seit Jahren geforderte Flexibilität verinnerlicht.
Nach einer ebenfalls gerade erschienen
Studie der Experis, einer Tochtergesellschaft des Personaldienstleisters ManpowerGroup, können sich fast drei Viertel (73%) der Befragten vorstellen, auf Projektbasis für verschiedene Unternehmen zu arbeiten. Allerdings: Die Projektarbeiter fordern auch etwas von den Unternehmen, nämlich leistungsgerechte Bezahlung und eine ausgeglichene Work-Life-Balance.
"Unternehmen profitieren von der Flexibilität der deutschen Arbeitnehmer, weil sie ihre personellen Ressourcen durch projektbasierte Beschäftigung besser den wirtschaftlichen Entwicklungen anpassen können", erklärt Vera Calasan, Geschäftsführerin der ManpowerGroup Deutschland. "Vor allem im hochqualifizierten Bereich wird der Bedarf an flexiblen Mitarbeitern weiter wachsen."
Das könnte nicht wandlungswillige Unternehmen in Zukunft vor Probleme stellen. Auch der Führungsnachwuchs ist nicht mehr ohne weiteres bereit, für eine Karriere vollkommen auf ein Privatleben zu verzichten. Das ist sogar schon bis in die oberen Führungsebenen einiger Unternehmen vorgedrungen:
Elternzeit als Karrierebaustein.
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