ICANN schaltet gTLDs frei

Die brandneuen Top-Level-Domains

Interview mit Bernd Beiser, Geschäftsführer bei Net Names Deutschland, über Chancen und Risiken der neuen generischen Top-Level-Domains (gTLD) sowie den dadurch entstehenden Handlungsbedarf für Unternehmen

Bernd Beiser, Net Names Deutschland

Bernd Beiser, Geschäfts­führer bei Net Names Deutschland

IT-DIRECTOR: Herr Beiser, noch dieses Jahr wird die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, kurz ICANN, damit beginnen, sogenannte generische Top-Level-Domains zu vergeben. Was genau steckt hinter diesem Vorgehen?
B. Beiser:
Zwischen Januar und April 2012 wurden bei der ICANN von Unternehmen über 1.900 Anträge für die neuen Top-Level-Domains eingereicht. In Kürze beginnt die Organisation nun damit, diese Domains freizuschalten. Während der 60-tägigen sogenannten „Sunrise-Phasen“ werden dabei zunächst nur Domains von den Firmen freigeschaltet, die ihre Marken im „Trademark Clearinghouse“ (Definition siehe Kasten) registriert haben. Im Anschluss daran werden viele der neuen Top-Level-Domains für jedermann angeboten. So kann man davon ausgehen, dass beispielsweise bald das Suffix .shop freigeschaltet wird. Vor allem E-Commerce-Anbieter werden dabei eine Domain mit dem eigenen Firmennamen und dem Suffix .shop nicht unbedingt in fremden Händen wissen wollen.

IT-DIRECTOR: Wodurch zeichnen sich die neuen Domains aus?
B. Beiser:
Bisher gab es drei verschiedene Arten von Endungen: generische Top-Level-Domains wie .com oder .net, länderspezifische wie .de oder .uk sowie gesponserte wie .mobil oder .jobs – insgesamt sind es aktuell etwa 300 Stück. Gemäß dem ICANN-Programm von Anfang 2012 werden künftig nun erheblich mehr Domain-Namen zur Verfügung stehen. Wie erwähnt hatte die Organisation für die Vergabe der neuen Top-Level-Domains im vergangenen Jahr zur ersten Bewerbungsrunde aufgerufen. Am 17. Dezember 2012 fand die anschließede Auslosung statt, in deren Rahmen die Reihenfolge der Zulassung festgelegt wurde.

Experten gehen aktuell davon aus, dass in den kommenden zwei Jahren rund 1.250 neue generische Top-Level-Domains vergeben werden – das sind etwa 20 neue Domain-Endungen pro Woche. Auf dem ersten Platz befindet sich beispielsweise die Domain „.katholisch“ auf Mandarin, die auf eine Bewerbung des Vatikans zurückzuführen ist.

IT-DIRECTOR: Warum ist das Verfahren so wichtig?
B. Beiser:
In erster Linie wollen Unternehmen ihre Marke(n) gegenüber missbräuchlichen Domain-Regis­trierungen durch Dritte geschützt wissen. Ein erster Schritt ist daher eine „defensive“ Registrierung im Zusammenhang mit dem Firmen- und/oder Markennamen: So haben die Verantwortlichen die Möglichkeit, Domain-Namen mit ihren Marken zu sichern, bevor diese dem breiten Publikum zum Kauf zur Verfügung stehen.

Allerdings gilt: Wer nicht frühzeitig über seine Domain-Strategie nachgedacht und sich für eine neue Top-Level-Domain beworben hat, wird noch eine ganze Weile warten müssen. Denn aktuell gehen Branchenkenner davon aus, dass ein zweites Bewerbungsverfahren nicht vor 2015 eingeläutet wird. Dadurch könnten Wettbewerbsnachteile gegenüber weitsichtigeren Konkurrenten entstehen, die bereits im ersten Bewerbungslauf eine neue Domain beantragt haben.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt das Trademark Clearinghouse und welche Aufgaben übernimmt es?
B. Beiser:
Das Trademark Clearinghouse übernimmt eine zentrale Aufgabe: Unternehmen können sich dort registrieren und ihre Marken- und Unternehmensnamen somit vor Missbrauch schützen. Schutz können sie einerseits über die reine Beobachtung erreichen: ‚Welche Anbieter zeigen Interesse an den Namen im Zusammenhang mit den neuen TLDs?’. In diesem Falle können die Verantwortlichen reaktiv vorgehen. Andererseits übernimmt das Trademark Clearinghouse die Authentifizierung und Validierung beantragter TLDs im Zusammenhang mit Marken- und Unternehmensnamen. Darüber hinaus soll die Institution als Vermittler zwischen den Parteien dienen.

IT-DIRECTOR: Welche Chancen ergeben sich für Unternehmen durch die neuen Domains?
B. Beiser:
Unternehmen können diese gezielt für ihre Markenstrategie nutzen und ihr Markenprofil schärfen – indem sie firmen- oder sektorspezifische Endungen entwickeln. Zudem ermög­lichen die neuen Domains mehr Kontrolle und  Sicherheit bei der Onlineverwendung der Marke oder könnten vielleicht sogar als Auslöser bzw. Chance dienen, eine Marke umzubenennen.

IT-DIRECTOR: Was sollten Unternehmen, die die erste Bewerbungs­phase verpasst haben, schnellstmöglich tun?
B. Beiser:
Sie sollten sich umgehend und umfangreich bei der ICANN oder einem Registrar ihres Vertrauens informieren, um ein Bewusstsein für die Chancen sowie Risiken der neuen ­Domains zu entwickeln. Zudem sollten sie sich klar darüber ­werden, ob sie ihren Markenschutz erweitern oder die Möglichkeiten ausschöpfen wollen, die durch die neuen Domains entstehen. In diese Überlegung sollte auch das Trademark Clearinghouse integriert werden. Bei alldem müssen die Verantwort­lichen die Kosten im Blick behalten: Die neuen Top-Level-­Domains können sehr kostspielig werden, nicht zuletzt auch aufgrund der immensen Anzahl. Letztlich bedeuten sie jedoch nichts anderes, als dass Firmen ihre Domain-Namen- wie ­Markenstrategie gründlich überprüfen und gegebenenfalls auch überarbeiten müssen.

 

Das Trademark Clearinghouse
Das Trademark Clearinghouse wurde von der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) als Kontrollorgan ins Leben gerufen. Es soll Firmen die Möglichkeit geben, ihre Markennamen als Top-Level-Domains zu registrieren sowie in einer digitalen Datenbank zu speichern. Diese Datenbank wird dann während des obligatorischen Validierungsprozesses von jeder neuen Top-Level-Domain aufgerufen. Die Idee dahinter ist, dass Markeninhaber ihre Brands in einem Organ registrieren müssen, um neue Top-Level-Domains gegen Markenverletzung zu schützen.
Im Internet: www.trademarkclearinghouse.se/de

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