Lenovo Thinkpad X1
Was Japan für die Unterhaltungselektronik war, könnte in der PC-Herstellung China sein: Eine aufstrebende Wirtschaft übernimmt ein ganzes Industriesegment, weil sie besser, billiger und stärker entlang der Kundenwünsche produzieren kann. Doch das ist noch Zukunftsmusik, denn bislang ist Chinas Marktführer Lenovo erst die Nummer Drei der Hersteller.
Billigplunder ist es nicht, was der Konzern baut. “Der X1 ist einer der besten derzeit erhältlichen Notebooks”, urteilt Dr. Michael Spehr, IT-Fachredakteur bei der FAZ, über ein aktuelles Lenovo-Modell. Mit solchen Produkten erzielt der global agierende Konzern mit Hauptsitzen in den USA, China und Singapur gigantische Wachstumsraten. Im ersten Quartal 2011 wuchs der Absatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 16,6 Prozent.
Lenovo war bei seiner Gründung 1984 noch ein reiner China-Vertrieb für IBM und HP. Doch das Unternehmen begann bald mit der Herstellung eigener Rechner und erreichte schnell eine starke Position in China. Bis Mitte des letzten Jahrzehnts rangierte das Pekinger Unternehmen auf dem Weltmarkt allerdings noch unter “ferner liefen”.
Dann gelang dem Management 2005 ein Coup. Lenovo kaufte die gesamte PC/Notebook-Sparte von IBM. Dadurch rückte Lenovo auf Platz 4 im Weltmarkt. Die gesamte Top 10 der PC-Hersteller ist durch Firmen aus den USA und Asien bestimmt. Die asiatischen Unternehmen werden aber immer stärker. Nach dem Weltmarktführer HP kommt mit Acer auf Platz 2 direkt ein taiwanesischer Hersteller.
Lenovo hat sich durch die Übernahme von Medion auf den dritten Platz vorgeschoben. Das Unternehmen mit Firmensitzen in Peking, Singapur und den USA bietet für Medion13 Euro pro Aktie. Das entspricht einem Wert von 629 Millionen Euro und ist gut die Hälfte des Preises für die PC-Sparte von IBM (1,3 Mrd. €).
Der Einkauf schließt vorläufig eine Runde an Firmenübernahmen ab, bei denen asiatische Konzerne nach und nach die mittelgroßen Hersteller eingliederten. Durch den Medion-Verkauf gibt es nun keinen selbstständigen (großen) PC-Hersteller in Europa mehr.
Die Übernahmen der letzten Jahre sind nur der vorläufige Schlusspunkt einer Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet. Bereits kurz nach der Einführung des IBM-PC überschwemmten taiwanesische Hersteller den Weltmarkt mit kompatiblen Billigkisten, die bei der Masse der Privatanwender klaglos ihren Dienst versahen. Andere asiatische Hersteller aus Korea und China folgten diesem Trend.
Dadurch entstand ein Preisdruck, der dazu führte, dass praktisch alle noch bestehenden nicht-asiatischen Hersteller in Asien produzieren lassen - vor allem in China. Zugespitzt ausgedrückt: Die Unternehmen konzipieren den PC anhand der Marktsituation, beauftragen mindestens die Hauptkomponenten “kosteneffizient” in Asien und kleben zum Schluss das eigene Logo darauf.
So in etwa sieht auch die Erfolgsgeschichte von Medion aus. Der Hersteller produziert und vertreibt vor allem PCs, Navis und Unterhaltungselektronik, die bei Aldi verkauft werden. Noch immer ist der Discounter einer der wichtigsten Kunden. Das 1983 gegründete ging 1998 an die Börse und war lange Zeit sehr erfolgreich.
Im Jahr 2003 lag der Umsatz bei drei Milliarden Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern bei knapp 180 Millionen Euro. Dann geriet der Hersteller durch die zu große Abhängigkeit von Aldi in in eine Krise, die noch nicht ganz ausgestanden ist. 2010 setzte die AG rund 1,6 Milliarden Euro um und hatte einen Gewinn von (nur) etwa 28 Millionen Euro.
Auch die Strategie, auf erweitere Dienste (“Aldi Talk”) zu setzen, half dem Unternehmen nur bedingt. Trotzdem hat Medion eine recht starke Position auf dem europäischen Markt, gerade durch die enge Anbindung an Aldi. Da ist es nicht verwunderlich, dass Lenovo Medion als interessanten Kauf einstufte. Neben einem beachtlichen Marktanteil in Deutschlands PC-Markt (14%) ist sicher auch der Bereich Unterhaltungselektronik interessant.
Möglich, dass dies nicht die letzte Übernahme europäischer Firmen durch die immer stärker werdenden Konzerne mit asiatischen Wurzeln ist. Sie agieren geschickt genug, um wie Lenovo von vornherein als Weltkonzern aufzutreten. Und eine solide Basis haben diese Unternehmen - denn schließlich ist der chinesische Staat fast immer einer der Hauptanteilseigner.
Bildquelle: Lenovo