15.12.2015 Interview: Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft

Die Hürden auf dem Weg zur Medizin 4.0

Von: Arne Stuhr

Jedes zweite Krankenhaus erwartet schon in den nächsten Jahren eine starke Digitalisierung seiner medizinischen Leistungen, wie die Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“ der Personalberatung Rochus Mummert Healthcare Consulting zeigt. Wir sprachen mit Studienleiter Dr. Peter Windeck über die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft.

Dr. Peter Windeck ist Geschäftsführer der Personalberatung Rochus Mummert Healthcare Consulting in Hannover.

IT-DIRECTOR: Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“?
Dr. Peter Windeck:
Wir haben mehr als 300 Geschäftsführer und medizinische Leiter an deutschen Krankenhäusern befragt und dabei festgestellt, dass zwei von drei Führungskräften unbedingt in einem stärker digitalisierten Umfeld arbeiten möchten. Ein weiteres Viertel kann sich dies zwar vorstellen, bittet aber um etwas weniger Tempo bei der Umsetzung. Der Knackpunkt ist: Hier zu Lande steckt die sogenannte „Medizin 4.0“ noch in den Kinderschuhen. Nur 28 Prozent der deutschen Krankenhäuser besitzen bereits eine umfassende Strategie, wie sie die digitale Transformation in der Gesundheitswirtschaft meistern wollen.

IT-DIRECTOR: Und was tut der Rest?
Windeck:
Die meisten anderen Kliniken beginnen zumindest damit, sich auf die Nutzung der modernen Informationstechnologien einzustellen. So haben 46 Prozent der Studienteilnehmer bereits digitale Einzelprojekte eingeführt, die auch im Alltag funktionieren, und bei weiteren zehn Prozent laufen noch nicht abgeschlossene Testprojekte. Nur acht Prozent der Befragten befassen sich bislang noch nicht mit dem Thema „Medizin 4.0“.

IT-DIRECTOR: Was verstehen Sie unter diesem Schlagwort?
Windeck:
„Medizin 4.0“ ist die Medizin der Zukunft. Die Digitalisierung und Industrialisierung der Prozesse zieht in die Kliniken ein, was zum einen die medizinische und pflegerische Versorgung der Patienten massiv verändern wird, zum anderen die administrativen Arbeitsabläufe.

In der Praxis bedeutet das beispielsweise die Einführung der elektronischen Patientenakte. Dahinter steht jedoch viel mehr als die Anschaffung einiger Tablets für die tägliche Visite: Es gibt immer eine technische und eine führungstechnische Komponente. Eine durchgehend digital geführte Patientenakte erfordert etwa eine flächendeckende WLAN-Infrastruktur - das ist die technische Seite. Der erste Schritt in diese Richtung aber ist die Unterstützung aus der gesamten Klinik-Organisation, also auch aus dem Management.

Doch der Alltag in etlichen deutschen Krankenhäusern sieht meist noch anders aus. Obwohl sie die technischen Voraussetzungen für die elektronische Patientenakte besitzen, dokumentieren sie ihre Patientendaten noch immer parallel auf Papier, so als sei die Digitalisierung ein isoliertes IT-Projekt.

IT-DIRECTOR: Welche Gründe sehen Sie für solche Verhaltensweisen?  
Windeck:
Es liegt vor allem am fehlenden digitalen Know-how der Spitzenkräfte - einem der größten Stolpersteine auf dem Weg zur „Medizin 4.0“. Unsere Studie zeigt, dass jede dritte Klinik diesen Punkt als ein wesentliches Hindernis sieht.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet das für die künftigen Jobprofile in der Gesundheitswirtschaft?
Windeck:
Digital-Know-how wird in Zukunft verstärkt zum Einstellungskriterium für Spitzenkräfte werden – und zwar für kaufmännische und medizinische Positionen. Außerdem wird die Umsetzung der Digitalisierung Teil der Zielvereinbarungen werden. Davon gehen 44 Prozent der Befragten aus. Überdies erwarten nahezu zwei von drei Kliniken, dass ihre Manager künftig noch stärker als Kommunikatoren gefragt sein werden. Neben einem ausgeprägten Kommunikationstalent brauchen die Manager Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit, Kreativität und Analysefähigkeit. Die gute Nachricht: Die Spitzenleute erkennen zunehmend selbst, dass sie sich bewegen müssen, um Teil der Lösung zu werden statt Teil des Problems zu sein.

IT-DIRECTOR: …mit anderen Worten: Die Manager sind nicht das einzige Hindernis?
Windeck:
Genau. Bei 65 Prozent der Kliniken sind zu geringe finanzielle Mittel der größte Stolperstein auf dem Weg zur „Medizin 4.0“. Dazu kommen bei 41 Prozent der Befragten interne Widerstände aus Angst vor Veränderung und bei weiteren 38 Prozent fehlende Unterstützung durch die Kostenträger sowie die Politik.

IT-DIRECTOR: Es gilt also, noch etliche Hürden zu überwinden. Womit sollten die Kliniken beginnen?
Windeck:
Sie sollten beim fehlenden digitalen Know-how ansetzen. Wir empfehlen den Spitzenkräften, sich und ihre Häuser sowohl technologisch als auch organisatorisch und von der Führungskultur her fit für die „Medizin 4.0“ machen. Denn das Potential wird durchaus schon heute erkannt. So bezeichnen mindestens acht von zehn Kliniken den Einkauf und die Verwaltung als geeignet für die Digitalisierung, und etwa jede zweite Klinik bescheinigt dies auch bereits der ärztlichen Versorgung sowie der Pflege der Patienten. Die Medizin der Zukunft hat also längst begonnen.

 

 

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