Interview mit Hermann Stehlik, Epicor

Die neue Flexibilität

Interview mit Hermann Stehlik, Regional Vice President für Zentraleuropa bei dem Softwarehaus Epicor, über einfach konfigurierbare ERP-Prozesse und die damit verbundene Flexibilität im Standard

Hermann Stehlik, Epicor

Hermann Stehlik, Epicor

IT-DIRECTOR: Herr Stehlik, welche Trends erkennen Sie aktuell im ERP-Markt?
H. Stehlik:
Insbesondere große internationale Unternehmen verfolgen im ERP-Bereich eine Two-Tier-Strategie. Dies bedeutet, dass sie ein mächtiges ERP-System zentral betreiben und darunter ein kleineres, kostengünstigeres System für ihre Filialen und Niederlassungen aufsetzen.

IT-DIRECTOR: Wobei das Zusammenspiel bzw. der Datenaustausch zwischen den Systemen reibungslos funktionieren muss ...
H. Stehlik:
Es reicht die einmalige Etablierung einer passenden Schnittstelle aus, um die Daten stets konsolidiert im Hauptsystem vorzuhalten. Der Vorteil: Im Vergleich zu mächtigen Zentralsystemen sind die Implementierungs- und Supportkosten für schlanke Tier-2-ERP-Installationen geringer. Unternehmen fahren mit diesem Konzept vielfach kostengünstiger.

IT-DIRECTOR: Welche Technologien dominieren derzeit den ERP-Bereich?
H. Stehlik:
Wir bemerken eine verstärkte mobile Ausrichtung der Unternehmen, die Mitarbeiter erhalten per Smartphone oder Tablet von überall aus Zugriff auf wichtige Firmendaten. Zwar gilt es noch, die eine oder andere Sicherheitsfrage in den Griff zu bekommen, grundsätzlich wollen viele Firmen jedoch über kurz oder lang verstärkt mit mobilen Geräten arbeiten.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns ein Anwendungsbeispiel ­nennen?
H. Stehlik:
Insbesondere Geschäftsführer und Vorstände wollen auch unterwegs den Überblick über wichtige Kennzahlen wie Cashflow, Auftragslage, Produktionsauslastung oder Lagerbestand behalten. Dafür reicht eine Mobillösung für den Finanzbereich allein nicht aus, vielmehr müssen sämtliche Zahlen aus dem ERP-Umfeld einsehbar sein.

Neben der Mobility-Fähigkeit sollten moderne ERP-Technologien eine möglichst große Flexibilität bieten. In diesem Fall sprechen wir von einem „adaptiven ERP-System“. Der Hintergrund ist dabei folgender: Der Lebenszyklus einer ERP-Lösung beträgt in Deutschland zwischen zehn und fünfzehn Jahren. Innerhalb dieser Zeitspanne müssen die Geschäftsprozesse stets an sich ändernde Marktbedingungen angepasst werden. Dies sollten die IT-Verantwortlichen ohne aufwendige Neuprogrammierungen bewältigen können. „Adaptiv“ bedeutet also, dass die Anwender mit ihrem ERP-System unkompliziert auf neue Anforderungen reagieren und Geschäftsprozesse abbilden können.

IT-DIRECTOR: Mit einer service-orientierten Architektur (SOA) als Basis sollte dies heute kein Problem mehr darstellen, oder?
H. Stehlik:
Existierende ERP-Landschaften basieren zumeist auf starren Architekturen, die im Laufe der Zeit notdürftig weiterentwickelt bzw. um die eine oder andere Komponente ergänzt wurden. Mit unserer Technologie erhalten die IT-Verantwortlichen ein flexibles, SOA-basiertes ERP-System, das ergänzende Komponenten nahtlos integriert und Prozesse über Konfigurationen abbildet. Von daher gibt es bei der Integration neuer Geschäftsprozesse keine Unterbrechung in den Abläufen und man kann Änderungen sozusagen „on the fly“ vornehmen.

IT-DIRECTOR: Was passiert, wenn ein Anwenderunternehmen auf ein neues Release umsteigen möchte? Müssen alle konfigurierten Änderungen nochmals vorgenommen werden?
H. Stehlik:
Ein solches Vorgehen ist nicht mehr notwendig, da das Update allein das Kernsystem betrifft. Individuelle Anpassungen sind durch Webservices angebundenen und von Release-Änderungen nicht berührt. Bei unserer ERP-Lösung können die Anwender ihre Geschäftsabläufe mit den beiden Tools „Service Connect“ sowie „Business Process Management (BPM)“ standardisiert selbst konfigurieren. Aktualisieren wir das ERP-Release, müssen Anwender ihre Anpassungen nicht erneut umsetzen. So bleiben alle getätigten ERP-Investitionen für die Zukunft gesichert.

IT-DIRECTOR: Wenn Sie an aktuelle Projekte denken – aus welchen Gründen führen die Unternehmen heutzutage neue ERP-Systeme ein?
H. Stehlik:
Häufig sind noch veraltete ERP-Systeme im Einsatz. Wächst das Unternehmen oder ändert sich das Geschäftsmodell des Anwenders, beispielsweise im Zuge einer internationalen Neuausrichtung, stößt das bislang eingesetzte System an seine Grenzen. In diesem Falle sollte eine neue Software unbedingt auf Unicode basieren, um weltweit sämtliche Sprachversionen zu unterstützen.

IT-DIRECTOR: Welche Erfahrungen aus globalen ERP-Projekten können Sie aufweisen?
H. Stehlik:
Wir können auf zahlreiche multinationale Projekte für Top-500-Unternehmen verweisen. Dabei konzentrieren wir uns vorrangig auf die Branchen Fertigung, Distribution sowie den Dienstleistungssektor. Zu unseren rund 20.000 Kunden zählen Unternehmen aus dem gehobenen Mittelstand mit einem Umsatz von 50 bis mehreren 100 Mio. Euro.

IT-DIRECTOR: Welche Systeme implementieren Sie vorrangig bei den Kunden?
H. Stehlik:
In Europa gehen wir den Markt mit zwei ERP-Produkten an. Dabei handelt es sich zum einen um „­iScala“, das sich auch aufgrund seiner 35 Sprachversionen für den Second-Tier-Bereich gut eignet. Zum anderen bieten wir mit „Epicor ERP“ ein auf die Bedürfnisse gehobener Mittelständler hin entwickeltes Komplettsystem an, das insbesondere Bereiche wie Distribution, Fertigung und Servicegeschäft optimal unterstützt.

IT-DIRECTOR: Welche ERP-Funktionen sind für die Fertigungsbranche wichtig?
H. Stehlik:
Hierzulande sind Fertigungsunternehmen meist sehr spezialisiert aufgestellt. Häufig handelt es sich um Einzelfertiger mit einem niedrigen Volumen und einer hohen Produktkomplexität. Auf Massenfertigungen trifft man hingegen eher im asiatischen Raum.

Die hiesigen Fertigungsspezialisten besitzen ureigene Prozesse, die in einer ERP-Software abgebildet werden müssen. Gerade bei der Produktionsplanung und -steuerung können wir dank unserer SOA-Architektur und der individuellen Konfigurierung den besonderen Prozessanforderungen entsprechen.

Desweiteren haben wir auf Basis unserer Erfahrung bei Einzel- und Kleinfertigern bestimmte Best-Practices-Vorgehen entwickelt. Eine solche Vorlage kann zwar nicht einfach über die Prozesse eines Unternehmens gestülpt werden, aber sie deckt in der Regel rund 80 Prozent aller Vorgänge im Standard ab. Die restlichen 20 Prozent konfigurieren wir mit unseren Tools auf die speziellen Anforderungen hin, denn diese stellen meist das individuelle Erfolgsrezept des Unternehmens dar.

IT-DIRECTOR: Bemerken Sie eine verstärkte Nachfrage nach Cloud-Lösungen?
H. Stehlik:
Im Moment zählt ERP als Cloud-Lösung bei uns definitiv nicht zu den Verkaufsschlagern. Die meisten IT-Verantwortlichen halten sensible ERP-Daten lieber im eigenen Betrieb vor. Nur wenige sind offener und haben bereits erste Erfahrungen mit ERP-Services aus der Cloud gesammelt.

Jedoch: Kürzlich haben wir das Unternehmen Solarsoft übernommen. Dieser Anbieter nennt zahlreiche Technologien im Hosting-Bereich, z.B. für Software as a Service (SaaS), sein Eigen. Auf dieser Basis wollen wir künftig unser bestehendes Angebot weiterentwickeln, um noch in diesem Kalenderjahr effiziente Cloud-ERP-Services anbieten zu können.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten Anwenderunternehmen bei ­einem Umstieg in die Cloud vor allem achten?
H. Stehlik:
Die Hochverfügbarkeit ist genauso wichtig wie der gesamte Sicherheitsbereich. An dieser Stelle gibt es jedoch noch offene Fragen zu klären, wobei der Gesetzgeber gefordert ist, praktikable und vernünftige Gesetze zu verabschieden. Wir als Hersteller können solche externen Faktoren nicht beeinflussen, müssen jedoch die Cloud-Technologien beherrschen.

IT-DIRECTOR: Wie kann man sich die künftige Epicor-Cloud vorstellen?
H. Stehlik:
Wir besitzen zwei Rechenzentren in Texas/USA sowie in Großbritannien. In letzterem betreibt Epicor bereits zahlreiche Applikationen wie beispielsweise Personalmanagementsysteme. Dieses Hosting-Center wollen wir nun schrittweise ausbauen, um von dort aus künftig unsere Cloud-Lösungen anzubieten. Entsprechend werden wir unsere Lizenz- sowie auch die Abrechnungsmodelle und Preislisten anpassen.

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok