Achim Reinhardt ist (Mit-)Inhaber und Geschäftsführer der Smartmove GmbH.
Die Energiebranche befindet sich im Umbruch. Gesetzgeber auf bundesdeutscher und europäischer Ebene geben in rasantem Tempo neue Regeln vor. Diese sollen, den Umbau der Energieversorgung, mehr Transparenz für Verbraucher sowie einen funktionierenden Wettbewerb garantieren. Für Energieversorger, die mit Massenprozessen und großen Datenmengen umgehen müssen, führen die gesetzlichen Veränderungen zu einem immensen Zeitdruck, sie erhöhen die Komplexität und führen zu einem erhöhten Bedarf an Ressourcen sowie steigenden Kosten. Diese Änderungen stellen hohe Anforderungen an die Prozesse sowie die IT und erfordern innovative IT-Strategien.
Diese Situation ist jedoch nur die Fortschreibung einer Entwicklung, an deren Herausforderungen oft noch immer gearbeitet wird: Mit der Liberalisierung des Marktes gingen viele Energieversorgungsunternehmen (EVU) Kooperationen ein, fusionierten oder gründeten Shared Service Centre, um dem zunehmendem Wettbewerb zu begegnen. Ehemals integrierte Unternehmen wurden wegen der sogenannten Unbundlingvorgaben in Vertriebs- und Netzgesellschaften gespalten, die eigene IT- und Abrechnungssysteme etablierten. Um Kosten zu senken, stellten Unternehmen ihre Geschäftsprozesse teils komplett neu auf. Dabei ist der Energiemarkt ein regulierter Markt, in dem die meisten Abläufe vom Gesetzgeber oder der Regulierungsbehörde, der Bundesnetzagentur (BNetzA), vorgegeben sind und deren Einhaltung kritisch begleitet wird.
Vorgaben für Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität (GPKE) und für Geschäftsprozesse für den Lieferantenwechsel (GeLi Gas) oder zu Wechselprozessen im Messwesen erfordern einen internen und mit den Marktpartnern harmonisierten Datenaustausch. Seit 2010 kommt die Pflicht zum Angebot von intelligenten Zählern, den Smart Metern, hinzu. Auch treten mit Messdienstleistern neue Unternehmen in den Markt ein, mit denen die Kommunikation vorgabenkonform durchgeführt werden muss. Seit 2011 müssen Energieunternehmen zudem lastvariable und tageszeitabhängige Tarife und auf Wunsch unterjährige Abrechnungen anbieten. Dies führt zu einem weiteren Anstieg der Vorgangs- und Datenmenge, da wesentlich mehr Daten durch die Billingsysteme bewegt werden müssen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien führt zusätzlich zu einem Anstieg der Komplexität. Zukunftsszenarien sehen vor, dass jeder Kunde nicht nur Abnehmer der Energie ist, sondern selbst, etwa über die eigene Solaranlage, Energie in das Netz einspeist. Das bedeutet, dass immer mehr, teils kleinere Mengen ordnungsgemäß abgerechnet werden müssen. Vor allem die Verteilnetzbetreiber benötigen hierbei Lösungen für eine fehlerfreie Abrechnung der Einspeisemengen und der Umsetzung der Berichtspflicht an die Übertragungsnetzbetreiber und die BNetzA.
Die Herausforderung für die IT besteht darin, leistungsfähige Lösungen zu gewährleisten, die der anfallenden, um ein Vielfaches erhöhten Datenmenge gerecht wird. EVU müssen den wachsenden Datenumfang verdichten und gleichzeitig die anfallenden Kosten zu kontrollieren. Dies findet außerdem unter zunehmendem Zeitdruck statt. Das neue Energiewirtschaftsgesetz erleichtert etwa Kunden den Wechsel des Anbieters. Geschäftsvorgänge inklusive der Kommunikation mit allen Marktpartnern sollen dann innerhalb von drei Wochen, statt wie bisher in sechs Wochen abgewickelt sein. Durch eine höhere Wechselbereitschaft von Privat- und Firmenkunden gewinnen auch die Kundenwertanalyse, sowie Kundenbindung und –rückgewinnung an Bedeutung. Damit steigen auch die Anforderungen an Datenbankknowhow und –landschaften.
Fehler, die durch eine mangelhafte Umsetzung aufgrund fehlender Ressourcen entstehen können, haben unangenehme Folgen. Bei Beschwerden von Marktpartnern bei der BNetzA aufgrund fehlerhafter Daten oder Fristverletzungen, drohen teilweise hohe Bußgelder. Daher müssen Unternehmen hier nachhaltige Lösungen suchen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Vor allem kleine EVU sind dabei auf kosteneffiziente Lösungen angewiesen, etwa Shared Services oder komplette Outsourcinglösungen.
Insgesamt steht dabei die Auswahl geeigneter IT-Systeme nicht im Vordergrund. Vielmehr müssen die bestehenden weiter optimiert, sowie relevante Basisdaten konsistent und fehlerbereinigt verdichtet werden. Die Daten sollten zunehmend auf unterschiedlichen Managementebenen zur Steuerung von Gesamtunternehmen und operativen Teilbereichen dienen. Die Prozesse müssen darüber hinaus mit Leben gefüllt werden und die Beschäftigten müssen diese beherrschen und mittragen. Die IT muss vielmehr als Grundlage verstanden werden, auf der eine unternehmensweit gelebte Transformation zu einer lernenden Organisation möglich wird.
Die IT im Energiesektor steht also weiterhin vor gewaltigen Herausforderungen. Für Dienstleister gibt es auch weiterhin viele Themen, bei denen sie Unternehmen unterstützen können, wobei vor allem die Spezialisten punkten können, die die Anforderungen kennen und die Herausforderungen der konkreten Umsetzung nicht aus dem Blick verlieren.