09.05.2017 Legacy-Systeme als Hürde

Digital Workspace statt On-Premise-Anwendungen

Von: Thomas Jürgen Gierich*

Wollen Unternehmen moderne mobile und digitale Arbeitsplätze einführen, müssen sie langfristig investieren und alte Anwendungen abschaffen – also auch von On-Premise-Geschäftsanwendungen aus der Windows-Ära verabschieden.

Digital Workplace

Dank Digital Workplace wird das mobile Arbeiten zum Kinderspiel.

Formularvordrucke, Aktenordner und Locher sind in den deutschen Büros vielfach bereits ausgestorben. Klassische Windows-On-Premise-Anwendungen könnten bald ebenfalls diesen Weg gehen, denn der rasante Wandel an den Büroarbeitsplätzen geht weiter. Neue Technologien erweitern die Möglichkeiten der Anwender stark. Vor allem Cloud Computing und damit verbunden die Integration des mobilen Internets verändern die Art, wie Mitarbeiter zusammenarbeiten.

Gut zwei von drei Unternehmen in Deutschland nutzen laut aktuellen Bitkom-Zahlen bereits Cloud Computing in großem Umfang und ähnliches gilt auch für mobile Apps. Viele Unternehmen setzen dabei auf ein ganzheitliches Arbeitsplatzmodell. Die meisten der klassischen Software- und Hardware-Kategorien verschwinden und werden durch einen Arbeitsplatz aus dem Rechenzentrum ersetzt.

Legacy-Systeme als Digitalisierungshürde

Der herkömmliche Windows-Desktop mit lokal installierten Anwendungen gerät langsam in den Hintergrund. Vor allem in technologienahen Unternehmen bevorzugen die Mitarbeiter einen flexiblen, ortsunabhängigen Zugriff auf ihre Anwendungen. Die bisher bekannten Windows-Geschäftsanwendungen entpuppen sich dabei häufig als Hürde: Umständlich zu installieren und zu aktualisieren, hohe Ansprüche an die Geräteressourcen und im Falle von Eigenentwicklungen oft auch die Orientierung an älteren Standards bei der Benutzeroberfläche.

Über die Jahre hinweg hat sich gerade in erfolgreichen und langfristig im Markt aktiven Unternehmen ein wahrer Wildwuchs aus unterschiedlichen Technologiegenerationen gebildet. Vor allem bei Finanz- und Versicherungskonzernen gibt es zum einen noch Anwendungen für den Mainframe, zum anderen Windows-Programme mit selbst gebauten Sonderlösungen. Ähnliche Dinosaurier-Zoos finden sich in allen Branchen und sie sorgen für Probleme, denn sie sind nicht zu sinnvollen Kosten in eine Digital-Workplace-Lösung zu integrieren. Lediglich bei Win32/64-Applikationen ist es möglich, die Virtualisierungstechnologie als Krücke für den Weg in die Workplace-Cloud zu nutzen.

Diese Digitalisierungshürden sind nicht einfach zu überwinden. Im Durchschnitt machen selbstentwickelte Altanwendungen etwa ein Fünftel aller Business-Applikationen aus. Zudem sind sie häufig geschäftskritisch, da sie oft speziell für interne Prozesse und Regeln entwickelt wurden, da die zum Entwicklungszeitpunkt verfügbaren Standardanwendungen nicht alle Anforderungen erfüllen konnten.

Standardanwendungen wandern in die Cloud

Etwas besser stehen da die Unternehmen, denen es in den letzten zehn Jahren gelungen ist, auf Standardanwendungen umzusteigen. Denn auch die Hersteller wechseln mit ihren Produkten Zug um Zug zu Cloud-Services um und nehmen ihre Kunden mit. Das prominenteste Beispiel ist Microsoft Office, die inzwischen als Cloud-Lösung Office 365 vertrieben wird. Es lässt sich einfach in einen digitalen Arbeitsplatz integrieren. Der Vorteil: Die Lösung ist „abwärtskompatibel“ und unterstützt Windows-10-Desktop-Computer ebenso wie mobile Geräte unter Windows, Android oder iOS.

Ähnliche Lösungen gibt es auch bei anderen Standardanwendungen, etwa von SAP mit Business One oder von Microsoft mit Dynamics 365. Sie sorgen dafür, dass der Wechsel auf eine plattformunabhängige Workplace-Lösung etwas leichter fällt und nicht durch die vorhandene Software konterkariert wird. Dabei gibt es von diesen Anbietern auch Lösungen für die Hybrid Cloud, bei der ein Teil der Anwendungen on premise bleibt und ein Teil in der Cloud genutzt wird.

Wer technologisch in den letzten Jahren am Ball geblieben ist und aktuelle Versionen seiner vorhandenen Software nutzt, hat nun den Vorteil des schnellen Einstiegs in die Cloud. Leicht zu konfektionierende digitale Arbeitsplätze wie der Dynamic Workplace von T-Systems vereinfachen den Weg in die digitale Arbeitswelt noch weiter, da sie die entsprechenden Lösungen von SAP und Microsoft bereits integriert haben.

Doch alle Firmen, die in den letzten Jahren die Legacy-Systeme nicht durch Standard-Anwendungen ersetzt haben, müssen erkennen: Die technologische Karawane ist bereits weitergezogen. Im Moment rüsten viele Unternehmen auf Webstandards um und nutzen HTML5-Apps im Browser, die als Frontend für leistungsfähige Backend-Systeme dienen. Das herkömmliche Client/Server-Computing, bei dem eine lokal installierte Windows-Anwendung auf Server-Anwendungen zugreift, ist ein langsam aussterbendes Konzept.

Vollständige Digitalisierung der Arbeitsplätze

Angesichts dieser Entwicklung kommt vielen CIOs sicher ein ketzerischer Gedanke: Lohnt es sich überhaupt noch, in proprietäre Altsysteme zu investieren? Ist das Prädikat „Ready for Windows 10“ überhaupt erstrebenswert? Denn die Etablierung des Digital Workplace ist nicht kostenlos zu haben, je nach Unternehmensgröße sind beeindruckende Etats erforderlich. Ein Beispiel: Die Umrüstung ihrer vielen Eigenentwicklungen führte bei einer Bank dazu, das ein mittleres zweistelliges Millionenbudget bereitgestellt werden musste, um dieses Projekt zu stemmen.

Nebenbei kann ein Unternehmen das nicht erledigen. Der hohe Aufwand wird Skeptiker auf den Plan rufen, die den Sinn des digitalen Arbeitsplatzes bezweifeln. Doch wer die Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, wird wissen: Das klassische Büro und damit der auf einen Desktopcomputer ausgerichtete Arbeitsplatz ist Vergangenheit. Um die Produktivität der Mitarbeiter zu erhalten, müssen die Unternehmen darauf reagieren und mit digitalen Arbeitsplätzen mobile und stationäre Nutzungsszenarien zusammenfassen.

Bei der Einführung von Digital Workplaces handelt sich nicht um ein Projekt, das in einem Schritt zum Ziel gebracht werden kann. Die üblichen Projektlaufzeiten von maximal drei Jahren werden kaum ausreichen, um einen umfassenden und integrierten Digital Workplace zu erreichen. Daher sollten Unternehmen bereits jetzt keine Gedanken mehr an Legacy-Systeme verschwenden, sondern lieber Wert auf die Zukunftssicherheit legen und ohne Umwege die vollständige Digitalisierung der Arbeitsplätze angehen.

* Der Autor Thomas Jürgen Gierich ist Head of International Solution Sales Workplace Solutions bei T-Systems.

Bildquelle: Thinkstock/Moodboard

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