25.04.2017 Zeit für den Wandel

Digitalisierung: So bleiben IT-Dienstleister am Ball

Von: Ina Schlücker

Immer schneller drängen neue Informationstechnologien auf den Markt und verändern die Geschäftsabläufe vieler Anwenderunternehmen. Entsprechend müssen auch ihre ­IT-Dienstleister auf der Höhe der Zeit bleiben. Doch wie?

In Zeiten des Wandels sollten IT-Dienstleister neben ihrer fachlichen Kompetenz auch weiche Faktoren nicht außer Acht lassen.

Digitalisierung lautet das Schlagwort, welches wohl kaum noch ein Unternehmenslenker, IT-Verantwortlicher oder Fachbereichsleiter hören kann. Dabei sollen sämtliche Unternehmensbereiche künftig digitalisiert und somit auch automatisiert und standardisiert werden. Laut einer vergangenen Februar veröffentlichten Studie von Capgemini sind 82 Prozent der IT-Verantwortlichen im deutschsprachigen Raum der Meinung, dass die Digitalisierung die Geschäftsmodelle ihrer Branche verändert. Als Antwort darauf stellen IT-Verantwortliche in erster Linie Mitarbeiter mit dem entsprechenden Know-how ein (82,7 Prozent) und engagieren Beratungsunternehmen (66 Prozent).

Demnach stemmen insbesondere Großunternehmen und Konzerne mit tausenden von Büroarbeitsplätzen und breiter Produkt- oder Service-Palette aufwendige Digitalisierungsprojekte mit Hilfe von außen. Doch ins Boot geholt werden nicht nur traditionelle Unternehmensberatungen wie Accenture, Capgemini, KPMG oder PwC. Daneben kommen auch klassische IT-Dienstleister wie Atos, Bechtle, Cancom, Computacenter oder T-Systems zum Zuge. Im Rahmen der Zusammenarbeit sind nicht nur die Kunden, sondern auch die Service-Anbieter gefordert, umzudenken und sämtliche neue Technologien und Trends erfolgreich in Kundenprojekte einfließen zu lassen. „Die Rolle, die IT-Dienstleister spielen, kann gar nicht hoch genug bewertet werden“, betont Henning von Kielpinski, Leiter Business Development bei Consol Software. „Denn letztlich stellen sie das IT-Rückgrat ihrer Kunden dar. Dieser Verantwortung sollten sich die Dienstleister bewusst werden und alles tun, um ihr gerecht zu werden. Dazu gehört auch der eigene Wandlungsprozess“, fordert von Kielpinski.

In Zeiten des Wandels sollten IT-Dienstleister neben ihrer fachlichen Kompetenz auch weiche Faktoren nicht außer Acht lassen. Denn als die größten Hürden für die Digitalisierung bezeichnen die Teilnehmer der Capgemini-Studie nicht nur den Fachkräftemangel und unflexible Geschäftsprozesse, sondern vor allem auch starre Organisationsstrukturen, fehlende übergreifende Planung sowie unklare Verantwortlichkeiten. „Die Digitalisierung ist offenbar weniger eine technische als vielmehr eine organisatorische Herausforderung. Althergebrachte Strukturen behindern den Wandel, sowohl auf Unternehmensebene als auch in der IT-Abteilung. CIOs, in deren Unternehmen Digitalisierung eine hohe Bedeutung hat, sind eher zu Veränderungen bereit. Das zahlt sich offenbar aus, denn diese Unternehmen sind bei der Vernetzung und Analyse der Daten weit fortgeschritten und bereits dazu übergegangen, aus den Erkenntnissen neue Produkte und Services zu entwickeln“, bewertet Dr. Uwe Dumslaff, Chief Technology Officer bei Capgemini in Deutschland, die Ergebnisse.

Blick in die Praxis


In welche Richtung aktuelle Projekte mit IT-Dienstleistern gehen, zeigen folgende zwei Beispiele: Unlängst erhielt Computacenter einen Großauftrag vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt für die Bereitstellung verschiedener IT-Service-Leistungen für bundesweit zwanzig Standorte und in der Zentrale der Helmholtz-Gemeinschaft. Nach Angaben des Anbieters hat der Vertrag eine Laufzeit von drei Jahren mit einer Verlängerungsoption auf insgesamt fünf Jahre. Damit übernimmt Computacenter einen Großteil der mit rund 150 Mio. Euro europaweit ausgeschriebenen IT-Services und verantwortet damit nun alle Standard-IT-Infrastrukturleistungen, die den Anwendern beim DLR zur Verfügung stehen.

Im Detail umfassen die Leistungspakete Datacenter- sowie End-User-Services und den Betrieb von rund 10.000 Windows- und 2.000 Linux-Clients inklusive Software-Verteilung sowie den Betrieb des zentralen User Helpdesks. Hinzu kommt der Betrieb von Active-Directory- (AD) und Exchange-Services für rund 13.000 Konten sowie im Netzwerkbereich von mehr als 16.000 Local-Area-Networks-Ports (LAN) des Kunden. In den nächsten Monaten wird der IT-Dienstleister die Services des bisherigen Providers ablösen und diese Schritt für Schritt in den standardisierten Betrieb des neuen Dienstleisters überführen.

In einem anderen Projekt hat die Hotelgruppe Motel One bereits im Februar 2017 ihre Büroarbeitsplätze in die sogenannte „AHP Enterprise Cloud“ der Cancom-Gruppe verlegt. Der Hintergrund: Die deutsche Hotelkette will in den nächsten Jahren verstärkt ins europäische Ausland expandieren. Durch die Virtualisierung der Arbeitsplätze sollen die Mitarbeiter jetzt orts- und zeitunabhängig auf ihre Büroanwendungen zugreifen können – unabhängig davon, welches Endgerät sie gerade nutzen. „Mit der Verlegung unserer Arbeitsplätze in die Enterprise Cloud, erhalten wir die notwendige Flexibilität und Agilität für einen reibungslosen Hotelbetrieb in ganz Europa“, erklärt Karsten Tremmel, Projektmanager IT bei Motel One. „Zusätzlich unterstützt uns die Cloud-Lösung IT-seitig bei unserer Wachstumsstrategie.“

Die Entkoppelung der IT-Arbeitsplätze von der Hardware soll überdies weitere Vorteile bieten: So sei ein lokaler IT-Support nicht mehr notwendig, da Cancom und die wesentlich am Projekt beteiligte Tochtergesellschaft Pironet sämtliche Software-Anwendungen zentral und automatisiert bereitstelle und dafür sorge, dass diese immer auf dem aktuellen Stand sind. Der Datenschutz wird dabei durch den Betrieb in deutschen Rechenzentren der Pironet nach ISO 27001 sichergestellt, heißt es.

Zudem sollen die PC-Arbeitsplätze aufgrund der nutzungsabhängigen Abrechnung nur noch dann Kosten verursachen, wenn sie auch tatsächlich genutzt werden. Und schließlich sei die Cloud-Lösung beliebig skalierbar, das heißt: Stellt Motel One Mitarbeiter ein, lassen sich überall auf der Welt einfach weitere Arbeitsplätze per Mausklick hinzubuchen. Dasselbe gilt auch für neue Applikationen. So kann die Kernanwendung der Hotelkette, die Hotel Management-Software Sihot, auch weiterhin problemlos von jedem Ort genutzt werden.

 

IT-Dienste im Wandel


In Zeiten sich stets weiter entwickelnder Informationstechnologien wie Big Data, Internet of Things, Cloud oder Industrie 4.0 müssen sich IT-Dienstleister einem grundlegenden Veränderungsprozess unterwerfen. Eine systematische Vorgehensweise kann ihnen helfen, sich zu sortieren:

1. Ziele festlegen: Welche Art von Dienstleistung wollen IT-Dienstleister in welchem Umfang anbieten? Sollen Unternehmen tatsächlich ganzheitlich beraten werden? Was ist die Tragweite, wenn ein ­solcher Schritt festgelegt wird? Muss etwa investiert werden? Am Ende sollte eine detaillierte Roadmap mit Zielen, Inhalten und Aufwand festgeschrieben werden.

2. Status quo ermitteln: Was sind die bisherigen Stärken des Unternehmens, und welche Bereiche werden bislang abgedeckt? Sicherheit, ERP, Big Data oder Business Intelligence? Wo gibt es, ­basierend auf der Festschreibung der Ziele, Nachhol- oder Ausbaubedarf?

3. Organisation anpassen:
Je nach Ziel muss der IT-Dienstleister seine interne Organisation anpassen: Aufteilung nach Bereichen oder Technologie, möglicherweise Schaffung von virtuellen Teams aus mehreren Bereichen, die den Kunden interdisziplinär begleiten können.

4. Know-how aufbauen: Sollen Prozesse bei Kunden verbessert oder sogar die Grundlagen von neuen Geschäftsideen mitentwickelt werden, ist zusätzliches Know-how notwendig. Sinnvoll sind dabei ­intensive und regelmäßige Produkt-, Technologie- oder Business-Schulungen.

5. Moderieren lernen: Zur Moderation gehört nicht nur technisches oder formales Wissen, sondern auch die Fähigkeit, eine heterogene Gruppe zu leiten oder gegensätzliche Interessen von Abteilungen zu vereinen – vorrangig bei der digitalen Transformation. Wer diese Fähigkeiten nicht besitzt, kann sie mithilfe von Moderationsspezialisten aufbauen.

6. Personal-Skills aufbauen: Ein externer IT-Dienstleister kann Unternehmen auch dabei unterstützen, ihre Organisation anzupassen: etwa den richtigen Mitarbeiter für die Position eines Chief Digital ­Officers finden oder Treiber für die digitale Transformation in den einzelnen Abteilungen zu identifi­zieren. Ein gutes Gespür ist dafür Voraussetzung.

Quelle: Consol


Bildquelle: Thinkstock/iStock

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