Michael Gerhards, Bull

Ein neues Paradigma

Interview mit Michael Gerhards, bis Mitte Februar 2012 Geschäftsführer bei der Bull GmbH in Köln und seitdem bei der Bull-Gruppe weltweit für die strategische ­Entwicklung des Produktgeschäfts verantwortlich, über fließende Übergänge zwischen Managed ­Services und Cloud Computing

Michael Gerhards, Bull

Michael Gerhards von der Bull-Gruppe

IT-DIRECTOR: Herr Gerhards, unter Analysten wie Anbietern kursieren unterschiedlichste Definitionen von Cloud Computing – was versteht man bei Bull unter diesem Bezugsmodell?
M. Gerhards:
Wir sehen Cloud Computing als ein neues Paradigma, das sich von herkömmlichen IT-Strukturen und Strategien differenziert. Cloud Computing kommt dann zum Leben, wenn es gelingt, einzelne Dienste zu kapseln, individuell bereitzustellen und so zu gestalten, dass sie abrechenbar sind. Dies setzt sowohl hinsichtlich der In­frastruktur als auch der Software ein hohes Maß an Flexibilität und Skalierbarkeit voraus. Darüber hinaus müssen Schnittstellen bereitgestellt werden, um intern und extern bereitgestellte Dienste miteinander zu verknüpfen.

IT-DIRECTOR: Wo sehen Sie den Übergang zwischen Cloud Computing und Managed Services?
M. Gerhards:
Bei den meisten Unternehmen findet man heute Hybrid-Konstellationen aus traditionellen Anwendungsumgebungen und Diensten vor, die teils über eine private Cloud, teils über Public Clouds zur Verfügung gestellt werden. Der Übergang zu Managed Services ist dabei fließend: Hochgradig standardisierte Anwendungen können heute oft problemlos über externe Clouds angeboten werden, aber in den Lösungsumfeldern, in denen ein individuelles Customizing und eine intensive Betreuung der Anwender notwendig ist, sehe ich eher Vorteile, die Dienste in einer ausgelagerten privaten Cloud als Managed Service zu betreiben.

Aus diesem Verständnis heraus haben wir ein Cloud-Portfolio entwickelt, das genau diesen heterogenen Strukturen Rechnung trägt. Es besteht aus vier Bausteinen: Beratungsdienstleitungen, IT-Infrastrukturen, Hostingservices und Sicherheitslösungen. Wir nennen das – als französisches Unternehmen – „Le Cloud by Bull“.

IT-DIRECTOR: Kaum ein Unternehmen wird seine IT auf einen Schlag in eine private Cloud heben, da sich insbesondere vorhandene Altsysteme nicht per Knopfdruck migrieren lassen. Wie helfen Sie Ihren Kunden konkret bei dem Weg in die Cloud?
M. Gerhards:
Als erstes gilt es, unsere Kunden bei der Entwicklung ihrer individuellen Cloud-Strategie zu unterstützen. Hier setzen wir mit unseren „Advisory Services for Cloud Computing“ an. Dabei analysieren wir zunächst das bestehende Umfeld – sowohl hinsichtlich der Infrastruktur als auch der Lösungen und Prozesse – und entwickeln Empfehlungen für die optimale Cloud-Strategie. Gemeinsam mit dem Kunden selektieren wir dann im nächsten Schritt die geeigneten Anwendungsumgebungen, die wir mithilfe einer Scorecard-Analyse, bei der Return on Invest, Geschäftsprozessoptimierungen, Relevanz für die Kundenzufriedenheit und Organisationsentwicklung in die Bewertung einfließen. Die so entstandene Referenzarchitektur bildet dann die Basis für die langfristige, individuelle Cloud-fähige IT-Infrastruktur.

IT-DIRECTOR: Mit einer speziellen Plattform wollen Sie die Realisierung privater Wolken in Unternehmen ermöglichen. Wie funktioniert dies im Detail?
M. Gerhards:
Die „Bullion Cloud Platform“ ist der nächste Baustein unserer Cloud-Strategie. Bereits heute haben wir mit dem VMware-Mainframe Novascale Bullion sowie der AIX-basierten Escala-Modellfamilie ideale Plattformen für den Aufbau privater Clouds im Angebot, die Sicherheit, Skalierbarkeit und Flexibilität bieten. Doch mit unserer neuen Plattform gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir haben auf Basis der Novascale Bullion drei unterschiedliche Pakete – alle mit hinreichenden CPU- und RAM-Ressourcen, EMC-Storage und VMware vSphere 5 bestückt – für verschiedene Einsatzzwecke geschnürt, die die Implementierung vereinfachen. Das Discovery-Paket ist dabei auf Agilität ausgelegt und ist ideal, wenn beispielsweise Entwicklungsabteilungen „mal schnell“ weitere Ressourcen benötigen.

Das auf Kosteneffizienz ausgelegte Department-Paket kommt zusätzlich mit einer Backup-Lösung, und Performance-Analyse-Tools auf den Markt. Und das auf hohe Sicherheit in der Cloud ausgelegte Enterprise-Paket beinhaltet darüber hinaus von uns entwickelte Lösungen zur Data Leak Prevention (DLP), für das Identity- und Access-Management (IAM) sowie zur Datenverschlüsselung nach dem europäischen Sicherheitsstandard EAL2+.

IT-DIRECTOR: Stichwort Sicherheit – was gilt es beim Umstieg in die Cloud hinsichtlich des Datenschutzes und der Sicherheit zu beachten und auf welche Art und Weise können Sie den hohen Sicherheitsbedürfnissen der Anwender gerecht werden?
M. Gerhards:
Sicherheit ist das A und O jeder Cloud-Strategie – und ist der dritte Baustein von „Le Cloud by Bull“. Wie gerade erwähnt offerieren wir Lösungen für IAM, DLP und zur sicheren Verschlüsselung in Netzwerken. Darüber hinaus bieten wir unseren Kunden Cloud-Security-Assessment-Services an, mit denen wir Lücken im Sicherheitssystem aufspüren können.

Nicht zuletzt können wir für unsere Kunden auch als vertrauensvoller Partner für das Hosting und das Supervising der Cloud-Umgebungen fungieren – dies ist der vierte Bestandteil unserer Strategie. Dabei ist es für die Anwender beruhigend zu wissen, dass ihre Daten ausschließlich in Europa gehostet werden und damit nicht dem potentiellen Zugriff von US-Behörden nach dem Patriot Act ausgesetzt sind.

IT-DIRECTOR: Für welche Ihrer Kunden eignet sich der Umstieg in eine private Cloud am meisten?
M. Gerhards:
80 Prozent der Unternehmen befassen sich heute mit Cloud-Strategien, der überwiegende Teil befindet sich aber noch in Assessments oder hat die Wolke nur in Teilbereichen umgesetzt. Nur 15 Prozent der Unternehmen setzen heute voll auf Cloud-Technologien. In der Realität finden wir überwiegend gemischte Implementierungen von privaten und partiellen Public Clouds. Die Early Adaptors sind hier vor allem in Finanzabteilungen, im Handel und im Gesundheitswesen zu finden. Aber auch für kleinere Mittelstandskunden bieten Cloud Services die Chance, anspruchsvolle Anwendungen ohne eigenes Personal für den Betrieb zu nutzen. Auch diese Zielgruppe können wir bedienen: So bieten wir Unternehmen z.B. das Hosting der Open-Xchange-Lösung für E-Mail und Collaboration in der Cloud an.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns einen konkreten Anwendungsfall einer Private Cloud schildern?
M. Gerhards:
Wie Sie vielleicht wissen, sind wir ebenfalls  im Bereich des High Performance Computing unterwegs – drei der weltweit stärksten Supercomputer stammen von uns. Privatwirtschaftliche Firmen benötigen ebenfalls derartige Rechenleistungen, z.B. Versicherungen für die Berechnungen im Risikomanagement oder metallverarbeitende Betriebe für die Entwicklung ihrer Produkte. Das Problem dabei: Nicht immer lohnt sich für solche Unternehmen die Anschaffung eines Supercomputers, da die extreme Rechenleistung nicht permanent, sondern nur sporadisch abgerufen wird. Hier können wir weiterhelfen: Mit „Extreme Factory“ bieten wir Kunden die Möglichkeit, ihre Berechnungen und Analysen auf den Supercomputern in unseren Rechenzentren zu fahren. Abgerechnet wird dabei nach dem Pay-per-Use-Verfahren. Das ist Supercomputing aus der Cloud, das sich jeder leisten kann.

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