Interview mit Holger Zultner, IBM

Fast wie ein Fertighaus

Interview mit Holger Zultner, Direktor IBM Site and Facility Services, über die Vorteile standardisierter RZ-Module inklusive der Planung, des Baus sowie der technischen Gebäudeausstattung

Holger Zultner, IBM

Holger Zultner, IBM

IT-DIRECTOR: Herr Zultner, mit Module One bieten Sie ein „Rechenzentrum von der Stange“ an. Was ist damit gemeint?
H. Zultner:
Es handelt sich um ein standardisiertes, modulares, energieeffizientes sowie versorgungsstabiles RZ-Konzept, das dennoch genügend Raum für individuelle Ausstattungswünsche lässt. Damit folgen wir einem Industrialisierungsprinzip, das sich auch für Rechenzentren eignet. Denn Analysen unserer Projekte aus den vergangenen fünf Jahren haben ergeben, dass es im Hinblick auf die allgemeinen Anforderungen bei Bau und Planung eine 80prozentige Übereinstimmung vergleichbar leistungsfähiger RZs gibt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Nur 20 Prozent der Anforderungen sind individuell unterschiedlich. In dieser hohen Kompatibilitätsrate liegt gleichzeitig der Schlüssel für die enorme Kostenersparnis, die sich aus einem standardisierten, modularen Ansatz ergibt.

IT-DIRECTOR: Aus welchen einzelnen Hardwarekomponenten und Services setzt sich das Paket zusammen?
H. Zultner:
Ähnlich dem Bau eines Fertighauses liefern wir alles außer der Einrichtung. Unsere Leistungen umfassen Planung, Bau sowie die technische Gebäudeausstattung. Damit haben unsere Kunden zunächst einmal freie Wahl, mit welchen Racks und Servern sie ihr RZ ausstatten wollen. Natürlich können wir als Ende-zu-Ende-Anbieter auch anders: Gemeinsam mit Kollegen aus Beratung, Services, Hardware und Software sind wir auch in der Lage, unseren Kunden Rundum-Pakete zu schnüren – mit aufeinander abgestimmten technischen Komponenten und Serviceleistungen.

IT-DIRECTOR: Wie können Sie die Sicherheit eines standardisierten Rechenzentrums garantieren?
H. Zultner:
Unser Konzept folgt höchsten Sicherheitsstandards. So gibt es grundsätzlich getrennte Zugänge für IT und Technik. Zudem legen sich nach dem „Zwiebelschalenprinzip“ die IT- und Technikflure als brandlastarme Pufferzone schützend um die IT-Flächen. Im Hinblick auf die Einbruchmeldetechnik erfüllen wir die VdS-Klasse C und sind level-3-konform nach TüViT geprüft. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die Sicherheit bzw. Zutrittskontrolle als auch die Verfügbarkeit. IP-Kameras für Außen- und Innenbereiche überwachen darüber hinaus Tag und Nacht das Gebäude.

IT-DIRECTOR: Für welche Anwenderunternehmen bzw. Einsatzzwecke passt die Lösung am besten?
H. Zultner:
Unser Konzept wurde für den Neubau auf der grünen Wiese entwickelt. Wir können oberirdisch, unterirdisch oder mehrstöckig bauen. Für RZ-Erweiterungen oder Zwischenlösungen während eines Umzugs stehen andere Alternativen aus unserem Portfolio zur Verfügung.

IT-DIRECTOR: Wie gestalten sich konkret die Implementierungszeiten der RZ-Lösung?
H. Zultner:
Ein Vorteil unserer Lösung liegt – bedingt durch den hohen Industrialisierungsgrad – in der maßgeblichen Reduzierung der Implementierungszeit. Denn von der Planung bis zum Betrieb werden standardisierte bauliche Komponenten sowie aufeinander abgestimmte Infrastrukturkomponenten eingesetzt, die sowohl die Planungs- als auch die Realisierungszeiten um mehrere Monate verkürzen können. Auch die Kapital- und Betriebskosten können über die gesamte Lebensdauer um bis zu 50 Prozent fallen. Ähnliches gilt natürlich auch für den Personalaufwand. Wir erbringen eine Generalübernehmerleistung (GÜ) zum Festpreis, das spart insgesamt Zeit, Geld und Ärger.

IT-DIRECTOR: Inwiefern können die Unternehmen mit der Lösung Energiekosten senken bzw. ihre Energieeffizienz erhöhen?
H. Zultner:
Energieeffizienz hat absolut hohe Priorität bei unserem Ansatz. Wir arbeiten hier mit Konzepten wie freie Kühlung und Quantum-Technologie für die Kälteerzeugung, um maximale Nachhaltigkeit bei der Nutzung von Energie sicherzustellen. Das bedeutet zwar nicht unbedingt allerhöchste Energieeffizienz, die eben auch ihren hohen Preis hat, den nur wenige Kunden erfahrungsgemäß bereit sind zu bezahlen, aber dennoch einen guten PUE-Wert um 1,4.

IT-DIRECTOR: Erst kürzlich stellten Sie mit „Retrofit“ eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Hochtief Solutions vor. Welchen Nutzen können sich Kunden von dieser Partnerschaft versprechen?
H. Zultner:
Bei dem Konzept handelt es sich – anders als bei Module One – ausschließlich um die Modernisierung bestehender Rechenzentren. Bei diesem Thema arbeiten wir eng mit unserem Partner Hochtief zusammen. Unser gemeinsames Ziel ist dabei in erster ­Linie die energetische und technische Optimierung bestehender ­Rechenzentren. Auch hier stehen Energieversorgung und Energie­flussoptimierung sowie eine hohe technische Verfügbarkeit im Vordergrund.

IT-DIRECTOR: Worauf kommt es im Zeitalter von Cloud Computing und Big-Data-Analysen bei der Sanierung bzw. Modernisierung von Rechenzentren vor allem an?
H. Zultner:
Unsere letzte CIO-Studie hat ergeben, dass 75 Prozent aller CIOs von stark zentralisierten Infrastrukturen in den nächsten fünf Jahren ausgehen. Zudem werden Big Data und Analytics, aber auch das Cloud Computing neue Anforderungen an das Design und die Leistungsfähigkeit von Rechenzentren stellen.

Wir gehen außerdem davon aus, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre die Anzahl der Server um das Sechsfache und die Speicherkapazitäten um das 69fache steigen werden. Um den wachsenden Herausforderungen an die Performance der RZs gerecht zu werden, raten wir zu einer Doppelstrategie: einerseits Fragen der Zentralisierung, physikalischen Konsolidierung, Virtualisierung und Anwendungsintegration zu klären und entsprechende Roadmaps zu ent­wickeln, andererseits eine dazu passende Facility-Infrastruktur- ­Strategie auszuwählen.

IT-DIRECTOR: Ein Blick auf die RZ-Praktiken der Anwender: Welche ­Zustände treffen Sie bei Kundenprojekten an?
H. Zultner:
Um ganz ehrlich zu sein: Wir treffen alle Zustände an – von katastrophal bis exzellent. Das reicht vom 40 Jahre alten holzvertäfelten „RZ-Wohnzimmer“ bis zum schicken Neubau. Die Finger sollten dann von einer Modernisierung gelassen werden, wenn es nicht mehr mit vertretbarem Aufwand möglich ist, auf die bestehenden Strukturen aufzubauen. Zudem muss ein Augenmerk auf die Verfügbarkeit und Sicherheit gerichtet werden. Hierauf gibt eine zertifizierte Risikoanalyse die richtigen Antworten.

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