04.08.2017 Künstliche Intelligenz und Robotics

Fluch oder Segen?

Von: Siegfried Dannehl

Immer häufiger finden Künstliche Intelligenz (KI) und Robotics hierzulande Einzug in den Unternehmensalltag. Dabei scheint ‚Mensch mit Maschine’ die optimale Lösung zu sein.

  • Automatisierung mittels Robotic

    Intelligente Automatisierung wird die Arbeitskraft der Menschen eher mit der von Maschinen verbinden als sie ersetzen.

  • Robert Gögele, Avanade

    „Die Führungsspitzen in den Unternehmen erkennen das Potential intelligenter Automatisierung. Mehr Wert aus Daten, keine stupiden sich wiederholenden Arbeitsabläufe für wertvolle Mitarbeiter, mehr Innovationskraft – das sind zentrale Vorteile“, sagt Robert Gögele, Geschäftsführer der Avanade Deutschland GmbH.

  • Armin Nassehi, Wissenssoziologe

    „Die weit verbreitete Angst vor KI beruht darauf, dass sich die Arbeitswelt radikal verändern wird“, betont Armin Nassehi, Experte für Wissens- und Wissenschaftssoziologie.

  • KI und Robotics

    Das denken die Deutschen über KI und Robotics

  • Holger Schmidt, Tech-Blogger

    „Insbesondere in kapitalintensiven Sektoren wie dem produzierenden Gewerbe oder der Logistik versprechen KI-Anwendungen hohe Produktivitätsgewinne“, betont Holger Schmidt, Tech-Blogger und Digitalisierungsexperte.

Neugierde und hohe Erwartungen auf der einen, Ängste und eine große Portion Skepsis auf der anderen Seite, halten sich aktuell in Deutschland noch die Waage, wenn es um den Einsatz von KI-Anwendungen im Unternehmensumfeld geht. Um das enorme Potential dieser Schlüsseltechnologie zu erschließen, ist neben der Entwicklung technologischer Konzepte die Auseinandersetzung mit ihren ethischen und sozialen Auswirkungen unverzichtbar.

Unter der Überschrift „Robotics und Künstliche Intelligenz – Fluch oder Segen?“ hatte das IT-Beratungshaus Avanade mehrere Experten und Journalisten nach München eingeladen. Angesichts der enormen Leistungssteigerungen hinsichtlich der Prozessorleistung und der Fortschritte in der Cloud-Technologie, sieht Robert Gögele, Geschäftsführer der Avanade Deutschland GmbH, Unternehmensleiter hierzulande zunehmend unter Handlungsdruck. „Künstliche Intelligenz ist Realität. Unternehmen, die jetzt auf den Zug aufspringen, werden die Produktivität sowie das Engagement und die Zufriedenheit der Mitarbeiter auf ein neues Niveau heben. Die Technologie ist auch eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, da es möglich ist, einen Fokus auf wirklich wertschöpfende Fachthemen zu legen“, so Gögele.

Wandel der Arbeitswelt ist unvermeidbar

Bestätigt fühlt sich Gögele nicht zuletzt durch eine aktuelle weltweite Studie des Marktforschungsunternehmens Wakefield Research unter 400 Top-Entscheidungsträgern, 400 IT-Verantwortlichen und 3.000 Verbrauchern. Die Bedeutung der intelligenten Automatisierung wurde so definiert, dass es dabei um eine Form Künstlicher Intelligenz handle, in der Maschinen sowohl das Lernen als auch das Treffen von Entscheidungen sowie die Durchführung einzelner Handlungen den Menschen nachahmen. Die Grundlage dafür seien fortschrittliche analytische Fähigkeiten sowie kognitive Dienste.

Nach den Ergebnissen der Umfrage sind 86 Prozent der Entscheidungsträger überzeugt, ihr Unternehmen müsse intelligente Automatisierungstechnologien innerhalb der kommenden fünf Jahre einsetzen, um bei den technologischen Führern dabei zu sein – in Deutschland liegt die Zahl gar bei 89 Prozent. Um in einer KI-geprägten Welt bestehen zu können, werden Entscheidungsträger neue Fähigkeiten entwickeln müssen: Mit 60 Prozent glauben demnach rund zwei Drittel aller Befragten, bzw. 55 Prozent in Deutschland, dass die Nutzung von KI wichtiger ist als beispielsweise klassisches Wissen in den Bereichen Marketing und Sales.

Während der Studie zufolge mehr als die Hälfte aller Befragten der Überzeugung waren, dass intelligente Automatisierung die Arbeitskräfte der Menschen eher mit der von Maschinen verbindet als sie ersetzt, zeigen Umfragen hierzulande eine weiterhin hohe Skepsis gegenüber KI-Anwendungen. 81 Prozent der repräsentativ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung befragten Deutschen waren der Meinung, dass der Fortschritt in der Arbeitswelt immer mehr Menschen abhängt. Studien von McKinsey scheinen diese Erwartungshaltung zu bestätigen. Demnach arbeiten 42 Prozent der Menschen in Deutschland in Berufen, die in den kommenden zehn bis 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisierbar sein werden. Allerdings – und damit relativiert Dr. Holger Schmidt, Tech-Blogger und Digitalisierungsexperte, diese Prognose – werden Berufe nie komplett, sondern nur bestimmte Tätigkeiten automatisiert. Nach seinen Worten werden deshalb in Deutschland rund zwölf Prozent der Jobs, also rund fünf Millionen Arbeitsplätze wegfallen.

Die Bereiche Internet of Things (IoT), Künstliche Intelligenz (KI), 3D-Druck sowie Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) werden nach Einschätzung von Schmidt die prägenden Trends der kommenden drei bis fünf Jahre sein. Eine führende Rolle werden seiner Einschätzung nach dabei die Finanzbranche, Hightech- und Telekommunikationsanbieter, der Sektor Transport und Logistik, aber auch Energie- und Automobilunternehmen einnehmen.

Mensch mit oder gegen Maschine?

Eine radikale Revolution in der Arbeitswelt erwartet auch Prof. Dr. Armin Nassehi, führender Experte für Wissens- und Wissenschaftssoziologie. „Mustererkennungscomputer erweitern nicht die menschliche Intelligenz, sondern bieten neue Formen von Erkenntnisgewinn. Wertschöpfungsprozesse werden immer weniger darauf beruhen, dass einzelne Personen daran beteiligt sind. Cloud-Technologien ermöglichen es, Daten zu Zwecken zu benutzen, zu denen sie ursprünglich nicht erhoben wurden. All das produziert Verunsicherung und Ängste“, so Nassehi. Er fordert neben einer stärkeren Aufklärung ein Umdenken auch in der Politik und massive Veränderungen im Bildungssystem. „Was wir Schülern und Studenten in einer stetig wachsenden digitalen Gesellschaft beibringen müssen, ist die Fähigkeit zur Rekombination von Daten.“

Nach den Worten von Robert Gögele erfordert die allumfassende Digitalisierung ein neues Verständnis von unternehmerischer Verantwortung, weil jede digitale Aktion auch unerwünschte Effekte nach sich ziehen kann. Dementsprechend sind Unternehmenslenker und Entscheider dabei, die Angst vor dem Aspekt „Mensch gegen Maschine“ zu überwinden. „Zunehmend reift die Erkenntnis, dass ‚Mensch mit Maschine’ die optimale Lösung ist. Nun müssen Führungskräfte auch ihren Mitarbeitern zeigen, dass die teilweise noch vorhandene Furcht unbegründet ist. Um künftig am Markt wettbewerbsfähig zu sein, ist das Management jetzt in der Pflicht, Visionen und Strategien für eine KI-geprägte Welt zu entwickeln.“

In einer solchen Welt ist es nach seinen Worten entscheidend, die Mitarbeiter gemäß der neuen Chancen auszubilden und zu trainieren. „In Zeiten des Fachkräftemangels ist es ohnehin geboten, die Mitarbeiter von sich stetig wiederholenden administrativen Tätigkeiten zu entlasten. Nur so lassen sich persönliche und berufliche Kompetenzen aufbauen, die das Potential intelligenter Automation heben können", so Gögele.

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